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Laborwerte

OTC-Mittel nicht vergessen

Weil OTC-Arzneimittel ohne Rezept erhältlich sind, wird ihre Wirkung häufig unterschätzt. Das gilt auch im Zusammenhang mit der Bestimmung von Laborwerten. Dabei vergessen Patienten oft, eingenommene OTC-Arzneimittel anzugeben. Doch auch OTC-Medikamente können die Ergebnisse durchaus beeinflussen.
Annette Mende
04.12.2018
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Nehmen Sie regelmäßig Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel ein, auch solche, die ohne Rezept erhältlich sind? Diese Frage sollten Ärzte ihren Patienten routinemäßig stellen, bevor sie ihre Laborwerte bestimmen. Denn die Anwendung von OTC-Präparaten ist weit verbreitet – die Erwähnung derselben im Zusammenhang mit der Blutentnahme jedoch nicht.

Das zeigte kürzlich eine Erhebung in 18 europäischen Ländern, über deren Ergebnis Forscher um Professor Dr. Ana-Maria Simundic vom Klinikum Sveti Duh in Zagreb im Fachjournal »Clinical Chemistry and Laboratory Medicine« berichteten. Die Autoren hatten in jedem Land jeweils 200 Patienten befragt, denen eine Blutentnahme zur Laborwertbestimmung bevorstand. Anhand eines anonymen Fragebogens sollten die Teilnehmer Auskunft über den Konsum von Kaffee, Alkohol und anderen Nahrungs- und Genussmitteln, intensive sportliche Betätigung am Tag zuvor, aber auch die Einnahme von OTC-Arzneimitteln beziehungsweise Nahrungsergänzungs­mitteln geben. Des Weiteren wurden die Probanden gefragt, ob sie ihren Arzt darüber informiert hatten.

Arzt wird nicht informiert

Es stellte sich heraus, dass 68 Prozent der Befragten regelmäßig ein OTC-­Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel einnahmen. Vitamine, ­Mineralstoffe, Cranberrysaft, Acetyl­salicylsäure (ASS) und Omega-3-Fettsäuren wurden hier am häufigsten genannt. Lediglich knapp die Hälfte der Betroffenen (51 Prozent) gab jedoch an, ihren Arzt davon in Kenntnis gesetzt zu haben – obwohl deutlich mehr, nämlich 70 Prozent aller Teilnehmer, die Auffassung vertraten, dass diese Information für den Arzt wichtig sei.

Zwischen den teilnehmenden Ländern, zu denen Deutschland nicht ­gehörte, differierten die Antworten teilweise stark, sodass die Aussagekraft der Studie für deutsche Verhältnisse begrenzt ist. Nichtsdestotrotz lenkt sie die Aufmerksamkeit darauf, dass Patienten die Wirksamkeit von OTC-Arzneimitteln hinsichtlich der Beeinflussung von Blutwerten oft unterschätzen. Das dürfte auch hierzulande der Fall sein.

Wie alle Arzneimittel können auch OTC-Präparate Laborwerte entweder pharmakokinetisch oder pharmako­dynamisch beeinflussen. Ein Beispiel für eine pharmakokinetische Einflussnahme ist die Behinderung der Absorption von Nahrungseisen durch Ant­acida und ein daraus resultierender Eisen­mangel. Auch die Elimination kann gestört werden: ASS konkurriert mit Harnsäure um den Säurecarrier im renalen Tubulussystem und kann dadurch einen Gichtanfall auslösen. Verteilung und Metabolismus, die beiden pharmakokinetischen Teilschritte zwischen der Absorption und Elimination, sind ebenfalls durch OTC-Arzneimittel beeinflussbar, etwa indem ASS Bilirubin aus seiner Plasmaeiweißbindung verdrängt oder Johanniskraut CYP3A4 induziert, was wiederum die Wirkung anderer Arzneistoffe modifizieren kann.

