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Schwindel
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Fahndung nach den Ursachen

Schwindel ist eines der häufigsten neurologischen Symptome und Nebenwirkung zahlreicher Arzneimittel. Ältere Menschen sind besonders betroffen. Mit gezielten Fragen kann die Apotheke unterstützen.
AutorKontaktBarbara Staufenbiel
Datum 17.05.2026  08:00 Uhr

In der aktualisierten S2k-Leitlinie »Akuter Schwindel in der Hausarztpraxis« (Stand Februar 2025) wird Schwindel als ein Gefühl der Unsicherheit im Raum beschrieben. Schwindel ist keine Erkrankung, sondern eines der häufigsten neurologischen Symptome mit vielen unterschiedlichen – harmlosen oder gefährlichen – Ursachen.

Vertigo kann vorübergehend oder chronisch sein, hervorgerufen durch Störungen im peripheren und/oder zentralen Gleichgewichtsorgan, und erhöht das Risiko für Stürze und Verletzungen vor allem bei älteren Menschen. Die Lebensqualität kann je nach Heftigkeit und Dauer des Schwindels und der Begleitsymptomatik wie Übelkeit und Erbrechen deutlich eingeschränkt sein.

Der Begriff Benommenheit fasst verschiedene Empfindungen des Patienten zusammen wie Ohnmacht, Gefühl von Unsicherheit, Ungleichgewicht oder Benebeltsein im Kopf. Im Erleben des Patienten verschwimmen die Begrifflichkeiten Schwindel und Benommenheit oft.

Anatomie des Vestibularapparats

Das Gleichgewicht zu halten, beruht auf einem hochkomplexen System, bei dem der Vestibularapparat mit Sinneswahrnehmungen des Auges und des propriozeptiven Systems zusammenarbeitet. Der Vestibularapparat umfasst das periphere Gleichgewichtsorgan im Innenohr und den VIII. Hirnnerven (N. vestibulocochlearis), der die Signale zu den zentralen Vestibulariskernen im Hirnstamm und Kleinhirn weiterleitet.

Der periphere Vestibularapparat besteht aus zwei Vorhofsäckchen sowie drei bogenförmigen, mit Lymphe gefüllten Gängen, die im rechten Winkel zueinanderstehen (Grafik). Verändert der Kopf seine Position, bewegt sich die Lymphflüssigkeit in den Bogengängen und die darin befindlichen Sinneshärchen werden gereizt. In den Vorhofsäckchen (Sacculus und Utriculus) ragen die feinen Zilien der Sinneszellen in eine gallertige Masse, beschwert durch kleinste Calciumcarbonat-Kristalle (CaCO₃), die sogenannten Otolithen. Ändert sich die Haltung oder Geschwindigkeit des Kopfes, verschieben sich die Otolithen unter dem Einfluss der Schwerkraft. Dies reizt die Zilien und stimuliert oder hemmt die Weitergabe neuronaler Signale.

Über den Hör- und Gleichgewichtsnerv werden alle Reize an das zentrale Gleichgewichtszentrum zur Verarbeitung weitergeleitet. Zugleich erfolgt ein Abgleich mit Sinneswahrnehmungen des Auges, der Muskeln, Gelenke und Sehnen sowie mit Oberflächenempfindungen wie Temperatur, Druck, Berührung, Vibrationen und Schmerz.

Gerichtet oder ungerichtet

Die Betroffenen nehmen Schwindel individuell unterschiedlich wahr. Beim systematischen Schwindel mit gerichteten Scheinbewegungen wird der Drehschwindel als Karussellfahrt erlebt, der Schwankschwindel beim Aufrichten des Körpers oder Wenden des Kopfes als drohende Ohnmacht oder der Liftschwindel als Heben oder Senken des Körpers. Dagegen wird der diffuse ungerichtete Schwindel eher wie ein Gefühl der Benommenheit, Unsicherheit beim Gehen oder Schwarzwerden vor Augen beschrieben.

Zusätzlich unterscheidet man den Attackenschwindel von einigen Sekunden bis Stunden vom Dauerschwindel, der Tage bis Wochen anhalten kann.

