| Theo Dingermann |
| 05.11.2026 16:20 Uhr |
Ein Leberschaden kann auch durch Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel verursacht werden, die eigentlich nicht als leberschädigend gelten. / © Adobe Stock/mi_viri
Anders als eine dosisabhängige Toxizität, beispielsweise bei einer Paracetamol-Überdosierung, folgt die idiosynkratische Form der arzneimittelinduzierten Leberschädigung (iDILI) keiner verlässlichen Dosis-Wirkungs-Beziehung. Je nach Wirkstoff reicht das geschätzte Risiko von einem Fall unter 1000 bis zu einem Fall unter einer Million Behandelten, wie die Professoren Dr. Naga Chalasani, Dr. Marwan Ghabril und Dr. Raj Vuppalanchi von der Indiana University School of Medicine in Indianapolis in einem jetzt im Wissenschaftsjournal »JAMA Insights« publizierten Übersichtsartikel ausführen.
Mehr als die Hälfte dieser unerwünschten Ereignisse entfällt in den westlichen Ländern auf Antiinfektiva, Krebsmedikamente, Antiepileptika und pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel. Häufig beteiligte Antibiotika sind Amoxicillin/Clavulansäure, Cotrimoxazol, Nitrofurantoin und Fluorchinolone. Auch Kinase- und Immuncheckpoint-Inhibitoren können die Leber schädigen. Nitrofurantoin und Minocyclin können bei längerer oder wiederholter Einnahme chronische Verläufe auslösen, die einer Autoimmunhepatitis ähneln.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Supplemente. Die Autoren der Übersichtsarbeit nennen unter anderem Grüntee-Extrakte, Kurkuma in Kombination mit schwarzem Pfeffer, Ashwagandha und Produkte zur Gewichtsreduktion. In den Vereinigten Staaten stieg ihr Anteil an den iDILI-Fällen von 7 Prozent 2004/2005 auf 20 Prozent 2013/2014. Für die Medikationsanamnese sind deshalb auch vermeintlich harmlose Naturprodukte relevant.
Zugleich mahnt die Übersicht zur Differenzierung. Beispielsweise steigen unter einer Therapie mit Statinen bei bis zu 3 Prozent der Behandelten die Leberenzyme an. Schwere idiosynkratische Leberschäden sind mit weniger als einem Fall pro 100.000 Behandelten dagegen äußerst selten.
Das klinische Spektrum der Komplikationen reicht von symptomlosen Enzymerhöhungen über Bauchschmerzen, Juckreiz und Gelbsucht bis zu Gerinnungsstörungen und Leberversagen. Fieber, Hautausschlag oder Eosinophilie können hinzukommen. Rund drei Viertel der Fälle treten innerhalb von zwölf Wochen nach Therapiebeginn auf. Eine lange gute Verträglichkeit schließt die Diagnose jedoch nicht aus. Auch nach Dosiserhöhungen sind Reaktionen möglich.