Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Inkretinmimetika
-
Eine GLP-1-Therapie muss begleitet werden

Mögliche Mangelernährung, Muskelabbau und unerwünschte Arzneimittelwirkung – eine Inkretinmimetika-Therapie muss professionell begleitet werden. Das machte der Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Martin Smollich bei der Expopharm in München deutlich. Die Apotheken sieht er hier in einer Schlüsselposition.
AutorKontaktChristina Hohmann-Jeddi
Datum 18.09.2026  15:00 Uhr

Inkretinmimetika wie Semaglutid oder Tirzepatid sind sehr wirksame Substanzen, die zu einem starken Gewichtsverlust führen. Das machte der Apotheker und Ernährungsexperte am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck bei der Pharmafachmesse Expopharm in München deutlich. Dabei muss die Abnehmtherapie dringend fachlich begleitet werden.

Die Substanzen wirken unter anderem, indem sie den Appetit reduzieren und die Magenentleerung verlangsamen. Die Patienten essen entsprechend weniger und nehmen Gewicht ab. Laut Studien sinkt aber nicht nur der Appetit, sondern es verändert sich auch die Geschmackspräferenz und damit die Ernährung. So hätten Patienten weniger Verlangen nach Süßem, Softdrinks, Junkfood und Alkohol, während der Appetit auf Obst und Gemüse nicht beeinflusst wird. »Eigentlich ist es das, was wir wollen«, sagte Smollich. Dennoch handele es sich bei der Inkretinmimetika-Therapie um eine »iatrogene Mangelernährung«, da die Makro- und Mikronährstoffaufnahme sowie zum Teil auch die Flüssigkeitszufuhr deutlich reduziert sind.

»Eine ernährungstherapeutische Begleitung der Therapie ist daher unverzichtbar«, sagte der Ernährungswissenschaftler. Diese habe vier Ziele: akute unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Übelkeit, Verstopfung oder Sodbrennen zu reduzieren und darüber die Adhärenz zu steigern, den Nährstoffmangel zu verhindern, den Muskelabbau zu minimieren und das Absetzen des Arzneimittels vorzubereiten.

Um die gastrointestinalen Nebenwirkungen zu verringern, könne den Patienten geraten werden, langsam und in kleinen Portionen zu essen und sich beim Essen nicht ablenken zu lassen. Schwerverdauliche und fettreiche Lebensmittel sollten gemieden werden. Um einer Verstopfung vorzubeugen, sind ballaststoffreiche Nahrungsmittel und ausreichende Trinkmengen empfohlen. Dabei müsse auch mit einem Missverständnis aufgeräumt werden, betonte Smollich. Wenn man vor Therapiebeginn etwa 2 kg Lebensmittel pro Tag zu sich genommen habe und unter der Therapie nur noch eine Handvoll, dann sei ein Rückgang des Stuhlvolumens nicht überraschend – und nicht immer ein Zeichen von Verstopfung.

»Wer weniger isst, muss besser essen«

Für den zweiten Punkt – den Nährstoffmangel zu verhindern – gelte der Grundsatz »Wer weniger isst, muss besser essen«. Patienten unter Inkretinmimetika sollten besonders auf die Nährstoffzusammensetzung ihrer Lebensmittel achten. Es sei zudem für die Nährstoffaufnahme nicht gut, dauerhaft Mahlzeiten auszulassen, sagte Smollich. Zwei bis drei Hauptmahlzeiten sollten es pro Tag schon sein – und nährstoffreiche Snacks, womit keine Schokoriegel gemeint seien.

Einen Inkretinmimetika-typischen Mangel gebe es nicht, betonte der Experte. Aber Studien zufolge fehle es häufig an Protein, Calcium, Vitamin B12, Eisen und Folat. Obwohl der Ansatz »Food first« gelte, die Nährstoffversorgung also über Lebensmittel abzudecken sei, könne auch die Einnahme eines Multivitaminpräparat helfen, Mängel zu vermeiden.

Proteinzufuhr und Krafttraining zum Muskelerhalt

Bei jeder Gewichtsreduktion, ob durch Crashdiäten oder Inkretinmimetika, gehe neben dem Fettgewebe auch fettfreie Masse verloren, also Muskeln, Bindegwebe und Körperwasser. »Die relative Körperzusammensetzung verbessert sich aber trotzdem«, betonte Smollich. Aufpassen müsse man bei »übermotivierten Patienten«, die zu rasch abnehmen. Der Gewichtsverlust sollte nicht mehr als 0,5 bis 1 kg pro Woche betragen.

Um die Muskeln zu erhalten, ist auf eine ausreichende Proteinzufuhr zu achten. »Protein ist der wichtigste Nährstoff«, betonte der Pharmazeut. Die Zufuhr sollte unter der Therapie bei 1,2 bis 1,6 g Protein pro kg Zielgewicht liegen. Smollichs Tipp, um diesen hohen Wert trotz Appetitlosigkeit zu erreichen: Die Proteine bei einer Mahlzeit immer zuerst essen und dann erst das Gemüse und die Kohlenhydrate.

Doch eine Proteinzufuhr allein bewirkt noch keinen Muskelerhalt oder -aufbau. Daher sollten Patienten auch regelmäßig Kraftsport machen. Der Ernährungsexperte riet zu zwei- bis dreimal wöchentlichem Training mit progressiver Belastung und professioneller Anleitung in Kombination mit Ausdauertraining. Die schlechte Nachricht: Laut Studien reichten Yoga und Pilates zum Muskelaufbau nicht aus.

Vorbereitung auf das Absetzen

Die GLP-1-Therapie stelle für Patienten ein Zeitfenster dar, ihren Lebensstil so anzupassen, dass es nach dem Absetzen nicht zu einem Rebound kommt. Das gelänge nicht allen, machte Smollich klar. Manche Menschen könnten nach erfolgreicher Gewichtsreduktion in wenigen Monaten die Therapie absetzen, manche benötigten sie ein Leben lang.

Den Mitarbeitenden in Apotheke komme hier eine wichtige Lotsenfunktion zu: Sie könnten die Patienten stratifizieren in Personen, die in der Apotheke betreut werden können, und in solche, die eine professionelle Ernährungstherapie bräuchten. Risikopatienten sollten zur ärztlichen Abklärung geschickt werden. Die Red Flags hierfür seien: ein zu schneller Gewichtsverlust, Fatigue, Erschöpfung, weniger als zwei Mahlzeiten pro Tag sowie persistierendes Erbrechen und Dehydratation.

In Apotheken könnte man Patienten unter Inkretinmimetika-Therapie mit einfachen Fragen auf diese Einteilung hin screenen, etwa nach dem Gewichtsverlust fragen, nach der Körperzusammensetzung, unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Krafttraining und Nahrungsergänzungsmitteln. »Diese Abnehmtherapien sind kein Trend, der nächstes Jahr vorbei ist«, sagte Smollich. »Wir stehen ganz am Anfang.« Für Mitarbeitende in Apotheken sei es daher lohnend, sich mit der Thematik zu beschäftigen.

Mehr von Avoxa