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Somatische Komorbidität
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Warum psychisch Kranke früher sterben

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben ein besonders hohes Risiko für körperliche Leiden wie Diabetes mellitus, Herz-, Gefäß- oder Lungenerkrankungen. Dadurch ist ihre Lebenserwartung deutlich reduziert. Wo liegen die Probleme im Alltag und was können Apothekenteams leisten?
AutorKontaktMartina Hahn
AutorKontaktSibylle C. Roll
Datum 19.04.2026  08:00 Uhr

Körperliche Begleiterkrankungen

Verschiedene körperliche Erkrankungen kommen bei Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung (Tabelle 1).

Die Analyse der somatischen Begleiterkrankungen in der PSY-KOMO-Kohorte mit etwa 1600 Patienten zeigte eine alarmierende Prävalenz (vorgestellt auf dem DGPPN-Kongress in Berlin 2025):

  • Arterielle Hypertonie: Nur knapp 5 Prozent der Patienten wiesen bei einem spontanen Blutdruckscreening einen normwertigen Blutdruck auf. Bei rund der Hälfte war der Blutdruck erhöht und bei 40 Prozent hyperton, was ein sehr hohes kardiovaskuläres Risiko darstellt.
  • Diabetes mellitus Typ 2 wurde bei jedem siebten Teilnehmer diagnostiziert, was ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt der Allgemeinbevölkerung liegt.
  • Asthma und COPD betrafen nahezu jeden Fünften, was durch hohe Raucherquoten und andere Faktoren begünstigt wird.
  • Koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinsuffizienz kamen zwar selten vor, erfordern aber eine frühzeitige Prävention und Behandlung.

Als »Overshadowing« bezeichnet man das Phänomen, dass Symptome einer psychischen Erkrankung die Wahrnehmung und Behandlung anderer gesundheitlicher Probleme überlagern. In der gesundheitlichen Versorgung kann dies dazu führen, dass körperliche Erkrankungen bei psychisch erkrankten Menschen nicht ausreichend erkannt und behandelt werden; dies beeinträchtigt ihre Lebensqualität und gesundheitliche Prognose zusätzlich.

Im klinischen Alltag kann man beobachten, dass beispielsweise höhere HBA1c-Werte toleriert werden, keine lipidsenkende Therapie trotz erhöhter Werte erfolgt, erhöhte Blutdruckwerte nicht direkt zum Ansetzen von Antihypertensiva führen oder COPD nicht behandelt wird – und dies nur, weil der Patient zusätzlich eine psychische Erkrankung hat.

Betroffene Organe und Systeme Erkrankungen
kardiovaskuläres und metabolisches System Adipositas
arterielle Hypertonie
Diabetes mellitus Typ 2 mit Folge­erkrankungen wie Polyneuropathie oder Niereninsuffizienz
Hyperlipidämie
Herzinfarkt, Hirninfarkt
Tumoren (Folgen erhöhten Substanzkonsums,
zum Beispiel Tabak oder Alkohol),
fehlende Vorsorgeuntersuchungen
Lunge, Mamma
Kolon, Leber, Pankreas
hämatopoetisches System
Lunge chronisch-obstruktive Atemwegserkrankung (COPD)
Infektionen, zum Beispiel Pneumonie, Tuberkulose
obstruktives Schlaf-Apnoe-Syndrom
andere Systeme Infektionserkrankungen, zum Beispiel Hepatitis, HIV
gastrointestinale Ulzera
Epilepsie
verminderte Zahnhygiene, Karies
Tabelle 1: Erkrankungen, die bei Menschen mit Schizophrenie häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung (adaptiert nach der Living Guideline »Schizophrenie« der DGPPN, 2025).
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