Weltweit leiden Millionen Menschen an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. / © Getty Images/Tharakorn Arunothai/EyeEm
Anlässlich des bundesweiten Magen-Darm-Tages am 7. November rücken Erkrankungen des Verdauungstrakts aktuell besonders in den Fokus. Forschende der Universität Oxford haben nun einen möglichen Mechanismus identifiziert, der zur Entstehung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED) beitragen könnte.
In ihrer im Fachjournal »The New England Journal of Medicine« veröffentlichten Studie zeigen sie, dass neutralisierende Antikörper gegen den entzündungshemmenden Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) bei einem Teil der Betroffenen nachweisbar sind. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Antikörper Entzündungsreaktionen im Darm fördern und langfristig als Ansatzpunkt für Diagnostik und neue Therapien dienen könnten.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa betreffen weltweit Millionen von Menschen. Sie führen zu wiederkehrenden oder dauerhaften Entzündungen im Verdauungstrakt. Erste Symptome treten häufig bereits in jungen Jahren auf. Trotz zahlreicher Behandlungsmöglichkeiten – darunter entzündungshemmende Medikamente, Operationen und Ernährungsumstellungen – haben Betroffene ihr Leben lang mit Beschwerden zu kämpfen.
Eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von CED spielt das Immunsystem. Normalerweise sorgen verschiedene Regulationsmechanismen dafür, dass Immunreaktionen im Darm nicht übermäßig stark ausfallen. Dabei übernimmt der Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) eine zentrale Funktion. Das Zytokin hemmt die Aktivität entzündungsfördernder Zellen und reduziert die Produktion weiterer proinflammatorischer Zytokine.
Vor der neuen Studie war bereits bekannt, dass genetische Defekte im IL-10-Signalweg schwere Darmentzündungen verursachen können. Dazu gehören Mutationen im IL-10-Gen oder in den Genen für IL-10-Rezeptoren. Betroffene entwickeln häufig bereits im Säuglingsalter besonders schwere Formen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen.
In früheren Untersuchungen wurden außerdem neutralisierende Antikörper gegen IL-10 bei Kindern mit früh einsetzender Darmentzündung gefunden. Das Zytokin kann seine entzündungshemmende Wirkung dadurch nicht mehr ausreichend entfalten. Als Folge könnten Entzündungsreaktionen verstärkt ablaufen. Ob solche Antikörper auch bei einer größeren Gruppe von Menschen mit CED vorkommen, blieb jedoch unklar.
Zudem ist die Genvariation HLA-DRB1*01:03 bereits seit etwa 30 Jahren als genetischer Risikofaktor für einige Darmentzündungen bekannt. Sie betrifft das Gen HLA-DRB1, das für einen Bestandteil des menschlichen Leukozyten-Antigen-Klasse-II-Moleküls (HLA-Klasse-II-Molekül) codiert. Diese Immunproteine präsentieren Proteinbestandteile von Fremdstoffen auf der Zelloberfläche und ermöglichen dadurch die Erkennung durch T-Zellen. Wie die Genvariante das Erkrankungsrisiko beeinflusst, war bislang nicht vollständig geklärt.