Red Flags: Alarmsymptome bei Schwindel

In der Apotheke sollte man hellhörig werden, wenn Patienten oder Angehörige über Schwindel mit folgenden Begleitsymptomen berichten:

  • Seh-, Sprech-, Schluckstörungen,
  • starke Kopfschmerzen,
  • Lähmungen im Gesicht oder des Körpers
  • Gesichtsschmerzen mit Ausschlag (Zoster),
  • Ohnmacht,
  • Hörstörungen,
  • Spontan-Nystagmus.

Der Patient ist umgehend an den Arzt zu verweisen, denn schwerwiegende Erkrankungen des Vestibularapparats oder des Gehirns wie Schlaganfall oder Embolie können zugrunde liegen.

Störungen im peripher-vestibulären System

Vielfältige Ursachen können das periphere vestibuläre System so sehr stören, dass die Patienten über teils heftigen Schwindel und Benommenheit klagen. Zu diesen Formen gehören zum Beispiel der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel, der Morbus Menière, virale und bakterielle Infektionen oder Tumoren.

Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) ist eine häufige Form. Dabei rufen bestimmte Kopfhaltungen (im Bett umdrehen, etwas vom Boden aufheben) kurzzeitige Drehschwindelanfälle hervor. Der Grund: Otolithen haben sich aus den Vorhofsäckchen in die Bogengänge des peripheren Vestibularapparats verirrt. Sie schwimmen dann in der Endolymphe und reizen bei jeder Kopfbewegung die Sinneszellen der Bogengänge. Begleitend entwickeln sich Übelkeit und Nystagmus; das sind rhythmische Augenbewegungen, die aufgrund der Zusammenarbeit von Auge und Vestibularapparat entstehen können.

Die Therapie von BPLS erfolgt mit einem sogenannten Lagerungsmanöver, dem Epley- (Otolithen-Repositionsmanöver) oder dem Semont-Manöver. Dabei werden Drehungen des Kopfes und Bewegungen des Rumpfes so kombiniert, dass die fälschlicherweise in den Bogengängen befindlichen Otolithen wieder in ihre ursprüngliche Position in die Vorhofsäckchen rutschen. Beide Techniken führen zu demselben Ergebnis und sollten nur von erfahrenen Therapeuten vorgenommen werden. Medikamente sind nicht indiziert.

Typisch für Morbus Menière, aber individuell unterschiedlich in der Ausprägung ist ein anfallsweise auftretender Drehschwindel von 20 Minuten bis 12 Stunden Dauer mit oft einseitiger Hörminderung, Tieftonschwerhörigkeit und Tinnitus. Hinzukommen vegetative Symptome wie Übelkeit, Schwitzen und Erbrechen. Mögliche Risikofaktoren sind familiäre Vorbelastung, Autoimmunkrankheiten, Allergien, Schädel- oder Ohrtraumen. Der Häufigkeitsgipfel findet sich bei den 20- bis 50-Jährigen. Es wird vermutet, dass eine überschießende Bildung oder ungenügende Resorption von Lymphflüssigkeit im Vestibularapparat zum Stau der Endolymphe und zu erhöhter Erregung des Hör- und Gleichgewichtsnerven führt.

Die Therapie des Morbus Menière erfolgt symptomatisch. Mitunter lassen sich Häufigkeit und Schwere der Episoden durch Diuretika und salzarme Ernährung verringern. Bei heftigen Symptomen wird operativ die überschüssige Lymphe aus dem peripheren Gleichgewichtsorgan entfernt.

Auch Viren können aufs Ohr schlagen. So können Infektionen mit Herpes-simplex-Virus Typ 1 den Nervus vestibularis schädigen und zu einer Neuronitis vestibularis mit meist einseitigem Ausfall des Vestibularapparats mit Nystagmus auf der nicht betroffenen Seite führen. Folgen sind starker Drehschwindel, Übelkeit und Gangunsicherheit über Tage bis Wochen. Der Patient hat keinen Hörverlust oder Tinnitus. Die Erkrankung ist selbstlimitierend. Gefühle einer Gleichgewichtsstörung können nach der Genesung aber weiter bestehen.

