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Leberkrebs

Zweitlinientherapie mit Ramucirumab möglich

Der monoklonale Antikörper Ramucirumab kam bislang für bestimmte Patienten mit Magen-, Darm- oder Lungenkrebs infrage. Leberkrebs ist nun die vierte Krebsart, für die Hersteller Lilly eine EU-Zulassung bekommen hat. 
Sven Siebenand
16.09.2019  14:00 Uhr

Ramucirumab (Cyramza®) ist seit Kurzem auch für die Behandlung erwachsener Patienten mit fortgeschrittenem oder inoperablem hepatozellulärem Karzinom (HCC) und einem Serum-Alpha-Fetoprotein-Wert (AFP) ≥ 400 ng/ml, die zuvor mit Sorafenib (Nexavar®) behandelt wurden, indiziert.

Der Wirkstoff richtet sich spezifisch gegen die extrazelluläre Domäne des VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor)-Rezeptors. Der VEGF-Rezeptor 2 gilt als wichtigster Mediator der Tumorangiogenese. Ramucirumab verhindert die Liganden-stimulierte Aktivierung des VEGF-Rezeptors 2 und der nachgeordneten Signalkaskaden und neutralisiert so die Proliferation und Migration der humanen Endothelzellen. Diesen Wirkmechanismus kann man auch in der Behandlung von Leberkrebs ausnutzen – bislang jedoch nur in der Zweitlinientherapie.

Für die Erstlinienbehandlung des fortgeschrittenen HCC gilt Sorafenib als Therapiestandard. »Tyrosinkinase-Inhibitoren weisen jedoch ein ausgeprägtes Toxizitätsprofil auf, das die Anwendung limitiert und die Leberfunktion beeinträchtigen kann. Therapieabbrüche und Dosisanpassungen sind daher häufig«, informiert Professor Dr. Peter R. Galle von der Universitätsmedizin Mainz in einer Pressemeldung von Lilly. Dies gelte auch für die Multikinase-Inhibitoren Regorafenib (Stivarga®) und Cabozantinib (Cabometyx®), die zur Zweitlinientherapie von mit Sorafenib vorbehandelten Patienten zugelassen sind.

Therapeutische Lücke geschlossen

»Der Bedarf an einer wirksamen und gut verträglichen Behandlung für Patienten mit fortgeschrittenem HCC, die nach einer Vorbehandlung mit Sorafenib progredient sind oder die Sorafenib nicht vertrugen, ist daher nach wie vor hoch«, fasst Galle zusammen.

Die Indikationserweiterung von Ramucirumab beruht auf Daten der Phase-III-Studien REACH und REACH-2. Beide untersuchten die Wirksamkeit von Ramucirumab plus bestmögliche Supportivtherapie (BSC) im Vergleich zu Placebo plus BSC im Hinblick auf das Gesamtüberleben in der Zweitlinientherapie. Während in der REACH-Studie Patienten unabhängig vom AFP-Spiegel eingeschlossen wurden, beschränkte sich REACH-2 auf den Einschluss von Patienten mit einem Serum-AFP-Wert ≥ 400 ng/ml, da diese Patientengruppe in der REACH-Studie besonders von Ramucirumab profitiert hatte. In der Metaanalyse, die die Daten von Patienten mit einem Serum-AFP-Wert ≥ 400 ng/ml aus beiden Studien auswertete, konnte eine signifikante Verlängerung des Gesamtüberlebens um 3,1 Monate im Ramucirumab-Arm gegenüber Placebo gezeigt werden. Das Sicherheitsprofil von Ramucirumab entsprach dem bereits aus der Monotherapie bekannten.

AFP als prädiktiver Biomarker 

Die Studienergebnisse zeigen die Bedeutung des Serum-AFP-Werts im Hinblick auf die Steuerung der Zweitlinientherapie. Bislang wurde dieser Parameter nicht bei der Auswahl der Systemtherapie berücksichtigt. »Ramucirumab ist die erste personalisierte Therapie beim fortgeschrittenen HCC«, sagt Professor Dr. Arndt Vogel von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Aufgrund der positiven Studiendaten ist Ramucirumab bereits in die Clinical Pratice Guidelines der European Society for Medical Oncology (ESMO) auf hohem Empfehlungsniveau für die Zweitlinienbehandlung von Patienten einer AFP-Konzentration ≥ 400 ng/ml, gut erhaltener Leberfunktion und einem ECOG Performance Status 0–1 aufgenommen worden.

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