Schwindel und Benommenheit sind sehr häufige Symptome, die sehr viele verschiedene Ursachen haben können. Die Ursachensuche ist essenziell für die Wahl der Therapie. / © Shutterstock/New Africa
In der aktualisierten S2k-Leitlinie »Akuter Schwindel in der Hausarztpraxis« (Stand Februar 2025) wird Schwindel als ein Gefühl der Unsicherheit im Raum beschrieben. Schwindel ist keine Erkrankung, sondern eines der häufigsten neurologischen Symptome mit vielen unterschiedlichen – harmlosen oder gefährlichen – Ursachen.
Vertigo kann vorübergehend oder chronisch sein, hervorgerufen durch Störungen im peripheren und/oder zentralen Gleichgewichtsorgan, und erhöht das Risiko für Stürze und Verletzungen vor allem bei älteren Menschen. Die Lebensqualität kann je nach Heftigkeit und Dauer des Schwindels und der Begleitsymptomatik wie Übelkeit und Erbrechen deutlich eingeschränkt sein.
Der Begriff Benommenheit fasst verschiedene Empfindungen des Patienten zusammen wie Ohnmacht, Gefühl von Unsicherheit, Ungleichgewicht oder Benebeltsein im Kopf. Im Erleben des Patienten verschwimmen die Begrifflichkeiten Schwindel und Benommenheit oft.
Das Gleichgewicht zu halten, beruht auf einem hochkomplexen System, bei dem der Vestibularapparat mit Sinneswahrnehmungen des Auges und des propriozeptiven Systems zusammenarbeitet. Der Vestibularapparat umfasst das periphere Gleichgewichtsorgan im Innenohr und den VIII. Hirnnerven (N. vestibulocochlearis), der die Signale zu den zentralen Vestibulariskernen im Hirnstamm und Kleinhirn weiterleitet.
Der periphere Vestibularapparat besteht aus zwei Vorhofsäckchen sowie drei bogenförmigen, mit Lymphe gefüllten Gängen, die im rechten Winkel zueinanderstehen (Grafik). Verändert der Kopf seine Position, bewegt sich die Lymphflüssigkeit in den Bogengängen und die darin befindlichen Sinneshärchen werden gereizt. In den Vorhofsäckchen (Sacculus und Utriculus) ragen die feinen Zilien der Sinneszellen in eine gallertige Masse, beschwert durch kleinste Calciumcarbonat-Kristalle (CaCO₃), die sogenannten Otolithen. Ändert sich die Haltung oder Geschwindigkeit des Kopfes, verschieben sich die Otolithen unter dem Einfluss der Schwerkraft. Dies reizt die Zilien und stimuliert oder hemmt die Weitergabe neuronaler Signale.
Über den Hör- und Gleichgewichtsnerv werden alle Reize an das zentrale Gleichgewichtszentrum zur Verarbeitung weitergeleitet. Zugleich erfolgt ein Abgleich mit Sinneswahrnehmungen des Auges, der Muskeln, Gelenke und Sehnen sowie mit Oberflächenempfindungen wie Temperatur, Druck, Berührung, Vibrationen und Schmerz.
Grafik: Anatomie des Ohres mit dem Vestibularapparat im Innenohr; Ausschnitt rechts: losgelöste Ohrsteinchen bei Lagerungsschwindel / © PZ/Stephan Spitzer
Die Betroffenen nehmen Schwindel individuell unterschiedlich wahr. Beim systematischen Schwindel mit gerichteten Scheinbewegungen wird der Drehschwindel als Karussellfahrt erlebt, der Schwankschwindel beim Aufrichten des Körpers oder Wenden des Kopfes als drohende Ohnmacht oder der Liftschwindel als Heben oder Senken des Körpers. Dagegen wird der diffuse ungerichtete Schwindel eher wie ein Gefühl der Benommenheit, Unsicherheit beim Gehen oder Schwarzwerden vor Augen beschrieben.
Zusätzlich unterscheidet man den Attackenschwindel von einigen Sekunden bis Stunden vom Dauerschwindel, der Tage bis Wochen anhalten kann.