Als bakterielle Innenohrinfektion führt die eitrige (purulente) Labyrinthitis oft zu Taubheit und Verlust der Gleichgewichtsfunktion. Die Symptome umfassen schweren Schwindel und Nystagmus, Übelkeit und Erbrechen, Hörverlust, Tinnitus, Schmerzen und Fieber. Zur antibiotischen Therapie werden Cephalosporine der dritten Generation eingesetzt.

Beim Akustikusneurinom handelt es sich um einen gutartigen, vom Innenohrnerv ausgehenden Tumor. Hörminderung, Schwindel, Gangunsicherheit oder Gesichtslähmung sind die Folgen.

Bei einer Vestibularisparoxysmie wird der Gleichgewichtsnerv durch pulsierende Gefäße komprimiert. Es können sekundenlange Schwindelattacken entstehen.

Gestörte Verarbeitung im Zentrum

Neben Problemen im peripheren Gleichgewichtsorgan können die Ursachen auch im zentral-vestibulären System liegen. Mögliche betroffene Strukturen sind Kleinhirn, Hirnstamm oder Hirnrinde.

Bei einem akuten zentral-vestibulären Syndrom setzen plötzlich heftige Dreh- oder Schwankschwindel ein. Bei Verdacht auf ein zentrales Ereignis, zum Beispiel einen Schlaganfall, muss der Patient notfallmäßig eingewiesen werden.

Die Ätiologie der vestibulären Migräne ist noch unklar; es wird eine neuronale Übererregbarkeit vermutet. Die Symptome sind Drehschwindelattacken mit Übelkeit, Erbrechen und Gangunsicherheit. Zudem klagen die Patienten über die typischen Migränebeschwerden wie Kopfschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit.

Weitere Ursachen für Störungen des vestibulären Zentrums mit begleitendem Schwindel sind Demenz, Stenose oder Thrombose großer Hirnarterien, Erkrankungen des Kleinhirns oder Hirnstamms, psychiatrische Störungen sowie neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson oder Epilepsie.

Gleichgewichtsorgan intakt, aber trotzdem schwindelig

Oft sind die Ursachen gar nicht dem peripheren oder zentralen Gleichgewichtsorgan zuzuordnen. Die Symptome des sogenannten nicht vestibulären Schwindels sind überwiegend ungerichtet, zum Beispiel Benommenheit oder Gangunsicherheit (Kasten).

Zahlreiche Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Hypotonie oder Hypertonie, orthostatische Regulationsstörungen, Hyper- oder Hypothyreose, Diabetes mit Unter- oder Überzuckerung, Dehydrierung bei unzureichender Flüssigkeitsaufnahme oder Belastung durch Hitze können zu einer Minderdurchblutung des Gehirns und Innenohrs führen. Neben Schwindel kommt es zu Symptomen wie Schwitzen und Schwarzwerden vor Augen. Bei Angststörungen oder Depressionen können Benommenheit und Schwindel auch psychogen bedingt sein.

Ebenso kann eine beständig falsche Haltung des Kopfs beim Handygebrauch oder durch Erkrankungen der Halswirbelsäule Verspannungen der Muskulatur auslösen, die von Schwindel begleitet sind.

Bei Augenerkrankungen wie Astigmatismus, Anisometropie (Ungleichsichtigkeit, bei der die Augen eine unterschiedliche Brechkraft haben) oder Glaukom gelangen irreführende Signale an die Großhirnrinde: Schwindelgefühle sind die Folge. Dies spielt vorübergehend auch bei einer neu angepassten Brille eine Rolle.

Manche Frauen leiden aufgrund der Hormonumstellung zu Beginn der Wechseljahre unter Schwindelgefühlen.

In großer Höhe und bei Kinetosen (Kasten) werden widersprüchliche Signale vom Gleichgewichtsorgan, den Augen und den Körperbewegungen an das Gehirn gesandt: Es kommt zu Schwankschwindel, Übelkeit und Gangunsicherheit.

Schwindel im Alter

Mit zunehmendem Alter erhöhen verschiedene Faktoren das Schwindelrisiko. Alterungsprozesse verändern Funktionen des peripheren und zentralen vestibulären Systems. Durchblutungsstörungen, verringerte Hör- oder Sehfähigkeit oder geschwächte Muskulatur irritieren das Gleichgewichtsorgan. Hinzu können Nebenwirkungen von Arzneimitteln, vor allem bei Polymedikation, sowie verschiedene Grunderkrankungen kommen. Das Calciumcarbonat der Otolithen zerfällt mit der Zeit; somit steigt das Risiko für BPLS.

