| Laura Rudolph |
| 21.09.2026 14:00 Uhr |
Metamizol zählt zu den am häufigsten verordneten Schmerzmitteln in Deutschland. / © Getty Images/fizkes
»Metamizol ist ein Analgetikum für Dummies«: Mit dieser pointierten Aussage machte Professor Dr. Thomas Herdegen, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, seinen Standpunkt bezüglich eines potenziellen OTC-Switches von Metamizol deutlich. Der Schritt in die Selbstmedikation wäre ein Schritt in die Zukunft und Vergangenheit zugleich – denn bis vor rund 40 Jahren war das Analgetikum, das sich seit 1922 auf dem Markt befindet, noch ohne Rezept in der Apotheke erhältlich.
»Metamizol wurde damals euphorisch gefeiert. Es war in der damaligen Zeit anderen Substanzen an Potenz und Sicherheit weit überlegen«, so der ehemalige stellvertretende Direktor des Institus für Pharmakologie am Universitätsklinikum Kiel. Dass der Wirkstoff 1987 unter Rezeptflicht gestellt wurde, sei auf die nach heutigem Kenntnisstand zu hoch geschätzte Agranulozytose-Inzidenz zurückzuführen, so Herdegen. Die damaligen Schätzungen seien um den Faktor 30 bis 50, möglicherweise sogar um den Faktor 100, zu hoch gewesen.
Seit der Markteinführung haben sich die Verordnungen»verzigtfacht«, so Herdegen. Rein statistisch nähmen jeden Tag eine Million Menschen in Deutschland ein Metamizol-haltiges Schmerzmittel ein. »Die Fallzahlen der Agranulozytose sind seit damals etwas angestiegen, aber weitaus weniger als die Verordnungen.« Nach neueren Daten trete die Nebenwirkung Agranulozytose etwa einmal pro fünf Millionen definierten Tagesdosen auf. Dies unterstreiche das vergleichsweise günstige Sicherheitsprofil, auch im Vergleich zu rezeptfreien Alternativen wie den nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR).
NSAR verursachten weitaus mehr Todesfälle als Metamizol, betonte Herdegen. Zudem seien Ibuprofen, Diclofenac und Co. für nahezu die Hälfte der älteren Menschen ohnehin kontraindiziert – sei es etwa aufgrund einer Herzinsuffizenz, einer erhöhten Blutungsneigung oder gastrointestinaler Risiken. Paracetamol sei häufig keine geeignete Alternative.
Der Gesundheitsökonom Professor Dr. Uwe May plädierte dafür, die Diskussion nicht ausschließlich auf pharmakologische Risiken zu verengen, sondern auch den Nutzen für die Versorgung in den Blick zu nehmen. Er verwies auf die gewachsene Rolle der Apotheken in der Arzneimittelversorgung sowie auf die positiven Erfahrungen mit früheren OTC-Switches, etwa bei Triptanen oder der »Pille danach«.
Apotheker hätten in den vergangenen Jahren wiederholt gezeigt, dass sie zusätzliche Verantwortung übernehmen und Patienten auch bei anspruchsvolleren Therapien sicher begleiten können.
Dr. Christian Ude, Inhaber der Stern-Apotheke in Darmstadt, warnte zudem davor, rezeptfreie Arzneimittel automatisch als »harmlos« und verschreibungspflichtige Präparate als »gefährlich« einzustufen. »Wir könnten jetzt Dutzende verschreibungsfreie Arzneimittel aufzählen, die sehr wohl ihre Probleme und Nebenwirkungen haben – aber auch die kommunizieren wir entsprechend und bekommen sie gehändelt«, sagte der Apotheker.
Ude wies außerdem darauf hin, dass der Gesetzgeber von den Apotheken geradezu erwarte, ihre heilberufliche Kompetenz stärker einzubringen. Er bezog sich dabei unter anderem auf die neuen Paragrafen 48a und 48b im Arzneimittelgesetz, die Apothekern erlauben, bestimmte verschreibungspflichtige Arzneimittel unter definierten Voraussetzungen ohne Rezept abzugeben. »Ich würde mir jedoch wünschen, dass neben §48a der Weg des OTC-Switches nicht vergessen wird. Das sind zwei verschiedene Töpfe, die wir sortieren müssen«, so Ude.
Einig waren sich die Diskutanten darin, dass eine mögliche Überführung von Metamizol in die Selbstmedikation nur mit einer intensiven apothekerlichen Beratung denkbar wäre. Jeder Patient müsse über das Agranulozytose-Risiko aufgeklärt werden. »Dazu gehört, die Symptome zu kennen und zu wissen, was dann zu tun ist«, so Ude. Rückenwind erhielt er von Herdegen: »Ich weiß, Sie Apotheker können das. Zu Metamizol kann exzellent beraten werden – wie zu Ihren anderen Produkten auch.«