In der Apotheke sollte man hellhörig werden, wenn Patienten oder Angehörige über Schwindel mit folgenden Begleitsymptomen berichten:
Der Patient ist umgehend an den Arzt zu verweisen, denn schwerwiegende Erkrankungen des Vestibularapparats oder des Gehirns wie Schlaganfall oder Embolie können zugrunde liegen.
Vielfältige Ursachen können das periphere vestibuläre System so sehr stören, dass die Patienten über teils heftigen Schwindel und Benommenheit klagen. Zu diesen Formen gehören zum Beispiel der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel, der Morbus Menière, virale und bakterielle Infektionen oder Tumoren.
Das Gleichgewicht in jeder Position halten zu können, erfordert ein gutes Zusammenspiel von Gleichgewichtsorgan und anderen Sinnesreizen – und viel Training. / © Shutterstock/PeopleImages
Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) ist eine häufige Form. Dabei rufen bestimmte Kopfhaltungen (im Bett umdrehen, etwas vom Boden aufheben) kurzzeitige Drehschwindelanfälle hervor. Der Grund: Otolithen haben sich aus den Vorhofsäckchen in die Bogengänge des peripheren Vestibularapparats verirrt. Sie schwimmen dann in der Endolymphe und reizen bei jeder Kopfbewegung die Sinneszellen der Bogengänge. Begleitend entwickeln sich Übelkeit und Nystagmus; das sind rhythmische Augenbewegungen, die aufgrund der Zusammenarbeit von Auge und Vestibularapparat entstehen können.
Die Therapie von BPLS erfolgt mit einem sogenannten Lagerungsmanöver, dem Epley- (Otolithen-Repositionsmanöver) oder dem Semont-Manöver. Dabei werden Drehungen des Kopfes und Bewegungen des Rumpfes so kombiniert, dass die fälschlicherweise in den Bogengängen befindlichen Otolithen wieder in ihre ursprüngliche Position in die Vorhofsäckchen rutschen. Beide Techniken führen zu demselben Ergebnis und sollten nur von erfahrenen Therapeuten vorgenommen werden. Medikamente sind nicht indiziert.
Typisch für Morbus Menière, aber individuell unterschiedlich in der Ausprägung ist ein anfallsweise auftretender Drehschwindel von 20 Minuten bis 12 Stunden Dauer mit oft einseitiger Hörminderung, Tieftonschwerhörigkeit und Tinnitus. Hinzukommen vegetative Symptome wie Übelkeit, Schwitzen und Erbrechen. Mögliche Risikofaktoren sind familiäre Vorbelastung, Autoimmunkrankheiten, Allergien, Schädel- oder Ohrtraumen. Der Häufigkeitsgipfel findet sich bei den 20- bis 50-Jährigen. Es wird vermutet, dass eine überschießende Bildung oder ungenügende Resorption von Lymphflüssigkeit im Vestibularapparat zum Stau der Endolymphe und zu erhöhter Erregung des Hör- und Gleichgewichtsnerven führt.
Die Therapie des Morbus Menière erfolgt symptomatisch. Mitunter lassen sich Häufigkeit und Schwere der Episoden durch Diuretika und salzarme Ernährung verringern. Bei heftigen Symptomen wird operativ die überschüssige Lymphe aus dem peripheren Gleichgewichtsorgan entfernt.
Auch Viren können aufs Ohr schlagen. So können Infektionen mit Herpes-simplex-Virus Typ 1 den Nervus vestibularis schädigen und zu einer Neuronitis vestibularis mit meist einseitigem Ausfall des Vestibularapparats mit Nystagmus auf der nicht betroffenen Seite führen. Folgen sind starker Drehschwindel, Übelkeit und Gangunsicherheit über Tage bis Wochen. Der Patient hat keinen Hörverlust oder Tinnitus. Die Erkrankung ist selbstlimitierend. Gefühle einer Gleichgewichtsstörung können nach der Genesung aber weiter bestehen.
Hoffentlich wird ihm nicht schwindelig. / © Shutterstock/PeopleImages
Als bakterielle Innenohrinfektion führt die eitrige (purulente) Labyrinthitis oft zu Taubheit und Verlust der Gleichgewichtsfunktion. Die Symptome umfassen schweren Schwindel und Nystagmus, Übelkeit und Erbrechen, Hörverlust, Tinnitus, Schmerzen und Fieber. Zur antibiotischen Therapie werden Cephalosporine der dritten Generation eingesetzt.
