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Hepatotoxizität

Immer auch nach Phytos fragen

06.06.2018
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Eine wichtige Aufgabe der Leber ist es, Xenobiotika zu verarbeiten. Auch Arzneimittel zählen dazu. Das kann Probleme mit sich bringen. Arzneimittel-induzierte Leberschäden sind keine Seltenheit und können tödlich enden, wie Professor Dr. Christian P. Strassburg vom Universitätsklinikum Bonn deutlich machte.

Der Hepatologe verwies auf eine Studie aus Schweden, nach welcher 17 Prozent aller Fälle von akutem Leber­versagen Arzneimittel-induziert sind. Während in den USA und England die Paracetamol-Toxizität führend sei, spielte in europäischen Analysen neben nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) vor allem auch die Gabe der Fixkombination aus Amoxicillin/Clavulansäure eine wichtige Rolle. »Die Leberschädigung macht bei diesen Präparaten die Clavulansäure«, stellte Strassburg klar. Für die Praxis nannte er vier Medikamentengruppen, die oft im Zusammenhang mit einer hepatotoxischen Wirkung stehen: Antibiotika, Antikonvulsvia, NSAR und Phytotherapeutika.

Zu kleine Studien

 

Die Zulassungsstudien seien oft zu klein, um das Risiko für ein Wirkstoff-induziertes akutes Leberversagen vorherzusehen. Erst nach Markteintritt, in Phase IV der klinischen Prüfung, sieht man Strassburg zufolge dann die ersten Signale dafür. Grundsätzlich stelle die Diagnose einer Arzneimittel-induzierten Leberschädigung oft eine große Heraus­forderung dar. Ob Hepatitis, Cholestase oder Fibrose: Wie der Mediziner informierte, lassen sich nämlich praktisch sämtliche Lebererkrankungen auch durch Medikamente hervorrufen. »Die Medikamentenanamnese der vergangenen sechs Monate abzufragen, gehört deshalb immer zum praktischen Vorgehen bei Hepatotoxizität.«

 

Strassburg unterschied zwischen drei typischen Reaktionsmustern: die direkte (intrinsische) Toxizität sowie die idiosynkratische (nicht vorhersehbare) Toxizität, die mit oder ohne immun­allergische Zeichen auftreten kann. Die Diagnose einer direkten Toxizität wie sie zum Beispiel durch Paracetamol ausgelöst wird, sei in der Regel vergleichsweise einfacher. Sie erfolgt prompt und ist dosisabhängig. Häufiger seien in der Praxis aber idiosynkratische Reaktionen. Diese seien weder dosisabhängig noch im Tierversuch ­reproduzierbar und träten zudem mit einer Latenz von bis zu 100 Wochen auf.

 

»Auch Phytotherapeutika wie Schöllkraut und Johanniskraut können idiosynkratische Reaktionen hervorrufen«, sagte Strassburg. Zudem seien pflanzliche Präparate oft pharmako­kinetische Modulatoren, wirkten also als Enzyminduktoren oder -hemmer und griffen so in den Metabolismus ­anderer Pharmaka ein. Deshalb frage er seine Patienten auch immer, ob und falls Ja, welche pflanzlichen Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel sie einnehmen oder im vergangenen Halbjahr eingenommen haben.

 

Krebs-Immuntherapie mit Lebereffekten

 

Wie Strassburg deutlich machte, kann das Thema Hepatotoxizität auch bei einer Krebsimmuntherapie mit einem Checkpoint-Inhibitor, also Antikörpern wie Nivolumab, Pembrolizumab, Ipilimumab oder Atezolizumab, relevant sein. Die Wiederherstellung der T-Zell-Aktivität könne unter anderem in der Leber zu Autoimmunerkrankungen, etwa einer Hepatitis, führen. Der Mediziner riet daher zur konsequenten Kontrolle der Aminotransferasen bei Therapie mit einem Immuntherapeutikum. Im Falle einer unerwünschten Immunreaktion müssten die Patienten mit einem Glucocorticoid behandelt werden. »Meist erfolgt ein promptes Ansprechen auf das Steroid«, so Strassburg. Abschließend nannte er zwei empfehlenswerte Internetseiten, um sich über eine mögliche Hepatotoxizität eines Präparats zu informieren: www.liver tox.nih.gov und www.hep-druginter actions.org

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