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ARZNEISTOFFE

Retigabin|Trobalt®|15|2011

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STOFFGRUPPE
15 Antiepileptika
WIRKSTOFF
Retigabin
FERTIGARZNEIMITTEL
Trobalt®
HERSTELLER

GlaxoSmithKline

MARKTEINFÜHRUNG (D)
05/2011
DARREICHUNGSFORM

in Deutschland nicht im Handel

Indikationen

Trobalt ist als Zusatztherapie für fokale Krampfanfälle mit oder ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen zugelassen. Bei fokalen Anfällen betrifft die epileptische Aktivität nur einen Teil des Gehirns. Symptome wie ruckartige Bewegungen eines Körperteils, Hör-, Riech- oder Sehstörungen, Taubheit oder plötzliche Angstgefühle sind typisch. Sekundäre Generalisierung bedeutet, dass die übermäßige elektrische Aktivität schließlich das gesamte Gehirn erfasst.

Wirkmechanismus

Retigabin kann vereinfacht als Kaliumkanal-Öffner bezeichnet werden. Kaliumkanäle spielen für die Steuerung der neuronalen Erregbarkeit genau wie die – von der Mehrzahl anderer Antikonvulsiva beeinflussten – Natriumkanäle eine wichtige Rolle. Von der Vielzahl an Kaliumkanälen mit ihren unterschiedlichen Aktivierungsmechanismen und ihrer gewebespezifischen Expression haben sich die Kv7-Kaliumkanäle als interessantes Target in der Epileptologie herauskristallisiert. Experimentell lassen sich diese Kanäle mit Muskarin blockieren. Das begünstigt die Depolarisation und erhöht die Feuerungsrate der Nervenzelle. Umgekehrt führt die vermehrte Öffnung dieser Kanäle zur Hyperpolarisation und damit zur Reduktion der erhöhten neuronalen Erregbarkeit. Hier greift Retigabin ein, indem es an die Kanäle bindet, ihre Öffnungswahrscheinlichkeit erhöht beziehungsweise ihren offenen Zustand stabilisiert. Es greift relativ selektiv an den Subtypen Kv7.2 und Kv7.3 an. Diese werden vorwiegend im zentralen und peripheren Nervensystem exprimiert, zum Teil auch in der urogenitalen und gastrointestinalen Muskulatur.

Anwendungsweise und -hinweise

Retigabin muss entsprechend des individuellen Ansprechens aufdosiert werden, um das Verhältnis von Wirksamkeit und Verträglichkeit zu optimieren. Die maximale Gesamttagesdosis bei Therapiebeginn beträgt dreimal 100 mg. Anschließend wird die Tagesdosis im Wochenrhythmus um maximal 150 mg pro Woche aufdosiert. Laut Fachinformation liegt die Erhaltungsdosis zwischen 600 und 1200 mg pro Tag.

 

Das pharmazeutische Personal sollte den Hinweis geben, die Tabletten im Ganzen einzunehmen, sia also nicht zu zerkauen, zerstoßen oder zerteilen. Zudem muss der Patient wissen, dass die Dosis bei Therapieende schrittweise reduziert werden muss. Als Vorsichtsmaßnahme sollten Patienten sowohl über das mögliche Risiko für einen Harnverhalt als auch über das mögliche Auftreten von Verwirrtheitszuständen, psychotischen Störungen und Halluzinationen aufgeklärt werden. Zudem sollte man Patienten und deren Betreuern raten, medizinische Hilfe einzuholen, wenn Anzeichen für Suizidgedanken auftreten. Diese könnten mit der Einnahme von Retigabin im Zusammenhang stehen.

 

Bei Patienten mit Vorerkrankungen des Herzens, QT-Verlängerung, Elektrolytstörungen und ab einem Alter von 65 Jahren sollte vor Beginn der Behandlung eine EKG-Kontrolle erfolgen. Weiter sollten Patienten ab 65 Jahren eine niedrigere maximale Erhaltungsdosis (900 mg/d) erhalten. Auch bei mittelschweren oder schweren Nieren- oder Leberproblemen erhalten sie am besten eine geringere Dosis.

Wichtige Wechselwirkungen

Das Interaktionspotenzial von Retigabin mit anderen Antikonvulsiva und sonstigen Medikamenten ist den bisherigen Untersuchungen zufolge als gering einzuschätzen.