Beim Akustikusneurinom handelt es sich um einen gutartigen, vom Innenohrnerv ausgehenden Tumor. Hörminderung, Schwindel, Gangunsicherheit oder Gesichtslähmung sind die Folgen.
Bei einer Vestibularisparoxysmie wird der Gleichgewichtsnerv durch pulsierende Gefäße komprimiert. Es können sekundenlange Schwindelattacken entstehen.
Neben Problemen im peripheren Gleichgewichtsorgan können die Ursachen auch im zentral-vestibulären System liegen. Mögliche betroffene Strukturen sind Kleinhirn, Hirnstamm oder Hirnrinde.
Bei einem akuten zentral-vestibulären Syndrom setzen plötzlich heftige Dreh- oder Schwankschwindel ein. Bei Verdacht auf ein zentrales Ereignis, zum Beispiel einen Schlaganfall, muss der Patient notfallmäßig eingewiesen werden.
Die Ätiologie der vestibulären Migräne ist noch unklar; es wird eine neuronale Übererregbarkeit vermutet. Die Symptome sind Drehschwindelattacken mit Übelkeit, Erbrechen und Gangunsicherheit. Zudem klagen die Patienten über die typischen Migränebeschwerden wie Kopfschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit.
Weitere Ursachen für Störungen des vestibulären Zentrums mit begleitendem Schwindel sind Demenz, Stenose oder Thrombose großer Hirnarterien, Erkrankungen des Kleinhirns oder Hirnstamms, psychiatrische Störungen sowie neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson oder Epilepsie.
Oft sind die Ursachen gar nicht dem peripheren oder zentralen Gleichgewichtsorgan zuzuordnen. Die Symptome des sogenannten nicht vestibulären Schwindels sind überwiegend ungerichtet, zum Beispiel Benommenheit oder Gangunsicherheit (Kasten).
Zahlreiche Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Hypotonie oder Hypertonie, orthostatische Regulationsstörungen, Hyper- oder Hypothyreose, Diabetes mit Unter- oder Überzuckerung, Dehydrierung bei unzureichender Flüssigkeitsaufnahme oder Belastung durch Hitze können zu einer Minderdurchblutung des Gehirns und Innenohrs führen. Neben Schwindel kommt es zu Symptomen wie Schwitzen und Schwarzwerden vor Augen. Bei Angststörungen oder Depressionen können Benommenheit und Schwindel auch psychogen bedingt sein.
Ebenso kann eine beständig falsche Haltung des Kopfs beim Handygebrauch oder durch Erkrankungen der Halswirbelsäule Verspannungen der Muskulatur auslösen, die von Schwindel begleitet sind.
Bei Augenerkrankungen wie Astigmatismus, Anisometropie (Ungleichsichtigkeit, bei der die Augen eine unterschiedliche Brechkraft haben) oder Glaukom gelangen irreführende Signale an die Großhirnrinde: Schwindelgefühle sind die Folge. Dies spielt vorübergehend auch bei einer neu angepassten Brille eine Rolle.
Manche Frauen leiden aufgrund der Hormonumstellung zu Beginn der Wechseljahre unter Schwindelgefühlen.
In großer Höhe und bei Kinetosen (Kasten) werden widersprüchliche Signale vom Gleichgewichtsorgan, den Augen und den Körperbewegungen an das Gehirn gesandt: Es kommt zu Schwankschwindel, Übelkeit und Gangunsicherheit.

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Das Gehirn ist irritiert, wenn die eigene Bewegung und Bewegungsreize der Umwelt widersprüchlich sind. Die Folge ist eine Kinetose mit Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, die – einmal ausgebrochen – nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Da Kinder Sinnesreize noch nicht optimal verarbeiten können, sind sie oft besonders betroffen. Zur Vorbeugung ist es hilfreich, aus dem Fenster zu schauen.