Unter den gängigsten OTC-Arzneimitteln mit chemisch definierten Wirkstoffen sind neben abschwellenden Nasensprays vor allem diverse nicht steroidale Antirheumatika (NSAR). Das geht aus einer Auswertung des Informationsdienstleisters IQVIA im Auftrag der PZ hervor. Demnach waren im Jahr 2017 unter den Top 20 der nach Packungen am häufigsten abgegebenen OTC-Präparate gleich fünf Xylometazolin-haltige Nasensprays. Diese beeinflussen Laborparameter im Blut des Pa­tienten nicht.

Top-Seller NSAR

Anders sieht es bei den NSAR aus, von denen als Monopräparate am häufigsten ASS, Diclofenac und Ibuprofen zum Einsatz kommen. Alle NSAR können über den Umweg (okkulter) gastro­intestinaler Blutungen eine Eisenmangelanämie auslösen. Auch die Leberwerte können ansteigen. Die Niere kann ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden; in Kombination mit anderen Arzneistoffen, die die Nierenfunk­tion beeinflussen, ist sogar ein akutes Nierenversagen möglich. Als sogenannter Triple Whammy, also Dreifachhammer ist etwa die Kombination aus NSAR, Diuretikum plus ACE-Hemmer oder Sartan bekannt. Unter Diclofenac oder Ibuprofen kann es zudem zu Störungen der Blutbildung kommen mit Leukopenie, Thrombozytopenie, Pan­zytopenie oder Agranulozytose als Folge.

Prinzipiell sollten bei der topischen Anwendung der NSAR kaum Auswirkungen auf Laborparameter zu erwarten sein, da die systemischen Wirkspiegel gering sind. Da nicht alle Patienten die Empfehlungen hinsichtlich Anwendungsdauer, applizierter Menge und maximaler Größe der behandelten Hautfläche einhalten, ist aber auch bei der Anwendung dieser Schmerzsalben eine Beeinflussung denkbar.

Auch Paracetamol gehört zu den am häufigsten abgegebenen OTC-Schmerzmitteln in Deutschland. Bei Überdosierung ist der Wirkstoff bekanntermaßen lebertoxisch, aber auch schon in therapeutischen Dosen ist ein Anstieg der Lebertransaminasen möglich. Zudem kann es wie bei den NSAR zu Blutbild-Veränderungen wie Thrombozytopenie oder Agranulozytose kommen. Zu berücksichtigen ist ferner, dass Paracetamol bei der Verwendung bestimmter Messmethoden den Harnsäure- sowie den Blutzuckerwert beeinflussen kann. Auch Acetylcystein, Paracetamol-Antidot und OTC-Hustenlöser, kann einen Labor­wert beeinflussen, nämlich das Ergebnis der Bestimmung von Ketonkörpern im Urin.

Die Paracetamol- oder NSAR-haltigen Kombinationspräparate Grippo­stad® C, Thomapyrin®, Wick® MediNait und Wick® DayMed bergen hinsichtlich der Beeinflussung von Laborparametern dieselben Risiken wie die Einzelsubstanzen, aber keine darüber hinausgehenden.

Phytos meist unbedenklich

Die häufigsten pflanzlichen OTC-Arzneimittel sind vor allem Präparate zur Linderung von Erkältungsbeschwerden. Unter diesen können Umckaloabo® und Angocin® Anti-Infekt Laborparameter verändern. Die Anwendung von Ersterem kann die Leberwerte erhöhen und zu einem Rückgang der Thrombozytenzahl führen, Letzteres enthält Vitamin K und kann dadurch die Blutgerinnung und deren Para­meter beeinflussen. Die Fachinfor­mationen von Sinupret®, Prospan®, Gelomyrtol®, Bronchicum® Thymian, Bronchipret® TE und Soledum®, die laut IQVIA ebenfalls zu den Top 20 der OTC-Phytopharmaka gehören, enthalten dagegen keine Hinweise auf mögliche Laborwert-Veränderungen.

Das in Iberogast® enthaltene Schöllkraut kann zu einem Anstieg von Leberenzymen führen. Tebonin® kann die Blutungsneigung erhöhen, woran laut Fachinformation vor allem bei Kombination mit ASS oder anderen NSAR gedacht werden sollte.

DOI: 10.1515/cclm-2018-0579

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