Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind im Alltag oft überfordert. Dies betrifft auch die Fürsorge für ihre Gesundheit. / © Adobe Stock/terovesalainen
Schwere psychische Erkrankungen (Severe Mental Illness, SMI) wie Schizophrenie, affektive Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen stellen nicht nur eine immense Belastung für die Betroffenen selbst und ihr soziales Umfeld dar, sondern sind auch mit einer alarmierend hohen Rate an somatischen Komorbiditäten verbunden (1, 2).
Patienten mit SMI haben ein zwei- bis dreifach höheres Risiko, vorzeitig zu sterben, als die Allgemeinbevölkerung (3–5). Physische Begleiterkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Atemwegs-, Krebs- und Infektionserkrankungen tragen maßgeblich zur reduzierten Lebenserwartung von schwer psychisch erkrankten Patienten bei.
Eine erste deutsche Metaanalyse aus dem Jahr 2019 (6) unterstreicht die Problematik der Unterdiagnose und Übersterblichkeit in dieser vulnerablen Gruppe: Somatisch-psychische Komorbidität erhöht die Sterblichkeit erheblich. Die Lebenserwartung ist um bis zu 12,3 Lebensjahre niedriger als in der Allgemeinbevölkerung. Studien aus dem Ausland haben eine noch höhere Übersterblichkeit von 15 bis 20 Jahren beschrieben (3). Nur 14 Prozent der vorzeitigen Todesfälle sind auf unnatürliche Todesursachen zurückzuführen; 86 Prozent gehen auf körperliche Erkrankungen zurück, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen (7).
Untersuchungen zeigen, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen seltener eine Behandlung für körperliche Erkrankungen erhalten, selbst bei häufigen und schweren Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Brustkrebs (2). Eigentlich besteht hier ein erhöhter Bedarf an Gesundheitsversorgung, der aber oft unberücksichtigt bleibt (9).
Die Gründe für die verminderte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und das schlechte Gesundheitsverhalten dieser Patienten sind vielfältig und komplex. Sie reichen von einem verminderten Zugang zu somatischen Behandlungsdiensten über ungünstige Lebensstilfaktoren bis hin zu den potenziellen Nebenwirkungen der Psychopharmaka (8, 9). Wenn Patienten im Kontakt mit Heilberuflern Stigmatisierung erfahren, erschwert dies die erneute Motivation, Angebote anzunehmen und Gesundheitsmaßnahmen umzusetzen.
Leitlinien, die ein Screening empfehlen, sind zahlreich (9–13). Das Problem der somatischen Komorbidität bei psychisch erkrankten Menschen ist nicht neu, sondern seit Jahren bekannt. Bemerkenswert ist, dass das alleinige Screening die Übersterblichkeit nicht reduziert. Das ist vielleicht der bedeutsame Unterschied zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen und anderen Patienten: Das bloße Mitteilen von Werten reicht nicht aus, da zahlreiche und vielfältige Barrieren bis zu einer guten leitliniengerechten Behandlung bestehen.
Die im G-BA-Innovationsfond geförderte PSY-KOMO-Studie verfolgte das Ziel, psychisch schwer kranken Menschen den Zugang zur ärztlichen Regelversorgung zu erleichtern, weitere Erkrankungen frühzeitig zu entdecken und die Patienten insgesamt besser zu versorgen. Dazu untersuchte sie als neue Versorgungsform sogenannte »Gesundheitsbegleiter«, die die Detektion von somatischen Erkrankungen verbessern und zu einer leitliniengerechteren Versorgung der Patienten verhelfen konnten.