Bei Reiseübelkeit wird vermehrt Histamin im Gehirn freigesetzt. Zu den natürlichen Therapeutika zählen Ingwer laut Monographie der Europäischen Arzneimittelagentur mit dem Status Well-established-Use und hoch dosiertes Vitamin C (500 mg), das in Studien den Histamin-Spiegel senkte. Die Wirksamkeit von Vitamin B6 ist dagegen nicht evident.
Die H1-Antihistaminika Dimenhydrinat und Diphenhydramin in verschiedenen Darreichungsformen (Saft, Tropfen, Zäpfchen, Kaugummi, Retardkapseln) sind Mittel der Wahl. Die Einnahme erfolgt etwa eine Stunde vor Reiseantritt. Da der Wirkstoff aus Sublingualtabletten oder Kaugummi über die Mundschleimhaut resorbiert wird, sind diese auch bei den ersten Anzeichen von Übelkeit noch wirksam. Das Apothekenpersonal sollte auf Nebenwirkungen wie Benommenheit und Müdigkeit ebenso hinweisen wie auf die Kontraindikationen (Prostatahyperplasie, akuter Asthmaanfall, Engwinkelglaukom).
Beide Arzneimittel sind für ältere Menschen laut Priscus-Liste nicht geeignet. Für Kinder bis drei Jahren sollte in der Apotheke die genaue Dosierung von Dimenhydrinat besprochen werden, da Überdosierungen lebensbedrohlich sein können. Für Schwangere und Stillende ist eine besondere Risiko-Nutzen-Abwägung erforderlich.
Schwere Fälle von Reiseübelkeit werden bei Erwachsenen mit der Kombination Cinnarizin plus Dimenhydrinat oder mit einem transdermalen therapeutischen System mit dem Alkaloid Scopolamin behandelt.
Mit zunehmendem Alter erhöhen verschiedene Faktoren das Schwindelrisiko. Alterungsprozesse verändern Funktionen des peripheren und zentralen vestibulären Systems. Durchblutungsstörungen, verringerte Hör- oder Sehfähigkeit oder geschwächte Muskulatur irritieren das Gleichgewichtsorgan. Hinzu können Nebenwirkungen von Arzneimitteln, vor allem bei Polymedikation, sowie verschiedene Grunderkrankungen kommen. Das Calciumcarbonat der Otolithen zerfällt mit der Zeit; somit steigt das Risiko für BPLS.
Wenn sich der Zustand schleichend verändert, kann sich der Körper anpassen. Dennoch sind die möglichen Folgen für ältere Menschen gravierend: Stürze, Verletzungen, Dehydrierung oder Mangelernährung bei Übelkeit und Erbrechen. Daher sollte das Apothekenpersonal die Betroffenen eingehend befragen und mit einer gezielten Anamnese nach der Schwindelursache fahnden (Beratungsleitfaden). »Altersschwindel« ist eine Ausschlussdiagnose.
Die Angst vor Bewegung und Hinfallen schränkt die Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alltag stark ein. Das Apothekenteam kann Senioren mit Tipps zu Physiotherapie, Gleichgewichtstraining und Muskelaufbau unterstützen, die zum Erhalt der unabhängigen Gehfähigkeit beitragen, sowie den Kontakt zu Selbsthilfegruppen vermitteln.
Grafik: Möglicher Beratungsleitfaden bei Patienten mit Schwindelsymptomen / © PZ/Stephan Spitzer
Wenn Arzneimittel die Durchblutung, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung, die Sinnesorgane oder das Nervensystem beeinflussen, kann es zur Nebenwirkung Schwindel kommen. Dabei handelt es sich meistens um diffusen Schwindel mit Benommenheit oder Gangunsicherheit, seltener um Dreh- oder Schwankschwindel.
Sinkt unter einer antihypertensiven Behandlung der Blutdruck stark, berichten viele Patienten von Schwindelgefühlen und einem orthostatischen Schwankschwindel beim schnellen Aufrichten. Es ist wichtig, die Patienten in der Apotheke auf diese mögliche Nebenwirkung hinzuweisen, um Stürzen und Verletzungen vorzubeugen.
