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Covid-19
Der ganze Körper ist betroffen

Angriff auf die Niere

»Relativ viele Patienten erleiden ein Nierenversagen und 20 bis 25 Prozent brauchen eine Dialyse«, sagte Zacharowski. Auch im Endothel der Niere sind ACE2-Rezeptoren vorhanden, sodass SARS-CoV-2 die Zellen infizieren kann. Einer Studie im Fachjournal »Kidney International« zufolge zeigte von 701 Covid-19-Patienten in Wuhan fast die Hälfte bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus Anzeichen eines Nierenschadens: 44 Prozent hatten eine Proteinurie und 27 Prozent eine Hämaturie (DOI: 10.1016/j.kint.2020.03.005). Diese Patienten und jene, deren Nierenfunktion sich in der Klinik noch massiv verschlechterte, starben signifikant häufiger als Patienten mit intakter Niere.

Auch hier stellt sich wieder die Frage, ob die Schädigung des Organs direkt oder indirekt erfolgt. Denn auch eine künstliche Beatmung kann ein akutes Nierenversagen verursachen oder verschlimmern. Zudem können einige Medikamente, mit denen die Patienten behandelt werden, die Niere schädigen. So hat etwa das noch nicht zugelassene Virostatikum Remdesivir, das derzeit in klinischen Studien bei Covid-19-Patienten getestet wird, nephrotoxisches Potenzial. Und auch ein Zytokinsturm, der ja zumindest bei einigen Patienten einzusetzen scheint, verschlechtert die Nierendurchblutung drastisch, meist sogar tödlich.

Durch die Nase ins Gehirn

Der Weg von SARS-CoV-2 durch den menschlichen Körper ist jedoch keine Einbahnstraße. Das Coronavirus kann aus der Nase auch auf- statt absteigen. In der oberen Nasenhöhle gelangt es in die Riechschleimhaut und kann dort ein weiteres Symptom verursachen, das viele Covid-19-Patienten zeigen: Geruchs- beziehungsweise Geschmacksstörungen. Eine Beeinträchtigung des Geruchsvermögens bis zum kompletten Verlust desselben, aber auch Riech-Halluzinationen sind möglich.

Laut RKI sind Geruchs- beziehungsweise Geschmacksstörungen in Europa mit fast 70 Prozent betroffenen Patienten sogar mit Abstand das häufigste Symptom von Covid-19. Die Daten stammen allerdings aus Studien, in denen die Spannweite der Häufigkeiten groß war (34 bis 86 Prozent).

Die Sinneszellen auf dem Epithel der Riechschleimhaut haben über einen langen dünnen Nervenfortsatz direkten Zugang zum Riechkolben (Bulbus olfactorius), der innerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS) liegt. Laut dem Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte können die Zellen des Riechepithels und des Bulbus olfactorius direkt von SARS-CoV-2 befallen und geschädigt werden. Diese Schädigung sei für die Riechstörung hauptverantwortlich, heißt es in einer aktuellen Pressemeldung.

Offenbar macht das Coronavirus aber nicht in jedem Fall im Riechkolben Halt, sondern kann von dort aus weiter in zentrale Teile des Gehirns vordringen. So erklärt man sich das Vorkommen neurologischer Symptome, die das ZNS betreffen und die laut einer Publikation in »JAMA Neurology« meist schon auftreten, bevor die Patienten respiratorische Beschwerden entwickeln (DOI: 10.1001/jamaneurol.2020.1127). In der Studie mit 214 Covid-19-Patienten aus Wuhanhatte jeder Vierte zentralnervöse Symptome, am häufigsten Schwindel, Kopfschmerzen und Bewusstseinstrübung.

Auch Krampfanfälle, eine Hirnhautentzündung oder ein zentral verursachter Atemstillstand sind laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) mögliche Folgen einer ZNS-Beteiligung von Covid-19. Zudem könne SARS-CoV-2 ein Guillain-Barré-Syndrom (GBS) auslösen, eine Autoimmunreaktion, die infolge von Infekten auftreten kann und bei der die Myelinschicht der peripheren Nerven angegriffen wird. Bei Covid-19 komme es bereits nach fünf bis zehn Tagen zu dieser schweren neurologischen Komplikation, während es sonst meist zwei bis vier Wochen dauere, bis ein Infekt-assoziiertes GBS auftrete, teilt die DGN aktuell mit.

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