Wenn sich der Zustand schleichend verändert, kann sich der Körper anpassen. Dennoch sind die möglichen Folgen für ältere Menschen gravierend: Stürze, Verletzungen, Dehydrierung oder Mangelernährung bei Übelkeit und Erbrechen. Daher sollte das Apothekenpersonal die Betroffenen eingehend befragen und mit einer gezielten Anamnese nach der Schwindelursache fahnden (Beratungsleitfaden). »Altersschwindel« ist eine Ausschlussdiagnose.

Die Angst vor Bewegung und Hinfallen schränkt die Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alltag stark ein. Das Apothekenteam kann Senioren mit Tipps zu Physiotherapie, Gleichgewichtstraining und Muskelaufbau unterstützen, die zum Erhalt der unabhängigen Gehfähigkeit beitragen, sowie den Kontakt zu Selbsthilfegruppen vermitteln.

Häufig eine Nebenwirkung

Wenn Arzneimittel die Durchblutung, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung, die Sinnesorgane oder das Nervensystem beeinflussen, kann es zur Nebenwirkung Schwindel kommen. Dabei handelt es sich meistens um diffusen Schwindel mit Benommenheit oder Gangunsicherheit, seltener um Dreh- oder Schwankschwindel.

Sinkt unter einer antihypertensiven Behandlung der Blutdruck stark, berichten viele Patienten von Schwindelgefühlen und einem orthostatischen Schwankschwindel beim schnellen Aufrichten. Es ist wichtig, die Patienten in der Apotheke auf diese mögliche Nebenwirkung hinzuweisen, um Stürzen und Verletzungen vorzubeugen.

Arzneimittel wie Anticholinergika, Antidepressiva, Muskelrelaxanzien, Tranquilizer oder Antiepileptika können aufgrund ihrer Wirkweise ebenfalls Benommenheit oder Vertigo auslösen. Für mehr als 130 Arzneistoffe ist eine ototoxische Wirkung mit Schwindelgefühlen beschrieben. Dazu gehören zum Beispiel Salicylate (Acetylsalicylsäure), nicht steroidale Antirheumatika (NSAR), Bisphosphonate, Anticholinergika, Antidepressiva, Parkinsontherapeutika, Schleifendiuretika und Chinin, die das Innenohr reversibel schädigen. Zytostatika und Aminoglykosid-Antibiotika führen zu irreversiblen Schäden.

Eine Polyneuropathie ist häufige Folge eines langjährigen Diabetes, kann aber auch durch Medikamente (Tumortherapeutika) verursacht sein. Häufig resultieren Schwindel und Gangunsicherheiten, da ausbleibende oder falsche Nervensignale der Extremitäten das zentrale Gleichgewichtsorgan irritieren.

Das Apothekenteam sollte auch darauf achten, dass Änderungen der Nieren- oder Leberfunktion zu Überdosierungen oder stärkeren Interaktionen von Arzneimitteln mit vermehrten Nebenwirkungen führen können. Zudem addiert sich das Risiko, wenn mehrere schwindelerregende Arzneimittel gleichzeitig angewandt werden. Bei einer Medikationsanalyse können diese Risikofaktoren identifiziert, mit dem Patienten und dem Arzt besprochen und Lösungen gesucht werden.

Schwierige Differenzialdiagnose beim Arzt

Eine ausführliche Anamnese mit gezielten Fragen grenzt die mögliche Diagnose ein. Der Arzt fragt nach Dauer, Form (Dreh-, Schwankschwindel) und Einsetzen der Symptome (plötzlich, schleichend), nach möglichen Auslösern durch Bewegungsänderungen und nach Begleitsymptomen. Eine Reihe von Fragebögen können laut der S2k-Leitlinie »Schwindel in der Hausarztpraxis« zum Einsatz kommen. Es werden Grunderkrankungen, Arzneimittelgebrauch, psychische Faktoren und Alkoholkonsum erfragt.