Das Alter an sich macht nicht schwindelig. In der Apotheke können viele Faktoren aufgedeckt werden, die Innenohr und Gehirn belasten. Dazu gehören auch zahlreiche Medikamente. / © Shutterstock/BearFotos
Arzneimittel wie Anticholinergika, Antidepressiva, Muskelrelaxanzien, Tranquilizer oder Antiepileptika können aufgrund ihrer Wirkweise ebenfalls Benommenheit oder Vertigo auslösen. Für mehr als 130 Arzneistoffe ist eine ototoxische Wirkung mit Schwindelgefühlen beschrieben. Dazu gehören zum Beispiel Salicylate (Acetylsalicylsäure), nicht steroidale Antirheumatika (NSAR), Bisphosphonate, Anticholinergika, Antidepressiva, Parkinsontherapeutika, Schleifendiuretika und Chinin, die das Innenohr reversibel schädigen. Zytostatika und Aminoglykosid-Antibiotika führen zu irreversiblen Schäden.
Eine Polyneuropathie ist häufige Folge eines langjährigen Diabetes, kann aber auch durch Medikamente (Tumortherapeutika) verursacht sein. Häufig resultieren Schwindel und Gangunsicherheiten, da ausbleibende oder falsche Nervensignale der Extremitäten das zentrale Gleichgewichtsorgan irritieren.
Das Apothekenteam sollte auch darauf achten, dass Änderungen der Nieren- oder Leberfunktion zu Überdosierungen oder stärkeren Interaktionen von Arzneimitteln mit vermehrten Nebenwirkungen führen können. Zudem addiert sich das Risiko, wenn mehrere schwindelerregende Arzneimittel gleichzeitig angewandt werden. Bei einer Medikationsanalyse können diese Risikofaktoren identifiziert, mit dem Patienten und dem Arzt besprochen und Lösungen gesucht werden.
Eine ältere Kundin löst im Hochsommer ein Rezept über Amitriptylin ein und verlangt ein Arzneimittel gegen Schwindel. Nach der Dauermedikation gefragt, berichtet sie von Amitriptylin zur Behandlung einer Depression, Furosemid zum Ausschwemmen von Ödemen und neu angesetzt Captopril zur Senkung des Bluthochdrucks. Der Urologe habe Cotrimoxazol wegen eines Blaseninfekts verordnet. Seit ein paar Tagen fühle sie sich schwindelig und benommen.
Furosemid gehört zu den kaliumausscheidenden Diuretika. Kommt ein ACE-Hemmer hinzu, sollte das Diuretikum zwei bis drei Tage abgesetzt werden, da es sonst zu einem starkem Blutdruckabfall mit Schwindel und Benommenheit kommen kann. Dies ist besonders bei Hitze und damit verbundener möglicher Dehydrierung und weiterer Elektrolytverschiebung zu beachten.
Werden die Schwindelsymptome jetzt mit Diphenhydramin behandelt, droht zusammen mit Amitriptylin und Cotrimoxazol möglicherweise ein Long-QT-Syndrom mit den Leitsymptomen Tachykardie, Herzklopfen, Schwindel und Ohnmacht, das in eine Torsade-de-Pointes-Arrhythmie münden kann. Das Apothekenteam sollte der Patientin ein großes Glas Wasser anbieten, den Blutdruck messen und Rücksprache mit den verordnenden Ärzten halten.
Eine ausführliche Anamnese mit gezielten Fragen grenzt die mögliche Diagnose ein. Der Arzt fragt nach Dauer, Form (Dreh-, Schwankschwindel) und Einsetzen der Symptome (plötzlich, schleichend), nach möglichen Auslösern durch Bewegungsänderungen und nach Begleitsymptomen. Eine Reihe von Fragebögen können laut der S2k-Leitlinie »Schwindel in der Hausarztpraxis« zum Einsatz kommen. Es werden Grunderkrankungen, Arzneimittelgebrauch, psychische Faktoren und Alkoholkonsum erfragt.
Dann folgen klinische Tests: Der Kopfimpulstest zeigt kompensatorische Augenbewegungen bei schneller Drehung des Kopfes, die Nystagmus-Untersuchung testet ruckartige unwillkürliche Augenbewegungen, der Schellong-Test gibt Aufschluss über orthostatische Fehlregulationen. Hinzu kommen Augen- und neurologische Untersuchungen, Hörtest und Check-up der Halswirbelsäule sowie Elektrokardiogramm und Sonografie der hirnversorgenden Gefäße.
