| Annette Rößler |
| 10.09.2026 17:00 Uhr |
Eine Migräneattacke kann Patienten vollkommen außer Gefecht setzen. Betroffene mit häufigen oder besonders schweren Attacken können von einer medikamentösen Prophylaxe profitieren. / © Getty Images/Guido Mieth
Migräne ist eine chronische Erkrankung des Gehirns, die mit Kopfschmerzen und anderen neurologischen Symptomen einhergeht. Zur Anwendung beim akuten Migräneanfall sind Triptane, nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) und andere Wirkstoffe etabliert. Bei Patienten mit besonders häufigen und/oder besonders beeinträchtigenden Attacken kann zudem eine medikamentöse Prophylaxe indiziert sein. Üblicherweise werden die Akuttherapie und Prophylaxe zusammen betrachtet – so trägt auch die deutsche S1-Leitlinie den Titel »Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne«.
Ausschließlich der Prophylaxe widmet sich eine Praxisleitlinie, die von den beiden US-amerikanischen Fachgesellschaften American Academy of Neurology und American Headache Society nun aktualisiert wurde (»Neurology«, DOI: 10.1212/WNL.0000000000214881). Da für die Migräneprophylaxe diverse Arzneistoffe mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Verfügung stehen, kann eine solche Handreichung hilfreich sein, um das individuell jeweils am besten geeignete Prophylaktikum auszuwählen.
Die Autoren stellen zunächst klar, welche Patienten für eine medikamentöse Migräneprophylaxe infrage kommen: Betroffene, die an mindestens vier Tagen im Monat an Migräne oder schweren Kopfschmerzen leiden sowie solche, die durch die Migräne substanziell beeinträchtigt sind – unabhängig von der Häufigkeit der Attacken. Ihnen sollten Ärzte eine Prophylaxe anbieten, alle anderen Migränepatienten sollten sie darüber zumindest informieren.
Wünscht der Patient eine Prophylaxe, treffen er und sein Behandler gemeinsam eine Entscheidung für einen bestimmten Wirkstoff. Da kein Arzneistoff dem anderen eindeutig überlegen ist, sollte die Auswahl sich an der Wirksamkeit, Verträglichkeit, Sicherheit, den Kosten sowie der Darreichungsform orientieren.
Steht dabei die Wirksamkeit im Vordergrund, empfiehlt die Leitlinie folgende Wirkstoffe für Patienten mit episodischer Migräne: Atogepant, Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Propranolol, Topiramat oder Valproinsäure. Für Patienten mit chronischer Migräne, die also für mindestens drei Monate an mindestens 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen hatten, die an mindestens acht Tagen einer Migräne entsprachen, gelten nahezu identische Empfehlungen. Statt Propranolol wird für diese Patientengruppe aber (Ona)botulinumtoxin A empfohlen.
Für Patienten, denen eine möglichst gute Verträglichkeit am wichtigsten ist, empfiehlt die Leitlinie bei episodischer Migräne ausschließlich die CGRP-gerichteten Wirkstoffe Atogepant, Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab oder Galcanezumab, für Patienten mit chronischer Migräne wiederum auch Botulinumtoxin A. Sind Betroffene bezüglich den Langzeiteffekten einer Prophylaxe besorgt, setzt die Leitlinie dagegen stattdessen auf die altbekannten Wirkstoffe Topiramat (beide Migräneformen), Propranolol (episodische Migräne) und Botulinumtoxin A (chronische Migräne).
Spricht ein Patient auf diese Wirkstoffe nicht an, stünden bei episodischer Migräne als Alternativen mit etwas schlechterer Evidenz unter anderem Amitriptylin, Flunarizin, Metoprolol, Rimegepant und Telmisartan zur Verfügung, heißt es. Generell müsse erst etwas Zeit vergehen, bevor sich beurteilen lasse, ob eine medikamentöse Prophylaxe bei einem Patienten erfolgreich ist, betonen die Autoren – bei den meisten Prophylaktika mindestens acht bis zwölf Wochen, bei Botulinumtoxin A sogar 24 Wochen.
Ein eigener Abschnitt der Leitlinie ist der Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft beziehungsweise bei Frauen im gebärfähigen Alter gewidmet. Bei ihnen sollten zunächst nicht medikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe optimiert werden. Hierzu zählen etwa ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Schlaf, viel Bewegung (Ausdauer- und Kraftsport), gesunder Ernährung und Verzicht auf Alkohol sowie unter anderem Minzöl zur Schläfenmassage und Wärmeanwendungen im Nacken.
Soll eine medikamentöse Prophylaxe in der Schwangerschaft erfolgen, sieht die Leitlinie Nifedipin als Wirkstoff der ersten Wahl. Embryotox, das Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité, nennt als bevorzugte Wirkstoffe in der Schwangerschaft Metoprolol und Amitriptylin. Kontraindiziert sind Topiramat und Valproinsäure. Wegen des noch geringen Erfahrungsumfangs wird zudem von der Anwendung CGRP-gerichteter Antikörper und Arzneistoffe in der Schwangerschaft abgeraten.