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Harnwegsinfektionen

Cotrim schlägt Cranberry

02.08.2011
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Von Sven Siebenand / Trimethoprim-Sulfamethoxazol, auch Cotrimoxazol oder kurz Cotrim genannt, scheint in der Langzeit-Chemoprophylaxe von wiederkehrenden Harnwegsinfektionen bei Frauen effektiver zu sein als Cranberry-Extrakt. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine kürzlich veröffentlichte Vergleichsstudie.

221 prämenopausale Frauen, die im Vorjahr mindestens drei Harnwegsinfektionen erlitten hatten, nahmen an der randomisierten Doppelblindstudie teil. Über zwölf Monate erhielten die Probandinnen der ersten Gruppe einmal täglich 480 mg Cotrim am Abend und tagsüber jeweils zweimal eine Placebokapsel. In der Vergleichsgruppe nahmen die Patientinnen abends Placebo ein und tagsüber zweimal eine Kapsel mit 500 mg Cranberry-Extrakt. Während der Studie und in den ersten drei Monaten danach fand monatlich eine Untersuchung statt.

Die Ergebnisse haben die Wissenschaftler im Team um Mariëlle A. J. Beerepoot von der Universität Amsterdam in »Archives of Internal Medicine« (doi: 10.1001/archinternmed.2011.306) veröffentlicht. Während die Rezidivrate unter Antibiotikum in den ersten zwölf Monaten bei durchschnittlich 1,8 lag und die Rezidive im Durchschnitt nach acht Monaten erfolgten, erlitten die Frauen in der Cranberry-Gruppe durchschnittlich vier Harnwegsinfekte. Zudem traten diese deutlich früher auf. Im Durchschnitt kam es bereits nach vier Monaten zum Rezidiv.

 

Erwartungsgemäß schnitt der Cranberry-Extrakt in puncto Resistenzen besser ab. Bereits nach einem Monat Antibiotika-Gabe lag die Resistenz von E. coli bei mehr als 85 Prozent, in der Cranberry-Gruppe war das bei weniger als 30 Prozent der Proben der Fall. Wie die Forscher schreiben, sank die Resistenzrate bereits drei Monate nach Absetzen des Antibiotikums wieder auf den Wert vor der Studie zurück.

 

Da viele Frauen einer langfristigen Antibiotika-Einnahme kritisch gegenüberstehen, könnte laut den Studienautoren Cranberry-Extrakt trotz der geringeren Effektivität im Vergleich zum Antibiotikum in vielen Fällen eine Alternative darstellen. Auch Professor Dr. Bill J. Gurley von der University of Arkansas in Little Rock ist offenbar vom potenziellen Nutzen von Cranberry-Extrakt überzeugt. Er bringt die schlechte Bioverfügbarkeit ins Spiel. Mit der in der Studie gewählten Dosierung seien möglicherweise zu niedrige Wirkstoffkonzentrationen im Urin erzielt worden. Das habe dann eventuell die Ergebnisse beeinflusst. Derzeit läuft eine Studie der Phase II, um die optimale Dosis für Cranberry herauszufinden. / 

Cranberry: Keine Haftung

Die Großfrüchtige Moosbeere (Vaccinium macrocarpon) ist vor allem unter ihrer englischen Bezeichnung Cranberry bekannt. Crane und Berry ergibt im Deutschen Kranichbeere. Auch unter diesem Name ist die Beere bekannt. Da die Staubfäden der Blüten einen Schnabel bilden, der an einen Kranichschnabel erinnert, erhielt die Pflanze ihren Namen. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet sind Hochmoore im östlichen Nordamerika.

 

Studien lassen vermuten, dass die im Saft und Extrakt enthaltenen Pro- und Anthocyanidine das Haften von E.-coli-Bakterien am Uroepithel erschweren und so deren Vermehrung im Harntrakt blockieren. Nicht bewiesen ist, dass die in Europa vorkommende, verwandte Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) und die Moosbeere (Vaccinium oxycoccus) die gleiche Wirkung haben.

 

Alle in Deutschland gehandelten Cranberry-Präparate sind nicht als Arzneimittel zugelassen, sondern als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt. Trotzdem gibt es auch hier einiges zu bedenken. Der hohe Gehalt an Oxalsäure kann insbesondere bei langfristiger Einnahme das Risiko für die Entstehung von Nierensteinen erhöhen. Auch eine Interaktion mit Vitamin-K-Antagonisten wie Warfarin ist denkbar, woraus Blutungen resultieren könnten.

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