Um Arzneimittel-bedingten Problemen auf die Spur zu kommen, hilft ein möglichst vollständiger Medikationsplan aus der Apotheke.
Da Schwindel so viele Ursachen haben kann, ist die möglichst exakte Differenzialdiagnose Voraussetzung für eine wirksame Therapie. Die Behandlung der ursächlichen Erkrankung steht im Vordergrund. An den Symptomen setzen medikamentöse, physikalische, psychotherapeutische und in seltenen Fällen operative Therapieoptionen an.
Die verschiedenen Pharmakagruppen zur Behandlung von Schwindel werden in der Leitlinie mit den »acht A’s« zusammengefasst: Antivertiginosa, Antikonvulsiva, Antidepressiva, Antiphlogistika, Anti-Menière-Mittel, Antimigränosa, Aminopyridine als Kaliumkanalblocker sowie Acetyl-DL-Leucin.
Laut Leitlinie werden Antivertiginosa symptomatisch gegen Übelkeit und Erbrechen bei akuten peripheren oder zentralen vestibulären Störungen, zur Prophylaxe von Übelkeit und Erbrechen durch die Befreiungsmanöver beim BPLS, zur Prophylaxe der Bewegungskrankheit und bei zentralem Lageerbrechen eingesetzt (Tabelle). Dabei sollen sedierende Wirkstoffe wie Dimenhydrinat, Ondansetron oder Benzodiazepine maximal über drei Tage bei heftigem Schwindel mit Erbrechen eingenommen werden, da bei längerer Einnahme die zentrale Kompensation des Vestibularapparats gehemmt wird.
| Inhaltsstoff | Indikation | Nebenwirkungen | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Dimenhydrinat, Dimenhydrinat-Cinnarizin-Kombi | Schwindel verschiedener Ursache | anticholinerge Wirkung, QT-Zeit-Verlängerung, Benommenheit | für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Therapie über 2 Wochen, in der Kombination 2 bis 4 Wochen |
| Flunarizin | vestibulärer Schwindel | EPMS | für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Therapie über 6 Monate |
| Sulpirid | Morbus Menière, bei Versagen anderer Antivertiginosa | anticholinerge Wirkung, QT-Zeit-Verlängerung, Benommenheit, EPMS | für ältere Menschen ungeeignet (Priscus 2.0), Indikation alle 3 bis 6 Monate überprüfen |
| Ginkgo-Extrakt | multifaktorieller Schwindel, Altersschwindel | erhöhtes Blutungsrisiko, gastrointestinale Probleme | cave: Kombination mit Antikoagulanzienund Gerinnungshemmern, Therapieüber 6 bis 8 Wochen |
| Betahistin | Schwindel bei Morbus Menière | gastrointestinale Probleme, Kopfschmerzen | Langzeitbehandlung, wechselseitige Reduktion der Wirkung durch Kombination mit Antihistaminika, Einnahme zum Essen verringert gastrointestinale Probleme |
Calciumkanalblocker (Cinnarizin, Flunarizin) sind geeignet bei vestibulärem Schwindel infolge von anhaltenden Funktionsstörungen des Gleichgewichtsapparats.
Das H1-Antihistaminikum Dimenhydrinat ist indiziert bei Schwindel und Nausea unterschiedlicher Genese. Cinnarizin und Dimenhydrinat gibt es als Kombinationsarzneimittel, beide Substanzen sollen die neuronale Aktivität der Vestibulariskerne in der Medulla oblongata reduzieren. Da das H1-Antihistaminikum Diphenhydramin die Blut-Hirn-Schranke überwindet, ist die Substanz zugelassen bei Übelkeit und Erbrechen und wirkt so auch gegen Schwindel. Der Dopaminrezeptor-Antagonist Sulpirid ist indiziert bei Schwindelzuständen des peripheren Vestibularapparats wie Morbus Menière.
Aufgrund ihrer sedativen und anticholinergen Effekte sind Dimenhydrinat, Diphenhydramin und Sulpirid in der Priscus-Liste für ältere Menschen als ungeeignet eingestuft (Tabelle). Sie erhöhen das Sturzrisiko und provozieren die Verschlimmerung von Erkrankungen wie Prostatavergrößerung, Glaukom oder Demenz.