Dann folgen klinische Tests: Der Kopfimpulstest zeigt kompensatorische Augenbewegungen bei schneller Drehung des Kopfes, die Nystagmus-Untersuchung testet ruckartige unwillkürliche Augenbewegungen, der Schellong-Test gibt Aufschluss über orthostatische Fehlregulationen. Hinzu kommen Augen- und neurologische Untersuchungen, Hörtest und Check-up der Halswirbelsäule sowie Elektrokardiogramm und Sonografie der hirnversorgenden Gefäße.

Um Arzneimittel-bedingten Problemen auf die Spur zu kommen, hilft ein möglichst vollständiger Medikationsplan aus der Apotheke.

Eingeschränkte Therapiemöglichkeiten

Da Schwindel so viele Ursachen haben kann, ist die möglichst exakte Differenzialdiagnose Voraussetzung für eine wirksame Therapie. Die Behandlung der ursächlichen Erkrankung steht im Vordergrund. An den Symptomen setzen medikamentöse, physikalische, psychotherapeutische und in seltenen Fällen operative Therapieoptionen an.

Die verschiedenen Pharmakagruppen zur Behandlung von Schwindel werden in der Leitlinie mit den »acht A’s« zusammengefasst: Antivertiginosa, Antikonvulsiva, Antidepressiva, Antiphlogistika, Anti-Menière-Mittel, Antimigränosa, Aminopyridine als Kaliumkanalblocker sowie Acetyl-DL-Leucin.

Laut Leitlinie werden Antivertiginosa symptomatisch gegen Übelkeit und Erbrechen bei akuten peripheren oder zentralen vestibulären Störungen, zur Prophylaxe von Übelkeit und Erbrechen durch die Befreiungsmanöver beim BPLS, zur Prophylaxe der Bewegungskrankheit und bei zentralem Lageerbrechen eingesetzt (Tabelle). Dabei sollen sedierende Wirkstoffe wie Dimenhydrinat, Ondansetron oder Benzodiazepine maximal über drei Tage bei heftigem Schwindel mit Erbrechen eingenommen werden, da bei längerer Einnahme die zentrale Kompensation des Vestibularapparats gehemmt wird.

Inhaltsstoff Indikation Nebenwirkungen Bemerkung
Dimenhydrinat, Dimenhydrinat-Cinnarizin-Kombi Schwindel verschiedener Ursache anticholinerge Wirkung, QT-Zeit-Verlängerung, Benommenheit für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Therapie über 2 Wochen, in der Kombination 2 bis 4 Wochen
Flunarizin vestibulärer Schwindel EPMS für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Therapie über 6 Monate
Sulpirid Morbus Menière, bei Versagen anderer Antivertiginosa anticholinerge Wirkung, QT-Zeit-Verlängerung, Benommenheit, EPMS für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Indikation alle 3 bis 6 Monate überprüfen
Ginkgo-Extrakt multifaktorieller Schwindel, Altersschwindel erhöhtes Blutungsrisiko, gastrointestinale Probleme cave: Kombination mit Antikoagulanzien
und Gerinnungshemmern, Therapie
über 6 bis 8 Wochen
Betahistin Schwindel bei Morbus Menière gastrointestinale Probleme, Kopfschmerzen Langzeitbehandlung, wechselseitige Reduktion der Wirkung durch Kombination mit Antihistaminika, Einnahme zum Essen verringert gastrointestinale Probleme
Tabelle: Antivertiginosa verschiedener Wirkstoffklassen; EPMS: extrapyramidal-motorische Störungen

Calciumkanalblocker (Cinnarizin, Flunarizin) sind geeignet bei vestibulärem Schwindel infolge von anhaltenden Funktionsstörungen des Gleichgewichtsapparats.

Das H1-Antihistaminikum Dimenhydrinat ist indiziert bei Schwindel und Nausea unterschiedlicher Genese. Cinnarizin und Dimenhydrinat gibt es als Kombinationsarzneimittel, beide Substanzen sollen die neuronale Aktivität der Vestibulariskerne in der Medulla oblongata reduzieren. Da das H1-Antihistaminikum Diphenhydramin die Blut-Hirn-Schranke überwindet, ist die Substanz zugelassen bei Übelkeit und Erbrechen und wirkt so auch gegen Schwindel. Der Dopaminrezeptor-Antagonist Sulpirid ist indiziert bei Schwindelzuständen des peripheren Vestibularapparats wie Morbus Menière.

