| Theo Dingermann |
| 22.09.2026 16:20 Uhr |
Die Arbeit zeigt, dass die Evidenz für positive Effekte von Nahrungsergänzungsmitteln auf Alterungsprozesse sehr schwach ist. Dies steht in großem Gegensatz zu der weitreichenden Akzeptanz dieser Präparate im OTC-Bereich.
Erst kürzlich erschien in der »New York Times« ein Beitrag, der diese Diskrepanz verdeutlicht. Zumindest in den USA sind Nahrungsergänzungsmittel längst im Mainstream angekommen, ohne dass ihre wissenschaftlich belegte Wirkung mit ihrer Popularität Schritt hält. Nach einer aktuellen Umfrage des Pew Research Center nehmen inzwischen fast acht von zehn erwachsenen US-Amerikanern mindestens ein Supplement ein.
In der Befragung gaben 67 Prozent von 3554 Erwachsenen an, Vitamine oder Mineralstoffe einzunehmen. 31 Prozent verwendeten Protein-Supplemente, 25 Prozent Omega-3-, Fisch- oder Krillöl und knapp 20 Prozent pflanzliche Präparate wie Ginseng oder Ashwagandha. Forschende schätzen, dass deutlich mehr als 80 Prozent des Supplementkonsums den Anwendern keinen nachgewiesenen Nutzen bringen.
Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Kritik an Nahrungsergänzungsmitteln. Denn bei einem nachgewiesenen Nährstoffmangel oder in bestimmten Lebensphasen gibt es auch medizinisch gut begründete Indikationen. Dies betrifft jedoch nur eine Minderheit der Einnahmesituationen.
Die eigentliche Bedeutung der publizierten Arbeit liegt weniger in einem neuen Rezept gegen das Altern als in der Entwicklung besserer Messinstrumente. Sollten sich moderne epigenetische Marker künftig als valide Surrogatparameter für klinisch relevante Altersfolgen etablieren, könnten Interventionen innerhalb von Monaten oder Jahren beurteilt werden, anstatt jahrzehntelang auf Unterschiede bei Morbidität und Mortalität warten zu müssen. Das gilt insbesonders für Nahrungsergänzungsmittel, die meist mehr versprechen, als sie halten.
Bis dahin bleibt ein nüchterneres Fazit: Für Bewegung und eine gesunde Ernährung sprechen neben etablierten gesundheitlichen Vorteilen nun auch konsistente epigenetische Signale. Bei Supplementen fällt die Bilanz deutlich weniger überzeugend aus. Und Arzneimittelwirkungen auf eine epigenetische Uhr sind noch keine Indikation zur medikamentösen Behandlung des Alterns.