Histaminrezeptor-Agonisten wie Betahistin werden vor allem beim Menièreschen Symptomenkomplex eingesetzt. Die Evidenzlage ist allerdings umstritten. Das Apothekenteam kann darauf hinweisen, dass die Einnahme zum Essen gastrointestinale Probleme verringert und dass durch Kombination mit Antihistaminika beide Substanzen in ihrer Wirkung reduziert sind. Eine weitere Option bei Menière ist die intratympanale Therapie mit Corticoiden oder die Gabe des ototoxischen Aminoglykosid-Antibiotikums Gentamicin. Letzteres erkauft die Linderung des Schwindels mit stärkerem Hörverlust.
Umfassende Differenzialdiagnose beim Arzt / © Shutterstock/DC Studio
Bei Übelkeit und Erbrechen werden Antiemetika wie Dimenhydrinat und antiemetisch wirksame Prokinetika wie Metoclopramid, Domperidon oder Ondansetron eingesetzt.
Die kausale Therapie erfolgt mit Corticoiden bei der akuten einseitigen Vestibulopathie und Triptanen bei akuter vestibulärer Migräne, Aminopyridinen bei Gangstörungen und Carbamazepin/Oxcarbazepin bei der Vestibularisparoxysmie. Bei funktionellem Schwindel können auch selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Escitalopram versucht werden.
Betroffene fragen in der Apotheke mitunter nach Ginkgo-Produkten und Homöopathika. Die Evidenz bei vestibulären Schwindelsyndromen bezieht sich primär auf den speziellen Ginkgo-Extrakt EGb 761® in hoch dosierter Form. In der Apotheke sollte auf Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Durchfall) und allergische Hautreaktionen hingewiesen werden. Insbesondere bei Einnahme von Blutverdünnern ist die verstärkte Blutungsneigung zu beachten. Ginkgo-Präparate sollten 10 bis 14 Tage vor einer geplanten Operation abgesetzt werden. Das Apothekenteam sollte die Kunden unbedingt darauf hinweisen, den Schwindel beim nächsten Arztbesuch zwecks Differenzialdiagnose anzusprechen.
Physio- oder ergotherapeutische Maßnahmen sollten laut Leitlinie immer mit einem Gleichgewichts- und Balancetraining kombiniert werden, um Stürzen vorzubeugen. Blickstabilisations- und Blickfolgebewegungen, Kopf- und Körperbewegungen sowie unterschiedliche Balanceübungen am Ort und im Gehen mit offenen und geschlossenen Augen fördern die Adaptation des vestibulären Systems.
In der EU ist die App »Vertidisan« als Medizinprodukt zur Behandlung von vestibulärem Schwindel zugelassen. Eine randomisierte Studie ergab nach 90 Tagen individuellem sensomotorischem Gleichgewichtstraining mit der Übungs-App eine deutliche Überlegenheit gegenüber einer Standardphysiotherapie (DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0232).
Gleichgewichtstraining schult die Standfestigkeit und Balance. / © Shutterstock./Dmytro Zinkevych
Bei ausgeprägtem Schwindel kann auch eine Psychotherapie indiziert sein.
Die vestibuläre Rehabilitationstherapie durch speziell geschulte Physiotherapeuten ist indiziert bei persistierendem oder rezidivierendem Vertigo infolge einer Neuronitis oder vestibulären Migräne.
Fazit: Schwindel unterschiedlicher Genese ist ein häufiges Thema in der Apotheke. Der Patient sucht Unterstützung für ein Problem, das ihn zutiefst verunsichert. Da es viele Ursachen für das Symptom Schwindel gibt, ist die empathische und kompetente Beratung in der Apotheke von großem Wert.
Barbara Staufenbiel studierte Pharmazie in Münster. 16 Jahre lang leitete sie die Rabenfels-Apotheke in Rheinfelden. Seit ihrer Rückkehr nach Münster arbeitet sie in einer öffentlichen Apotheke und engagiert sich für die Fortbildung als Referentin und Autorin mit Schwerpunkt Apothekenpraxis.