Aufgrund ihrer sedativen und anticholinergen Effekte sind Dimenhydrinat, Diphenhydramin und Sulpirid in der Priscus-Liste für ältere Menschen als ungeeignet eingestuft (Tabelle). Sie erhöhen das Sturzrisiko und provozieren die Verschlimmerung von Erkrankungen wie Prostatavergrößerung, Glaukom oder Demenz.

Histaminrezeptor-Agonisten wie Betahistin werden vor allem beim Menièreschen Symptomenkomplex eingesetzt. Die Evidenzlage ist allerdings umstritten. Das Apothekenteam kann darauf hinweisen, dass die Einnahme zum Essen gastrointestinale Probleme verringert und dass durch Kombination mit Antihistaminika beide Substanzen in ihrer Wirkung reduziert sind. Eine weitere Option bei Menière ist die intratympanale Therapie mit Corticoiden oder die Gabe des ototoxischen Aminoglykosid-Antibiotikums Gentamicin. Letzteres erkauft die Linderung des Schwindels mit stärkerem Hörverlust.

Bei Übelkeit und Erbrechen werden Antiemetika wie Dimenhydrinat und antiemetisch wirksame Prokinetika wie Metoclopramid, Domperidon oder Ondansetron eingesetzt.

Die kausale Therapie erfolgt mit Corticoiden bei der akuten einseitigen Vestibulopathie und Triptanen bei akuter vestibulärer Migräne, Aminopyridinen bei Gangstörungen und Carbamazepin/Oxcarbazepin bei der Vestibularisparoxysmie. Bei funktionellem Schwindel können auch selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Escitalopram versucht werden.

Betroffene fragen in der Apotheke mitunter nach Ginkgo-Produkten und Homöopathika. Die Evidenz bei vestibulären Schwindelsyndromen bezieht sich primär auf den speziellen Ginkgo-Extrakt EGb 761® in hoch dosierter Form. In der Apotheke sollte auf Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Durchfall) und allergische Hautreaktionen hingewiesen werden. Insbesondere bei Einnahme von Blutverdünnern ist die verstärkte Blutungsneigung zu beachten. Ginkgo-Präparate sollten 10 bis 14 Tage vor einer geplanten Operation abgesetzt werden. Das Apothekenteam sollte die Kunden unbedingt darauf hinweisen, den Schwindel beim nächsten Arztbesuch zwecks Differenzialdiagnose anzusprechen.

Mittel der Wahl: Gleichgewichtstraining

Physio- oder ergotherapeutische Maßnahmen sollten laut Leitlinie immer mit einem Gleichgewichts- und Balancetraining kombiniert werden, um Stürzen vorzubeugen. Blickstabilisations- und Blickfolgebewegungen, Kopf- und Körperbewegungen sowie unterschiedliche Balanceübungen am Ort und im Gehen mit offenen und geschlossenen Augen fördern die Adaptation des vestibulären Systems.

In der EU ist die App »Vertidisan« als Medizinprodukt zur Behandlung von vestibulärem Schwindel zugelassen. Eine randomisierte Studie ergab nach 90 Tagen individuellem sensomotorischem Gleichgewichtstraining mit der Übungs-App eine deutliche Überlegenheit gegenüber einer Standardphysiotherapie (DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0232).

Bei ausgeprägtem Schwindel kann auch eine Psychotherapie indiziert sein.

Die vestibuläre Rehabilitationstherapie durch speziell geschulte Physiotherapeuten ist indiziert bei persistierendem oder rezidivierendem Vertigo infolge einer Neuronitis oder vestibulären Migräne.

Fazit: Schwindel unterschiedlicher Genese ist ein häufiges Thema in der Apotheke. Der Patient sucht Unterstützung für ein Problem, das ihn zutiefst verunsichert. Da es viele Ursachen für das Symptom Schwindel gibt, ist die empathische und kompetente Beratung in der Apotheke von großem Wert.

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