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Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
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Antikörper als Entzündungstreiber

Antikörper, die das entzündungsdämpfende Zytokin IL-10 hemmen, könnten eine Ursache für entzündliche Darmerkrankungen sein. Forschende der Universität Oxford haben damit einen möglichen Ansatzpunkt zur Entwicklung neuer Behandlungsoptionen gefunden.
AutorKontaktChristina Düll
Datum 06.11.2026  15:30 Uhr

Anlässlich des bundesweiten Magen-Darm-Tages am 7. November rücken Erkrankungen des Verdauungstrakts aktuell besonders in den Fokus. Forschende der Universität Oxford haben nun einen möglichen Mechanismus identifiziert, der zur Entstehung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CED) beitragen könnte.

In ihrer im Fachjournal »The New England Journal of Medicine« veröffentlichten Studie zeigen sie, dass neutralisierende Antikörper gegen den entzündungshemmenden Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) bei einem Teil der Betroffenen nachweisbar sind. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Antikörper Entzündungsreaktionen im Darm fördern und langfristig als Ansatzpunkt für Diagnostik und neue Therapien dienen könnten.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa betreffen weltweit Millionen von Menschen. Sie führen zu wiederkehrenden oder dauerhaften Entzündungen im Verdauungstrakt. Erste Symptome treten häufig bereits in jungen Jahren auf. Trotz zahlreicher Behandlungsmöglichkeiten – darunter entzündungshemmende Medikamente, Operationen und Ernährungsumstellungen – haben Betroffene ihr Leben lang mit Beschwerden zu kämpfen.

IL-10 bremst Entzündungen

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von CED spielt das Immunsystem. Normalerweise sorgen verschiedene Regulationsmechanismen dafür, dass Immunreaktionen im Darm nicht übermäßig stark ausfallen. Dabei übernimmt der Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) eine zentrale Funktion. Das Zytokin hemmt die Aktivität entzündungsfördernder Zellen und reduziert die Produktion weiterer proinflammatorischer Zytokine.

Vor der neuen Studie war bereits bekannt, dass genetische Defekte im IL-10-Signalweg schwere Darmentzündungen verursachen können. Dazu gehören Mutationen im IL-10-Gen oder in den Genen für IL-10-Rezeptoren. Betroffene entwickeln häufig bereits im Säuglingsalter besonders schwere Formen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen.

In früheren Untersuchungen wurden außerdem neutralisierende Antikörper gegen IL-10 bei Kindern mit früh einsetzender Darmentzündung gefunden. Das Zytokin kann seine entzündungshemmende Wirkung dadurch nicht mehr ausreichend entfalten. Als Folge könnten Entzündungsreaktionen verstärkt ablaufen. Ob solche Antikörper auch bei einer größeren Gruppe von Menschen mit CED vorkommen, blieb jedoch unklar.

Zudem ist die Genvariation HLA-DRB1*01:03 bereits seit etwa 30 Jahren als genetischer Risikofaktor für einige Darmentzündungen bekannt. Sie betrifft das Gen HLA-DRB1, das für einen Bestandteil des menschlichen Leukozyten-Antigen-Klasse-II-Moleküls (HLA-Klasse-II-Molekül) codiert. Diese Immunproteine präsentieren Proteinbestandteile von Fremdstoffen auf der Zelloberfläche und ermöglichen dadurch die Erkennung durch T-Zellen. Wie die Genvariante das Erkrankungsrisiko beeinflusst, war bislang nicht vollständig geklärt.

Neue Spur im Darm

Um das herauszufinden, untersuchte ein Forschungsteam um Dr. Nima Gharahdaghi von der Universität Oxford bei rund 4900 CED-Patienten, wie häufig neutralisierende Antikörper gegen IL-10 auftraten. Zusätzlich analysierten sie einen möglichen Zusammenhang zwischen den Antikörpern und der Genvariante HLA-DRB1*01:03. Als Kontrollgruppe dienten etwa 1000 gesunde Personen.

Etwa 3,5 Prozent der CED-Patienten wiesen neutralisierende Antikörper gegen IL-10 auf. In der Kontrollgruppe fanden die Forschenden dagegen keine solchen Antikörper. Zudem stellten sie einen starken Zusammenhang zwischen den IL-10-neutralisierenden Antikörpern und HLA-DRB1*01:03 fest. Bei Personen mit dieser Genvariante waren die Antikörper deutlich häufiger nachweisbar. Damit könnte das Forschungsteam einen möglichen Ansatz gefunden haben, wie die Genvariante die Entstehung von CED beeinflusst.

»Wir vermuten seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle von Interleukin 10 bei Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen. Die Studie liefert nun klare Belege und trägt zur fehlenden Verbindung zwischen einer bekannten genetischen Variante, die in der Vergangenheit mit schwerer entzündlicher Darmerkrankung in Verbindung gebracht wurde, und der sehr kürzlich entdeckten Autoimmunität gegen Interleukin 10 bei«, sagt Professor Dr. Holm Uhlig, Seniorautor der Studie, in einer Mitteilung der Universität.

Diagnose durch Blutmarker?

Die Ergebnisse könnten langfristig auch für die Diagnostik und Behandlung relevant sein. Die Forscher vermuten, dass sich anhand der Antikörper ein Bluttest entwickeln lassen könnte, der betroffene Patienten identifiziert. Dies könnte helfen, Patientengruppen gezielter zu erkennen und Behandlungen individuell anzupassen. Der Immunologe Dr. Rainer Doffinger erklärt, man könne so die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und eventuell zukünftig eine dauerhafte Remission ermöglichen.

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