Auf dem Speiseplan der antientzündlichen Ernährung: unter anderem viel Gemüse, pflanzliche Öle und Fisch. / © Getty Images/Milos Stankovic
Chronische niedrigschwellige Entzündungen gelten als Treiber von nicht übertragbaren Krankheiten. Durch den anhaltenden Entzündungszustand werden vermehrt Entzündungsmarker wie das C-reaktive Protein (CRP) oder Zytokine gebildet. Das stört physiologische Prozesse und kann zum Beispiel eine Insulinresistenz begünstigen oder die Immunregulation beeinträchtigen. In der Folge können sich chronische Erkrankungen entwickeln – von rheumatoider Arthritis über Typ-2-Diabetes bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Diese Vorgänge lassen sich aber abmildern: zum Beispiel durch ausreichend Sport, Rauchverzicht und eine gesunde Ernährung. Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, wie Nahrungsmittel Entzündungsprozesse beeinflussen. So korrelieren etwa Ernährungsmuster, die den Verzehr wenig verarbeiteter und pflanzlicher Lebensmittel betonen, mit weniger Entzündungen und chronischen Erkrankungen.
Eine antientzündliche Diät kann sich also positiv auswirken. Auf deren Vorteile weist auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf ihrer Website hin. Die Ernährungsform vermindere Entzündungen in den Blutgefäßen bei kardiovaskulären Erkrankungen und senke das Risiko für einen Herzinfarkt. Auch bei anderen Erkrankungen zeigten sich positive Effekte. Die DGE nennt etwa Adipositas, Typ-2-Diabetes, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und sogar Alzheimer und Parkinson.
»Eine antientzündliche Ernährung folgt dem Grundprinzip, gezielt entzündungshemmende Lebensmittel zu bevorzugen«, schreibt die DGE. »Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem pflanzliche Lebensmittel, die reich an ungesättigten Fettsäuren und sekundären Pflanzenstoffen sind.« Entzündungsfördernd sei laut DGE der häufige Konsum »von stark verarbeiteten Lebensmitteln wie Fast Food, Fertigprodukten, Snacks und zuckerhaltigen Getränken«.
Bei der Frage, wie eine antientzündliche Ernährung aussieht, habe die Ernährungsforschung einen Wandel vollzogen, schreiben Wissenschaftlerinnen um Dr. Gynette Reyneke von der University of South Wales in Wales in einer Übersichtsarbeit im Fachmagazin »Nutrition Reviews«. Während früher einzelne Nährstoffe auf ihre Effekte hin untersucht wurden, stehe jetzt ein ganzheitlicher Ansatz im Vordergrund. Dieser betone, dass das komplexe Zusammenspiel zwischen mehreren Nährstoffen, Lebensmitteln und Getränken einen größeren Einfluss auf den Gesundheitszustand hat als einzelne Bestandteile.
Das Team beschreibt die antientzündliche Ernährungsform genauer: Sie sei reich an komplexen Kohlenhydraten, Magnesium, Ballaststoffen und Antioxidantien. Daher haben Diäten, die auf Gemüse, Früchten, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Samen basieren, eine antientzündliche Wirkung. Beispiele sind hier etwa die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension), die Portfolio- und die Mittelmeer-Diät.
Die mediterrane Diät ist die am besten untersuchte Ernährungsform. Sie zeichnet sich ebenfalls durch einen hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln aus. Auch Fisch und Geflügel stehen auf dem Speiseplan. Olivenöl oder andere hochwertige pflanzliche Öle stellen dabei die Hauptquelle für Nahrungsfett dar. Die entzündungshemmenden Effekte sind hier gut belegt. So senkte die Ernährungsform in Studien beispielsweise die Level von CRP, IL-6 und anderen proinflammatorischen Botenstoffen, während der Spiegel des antiinflammatorischen Adiponectins angehoben wird, berichtet das Team um Reyneke.