Nebenwirkungen

Mit Inzidenzen zwischen 14 und 27 Prozent versus 8 bis 9 Prozent in den Placeboarmen waren die nebenwirkungsbedingten Studienabbrüche dosisabhängig. Als Nebenwirkungen sind primär die typischerweise mit der Dämpfung der neuronalen Erregung einhergehenden assoziierten Beschwerden zu erwarten. Sehr häufig traten Schwindel, Müdigkeit und Erschöpfung auf, häufig neurokognitive Nebenwirkungen wie Gleichgewichts-, Sprach-, Sprech- und Gedächtnisstörungen, psychiatrische Nebenwirkungen wie Verwirrtheitszustände, Halluzinationen, psychotische Störungen oder Desorientierung und urologische Auffälligkeiten wie Dysurie und Harnentleerungsverzögerungen.

Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen

Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Inhaltsstoffe ist das Arzneimittel kontraindiziert.

Studien

Retigabin wurde in drei Hauptstudien mit insgesamt mehr als 1200 Patienten, deren Anfälle mit anderen antiepileptischen Arzneimitteln nicht ausreichend kontrolliert werden konnten, mit Placebo verglichen. Retigabin oder Placebo wurden randomisiert und doppelblind zur aktuellen antikonvulsiven Medikation (in etwa 80 Prozent Zwei- und Dreifachkombinationen) dazugegeben und bis zur vorgegebenen Zieldosis hochtitriert. Die Erhaltungsdosis betrug je nach Studie 600, 900 oder 1200 mg täglich. Diese wurde acht beziehungsweise zwölf Wochen eingenommen. In der ersten Studie war der Hauptindikator für die Wirksamkeit die Veränderung der Zahl der Anfälle pro Monat. Dabei zeigte sich, dass Retigabin die Anzahl der Anfälle pro Monat um 29 Prozent (900 mg) beziehungsweise 35 Prozent (1200 mg) verringerte. Im Vergleich dazu sank die Anzahl der Anfälle unter Placebo nur um 13 Prozent. Nicht schlüssig war die Wirkung der 600-mg-Dosierung des neuen Wirkstoffs. In den beiden anderen Studien war der Hauptindikator für die Wirksamkeit die Anzahl der Patienten, bei denen sich die Zahl der Anfälle mindestens halbierte. Diesen Endpunkt erreichten 39 Prozent (600 mg) und 47 Prozent der Patienten (900 mg). Im Vergleich dazu waren es unter Placebo 19 Prozent. In der dritten Studie wurden die Anfälle bei 56 Prozent der Patienten, die 1200 mg täglich einnahmen, mindestens halbiert, im Vergleich zu 23 Prozent im Placeboarm.

Hintergrundinfos

GlaxoSmithKline hat Trobalt zum 1. Juli 2012 in Deutschland vom Markt genommen. Grund dafür ist eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), der in seiner Erstbewertung Retigabin keinen Zusatznutzen bescheinigt hatte.

Besonderheiten

Trobalt ist bei Temperaturen nicht über 25 °C zu lagern.
Trobalt ist verschreibungspflichtig.

Formeln

Retigabin

Retigabin

Die dreidimensionale Strukturformel können Sie mit einem kostenlosen Zusatzprogramm aus dem Internet, zum Beispiel Cortona von Parallelgraphics, ansehen (externer Link).

Retigabin.wrl

Links

Europäischer öffentlicher Beurteilungsbericht (EPAR):
www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Summary_for_the_public/human/001245/WC500104838.pdf

 

Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels:
www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Product_Information/human/001245/WC500104835.pdf

 

Nutzenbewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und die Folgen:

www.iqwig.de/retigabin-bei-epilepsie-keine-belege-fuer.1422.html

 

Retigabin: IQWiG sieht keinen Zusatznutzen, Meldung vom 15.02.2012
Retigabin: Weiter Streit um Zusatznutzen, Meldung vom 03.05.2012
Antikonvulsiva: Retigabin geht vom Markt, Meldung vom 01.06.2012

Weitere Hinweise

Während der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird Retigabin nicht empfohlen. Bei der Entscheidung, ob das Stillen oder die Retigabin-Therapie fortzusetzen oder zu beenden ist, sollten sowohl der Nutzen des Stillens für das Kind als auch der Nutzen der Therapie für die Mutter berücksichtigt werden.

Letzte Aktualisierung: 20.02.2017