Mit zunehmendem Alter erhöhen verschiedene Faktoren das Schwindelrisiko. Alterungsprozesse verändern Funktionen des peripheren und zentralen vestibulären Systems. Durchblutungsstörungen, verringerte Hör- oder Sehfähigkeit oder geschwächte Muskulatur irritieren das Gleichgewichtsorgan. Hinzu können Nebenwirkungen von Arzneimitteln, vor allem bei Polymedikation, sowie verschiedene Grunderkrankungen kommen. Das Calciumcarbonat der Otolithen zerfällt mit der Zeit; somit steigt das Risiko für BPLS.
Wenn sich der Zustand schleichend verändert, kann sich der Körper anpassen. Dennoch sind die möglichen Folgen für ältere Menschen gravierend: Stürze, Verletzungen, Dehydrierung oder Mangelernährung bei Übelkeit und Erbrechen. Daher sollte das Apothekenpersonal die Betroffenen eingehend befragen und mit einer gezielten Anamnese nach der Schwindelursache fahnden (Beratungsleitfaden). »Altersschwindel« ist eine Ausschlussdiagnose.
Die Angst vor Bewegung und Hinfallen schränkt die Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alltag stark ein. Das Apothekenteam kann Senioren mit Tipps zu Physiotherapie, Gleichgewichtstraining und Muskelaufbau unterstützen, die zum Erhalt der unabhängigen Gehfähigkeit beitragen, sowie den Kontakt zu Selbsthilfegruppen vermitteln.
Grafik: Möglicher Beratungsleitfaden bei Patienten mit Schwindelsymptomen / © PZ/Stephan Spitzer
Wenn Arzneimittel die Durchblutung, die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung, die Sinnesorgane oder das Nervensystem beeinflussen, kann es zur Nebenwirkung Schwindel kommen. Dabei handelt es sich meistens um diffusen Schwindel mit Benommenheit oder Gangunsicherheit, seltener um Dreh- oder Schwankschwindel.
Sinkt unter einer antihypertensiven Behandlung der Blutdruck stark, berichten viele Patienten von Schwindelgefühlen und einem orthostatischen Schwankschwindel beim schnellen Aufrichten. Es ist wichtig, die Patienten in der Apotheke auf diese mögliche Nebenwirkung hinzuweisen, um Stürzen und Verletzungen vorzubeugen.
Das Alter an sich macht nicht schwindelig. In der Apotheke können viele Faktoren aufgedeckt werden, die Innenohr und Gehirn belasten. Dazu gehören auch zahlreiche Medikamente. / © Shutterstock/BearFotos
Arzneimittel wie Anticholinergika, Antidepressiva, Muskelrelaxanzien, Tranquilizer oder Antiepileptika können aufgrund ihrer Wirkweise ebenfalls Benommenheit oder Vertigo auslösen. Für mehr als 130 Arzneistoffe ist eine ototoxische Wirkung mit Schwindelgefühlen beschrieben. Dazu gehören zum Beispiel Salicylate (Acetylsalicylsäure), nicht steroidale Antirheumatika (NSAR), Bisphosphonate, Anticholinergika, Antidepressiva, Parkinsontherapeutika, Schleifendiuretika und Chinin, die das Innenohr reversibel schädigen. Zytostatika und Aminoglykosid-Antibiotika führen zu irreversiblen Schäden.
Eine Polyneuropathie ist häufige Folge eines langjährigen Diabetes, kann aber auch durch Medikamente (Tumortherapeutika) verursacht sein. Häufig resultieren Schwindel und Gangunsicherheiten, da ausbleibende oder falsche Nervensignale der Extremitäten das zentrale Gleichgewichtsorgan irritieren.
Das Apothekenteam sollte auch darauf achten, dass Änderungen der Nieren- oder Leberfunktion zu Überdosierungen oder stärkeren Interaktionen von Arzneimitteln mit vermehrten Nebenwirkungen führen können. Zudem addiert sich das Risiko, wenn mehrere schwindelerregende Arzneimittel gleichzeitig angewandt werden. Bei einer Medikationsanalyse können diese Risikofaktoren identifiziert, mit dem Patienten und dem Arzt besprochen und Lösungen gesucht werden.
Eine ältere Kundin löst im Hochsommer ein Rezept über Amitriptylin ein und verlangt ein Arzneimittel gegen Schwindel. Nach der Dauermedikation gefragt, berichtet sie von Amitriptylin zur Behandlung einer Depression, Furosemid zum Ausschwemmen von Ödemen und neu angesetzt Captopril zur Senkung des Bluthochdrucks. Der Urologe habe Cotrimoxazol wegen eines Blaseninfekts verordnet. Seit ein paar Tagen fühle sie sich schwindelig und benommen.
Furosemid gehört zu den kaliumausscheidenden Diuretika. Kommt ein ACE-Hemmer hinzu, sollte das Diuretikum zwei bis drei Tage abgesetzt werden, da es sonst zu einem starkem Blutdruckabfall mit Schwindel und Benommenheit kommen kann. Dies ist besonders bei Hitze und damit verbundener möglicher Dehydrierung und weiterer Elektrolytverschiebung zu beachten.
Werden die Schwindelsymptome jetzt mit Diphenhydramin behandelt, droht zusammen mit Amitriptylin und Cotrimoxazol möglicherweise ein Long-QT-Syndrom mit den Leitsymptomen Tachykardie, Herzklopfen, Schwindel und Ohnmacht, das in eine Torsade-de-Pointes-Arrhythmie münden kann. Das Apothekenteam sollte der Patientin ein großes Glas Wasser anbieten, den Blutdruck messen und Rücksprache mit den verordnenden Ärzten halten.