Anders sieht das bei Ernährungsweisen wie der ketogenen oder veganen Diät aus, bei denen die antientzündliche Wirkung nicht gut belegt ist. Die Autorinnen liefern hierfür eine Erklärung: Diese Ernährungsformen definieren sich stärker darüber, was nicht gegessen werden darf. Somit landen teils völlig unterschiedliche Lebensmittel auf dem Tisch – von Linsensalat bis zum hoch verarbeiteten Ersatzprodukt.
Wie die antiinflammatorischen Effekte bei den genannten Diäten zustande kommen, erläutern die Autorinnen in dem Review. So enthalten etwa Fisch und Nüsse neben einfach ungesättigten Fettsäuren auch mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren. Beide unterdrücken die Produktion inflammatorischer Zytokine und die Expression entzündungsfördernder Gene.
Ein hoher Gehalt an Ballaststoffen fördert die Darmgesundheit. Es entwickelt sich ein vielfältiges und nützliches Mikrobiom, dessen Bakterien kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat produzieren. Diese kurzkettigen Fettsäuren können die Darmbarriere stabilisieren und das Immunsystem regulieren. Zusätzlich binden Ballaststoffe im Darmlumen sowohl Gallensäuren als auch Toxine. Diese werden ausgeschieden und gelangen so gar nicht erst in den Blutkreislauf.
Zuletzt ist eine pflanzenbasierte Ernährung reich an Polyphenolen. Diese stark antioxidativ wirkenden sekundären Pflanzeninhaltsstoffe finden sich nahezu in jedem pflanzlichen Lebensmittel: in Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und sogar Olivenöl. Polyphenole reagieren im Körper mit reaktiven Sauerstoffspezies und reduzieren so oxidativen Stress. Auch sie können proinflammatorische Signalwege hemmen. Besonders reich an Polyphenolen sind etwa dunkle Schokolade, grüner Tee und Beeren.
Doch wie stark ist der Effekt in Studien? Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 bewertete den Einfluss antientzündlicher Ernährung auf Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen (»Frontiers in Nutrition«). Der systolische Blutdruck lag bei entzündungshemmender Ernährung im Vergleich zu einer üblichen Mischkost durchschnittlich 3,99 mmHg tiefer, der diastolische 1,82 mmHg. Auch LDL-Cholesterol, Gesamtcholesterol und hochsensitives CRP, ein etablierter Entzündungsmarker, fielen günstiger aus.
Ein Forschungsteam um Katja Schönenberger von der Universität Bern untersuchte in einer Metaanalyse den Einfluss antiinflammatorischer Ernährungsformen auf Schmerzen bei rheumatoider Arthritis (»Nutrients« 2021). Tatsächlich stellte es im Vergleich zu einer gewöhnlichen Ernährung eine signifikante Schmerzreduktion fest. Auf einer 100-Millimeter-Schmerzskala gaben die Patienten mit der entzündungshemmenden Diät durchschnittlich 9,22 Millimeter weniger an als die Kontrollgruppe. Die Autorinnen stufen die Evidenz aber als sehr niedrig ein, da die eingeschlossenen Studien starken Verzerrungen unterliegen.
Doch weltweit wandeln sich die Ernährungsgewohnheiten weg von diesen Empfehlungen, geben die Review-Autorinnen zu bedenken. Gemüse, Obst und Vollkornprodukte werden deutlich weniger gegessen als empfohlen. Stattdessen konsumieren viele Menschen viel rotes und hochverarbeitetes Fleisch und Produkte mit hohem Fett-, Zucker- und Salzgehalt – besonders in ärmeren Ländern.
Um gesunde Essgewohnheiten zu fördern, müsse man das Lebensmittelangebot, die Ernährungskompetenz oder auch den sozioökonomischen Status beachten. Nur so könne Präventionsarbeit auch Menschen mit Zeitmangel oder tief verwurzelten Essgewohnheiten erreichen.