| Alexander Müller |
| 07.11.2026 11:00 Uhr |
ABDA-Vizepräsidentin Ina Lucas ist überzeugt: Nur mit den Apotheken werden sich die Impflücken schließen lassen. / © Spreekind-Fotografie / Sandra Schneider
PZ: In Ihren vier Apotheken in Berlin wird jetzt in der dritten Saison geimpft: Wie ist die Entwicklung?
Lucas: Wir erleben eine deutlich gestiegene Nachfrage: Geschätzt liegen wir aktuell 30 Prozent über dem Vorjahr – und da hatten wir allein in einer Apotheke unseres Verbunds mehr als 1000 Impfungen. Unendlich erweitern können wir die Kapazitäten natürlich nicht, wir haben schließlich noch unser normales Geschäft zu tun.
PZ: Offenbar ist es – zumindest in Ihren Apotheken – für die Menschen schon normal geworden.
Lucas: Das Feedback ist wirklich toll. Die Leute sind begeistert, wie einfach das geht. Wir vergeben online Termine, in Slots über 15 Minuten. Da ist die Ruhezeit nach der Impfung nicht mit reingerechnet. Und wir bitten die Patienten, sich den Aufklärungsbogen vorab durchzulesen, dann hat man schon eine gute Grundlage für das Aufklärungsgespräch. Es sind außerdem immer mehrere Apothekerinnen und Apotheker vor Ort, die impfen können, sodass auch »Walk-ins« ohne Termin möglich sind. Das wird sehr gut angenommen.
PZ: Jetzt steht die Lange Nacht des Impfens bevor. Was erwarten Sie?
Lucas: Im vergangenen Jahr hatten wir an allen vier Standorten zusammen rund 500 Impfungen. Jetzt sind wir über die Terminvergabe schon komplett ausgelastet. Walk-ins können wir nur noch in der Apotheke anbieten, wo wir zwei Räume für Impfungen zur Verfügung haben. Für uns ist es das dritte Jahr. Wir sind jetzt echt im Arbeitsmodus und machen gar kein großes Event mehr daraus, so etabliert ist das schon. Die Leute kennen das.
PZ: Wie bereiten Sie sich darauf vor, dass bald alle Nicht-Lebendimpfstoffe in Apotheken verimpft werden können?
Lucas: Unsere Prozessverantwortliche hat schon alle Hände voll zu tun und führt zahllose Gespräche. Viele unserer Apotheker gehen jetzt schon in den ersten Teil der neuen Schulung. Wir wollen uns schnell organisieren, damit dann genug Menschen bei uns alles impfen können. Sobald die Vergütungsregelungen geklärt sind, können wir am nächsten Tag starten.
PZ: Erwarten Sie neuen Ärger mit den Ärzten?
Lucas: Eigentlich nicht. Es gab eine grundsätzliche Ablehnung in der Interessenvertretung der Ärzteschaft. Jetzt gab es noch einmal die Welle der Empörung wegen der Erweiterung und plötzlich werden auch die schon gut etablierten Impfungen wieder infrage gestellt. Da sind viele Emotionen im Spiel. Ich kann nur sagen: Wer einen Tag bei uns in der Apotheke mitläuft, wer die Patientenstimmen dazu hört, der hat keinen Zweifel daran, dass es ein super Ergänzungsangebot ist. Es ist kein Ersatzangebot. Niemals hat die Apothekerschaft gesagt, wir wollen hier Ärzteangebote ersetzen. Wir wollen ergänzen, weil es bei uns einen niedrigschwelligen Zugang gibt. Und bei den schlechten Impfquoten ist das aus meiner Sicht auch alternativlos.
PZ: Die Ärzte haben trotzdem eine Anti-Apotheken-Impfkampagne gestartet. Gab es darauf Reaktionen seitens Ihrer Kunden?
Lucas: Wenn wir neue Termine auf unserer Homepage freischalten, sind die innerhalb weniger Stunden ausnahmslos vergeben. Und diese Kampagne wird ehrlich gesagt mit keiner Silbe erwähnt, es spielt überhaupt keine Rolle. Und das zeigt mir, dass die Bevölkerung uns sehr wohl als Profis bei Gesundheitsleistungen wahrnimmt. Berufspolitisch gäbe es nach meiner Ansicht auch andere Themen, über die man reden sollte. Denn das ganze System ist unter Druck. Wir haben viele Aufgaben mit Blick auf Primärversorgung und Patientenpfadbeschreibung.
PZ: Der Anteil der Apotheken an Impfungen liegt bei 1-2 Prozent. Welchen Anteil würden Sie als Erfolg werten?
Lucas: Ich fände es schon toll, wenn wir vielleicht auf fünf bis zehn Prozent der Impfungen kämen – und damit Menschen erreichen, die sich sonst nicht impfen lassen. Denn es genügt ein Blick nach Europa, um zu verstehen, dass man überhaupt nur in die Nähe von WHO-Vorgaben für Impfquoten kommt, wenn Apotheken und der Öffentliche Gesundheitsdienst mitimpfen. Die Apotheken alleine werden die Quoten nicht von 40 auf 75 Prozent steigern können, ich sehe auch noch Potenzial in der Arbeitsmedizin. Hauptsache, die Leute lassen sich impfen!