Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Somatische Komorbidität
-
Warum psychisch Kranke früher sterben

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben ein besonders hohes Risiko für körperliche Leiden wie Diabetes mellitus, Herz-, Gefäß- oder Lungenerkrankungen. Dadurch ist ihre Lebenserwartung deutlich reduziert. Wo liegen die Probleme im Alltag und was können Apothekenteams leisten?
AutorKontaktMartina Hahn
AutorKontaktSibylle C. Roll
Datum 19.04.2026  08:00 Uhr

Problematische Lebensstilfaktoren

Psychisch kranke Menschen pflegen aus verschiedenen Gründen oft einen »ungesunden« Lebensstil, zum Beispiel Inaktivität, Rauchen und Alkoholkonsum. Die Analysen in PSY-KOMO deckten etliche erhebliche Defizite auf (vorgestellt auf dem DGPPN-Kongress 2025).

Vier von zehn Patienten gaben an, sich überhaupt nicht zu bewegen. Nur jeder Siebte bewegte sich ausreichend und noch weniger übertrafen die empfohlenen 180 Minuten körperlicher Aktivität pro Woche. Patienten mit Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen waren tendenziell weniger aktiv als jene mit affektiven Erkrankungen. Die Inaktivität nahm mit dem Alter zu.

Sehr viele Betroffene rauchen. Mit rund 43 Prozent ist die Prävalenz extrem hoch und liegt weit über der der Allgemeinbevölkerung. Männer rauchten deutlich häufiger als Frauen (52 versus 40 Prozent). Besonders besorgniserregend ist die hohe Raucherquote in der Altersgruppe unter 40 Jahren (fast 53 Prozent) sowie bei Patienten mit Schizophrenie und Persönlichkeitsstörung (51 Prozent) sowie bei affektiven Erkrankungen (39 Prozent). Rauchen ist ein Hauptrisikofaktor für zahlreiche somatische Erkrankungen: von Herz-Kreislauf- über Atemwegs- bis hin zu Krebserkrankungen.

Der mittlere Alkoholkonsum lag bei rund zwei Alkoholeinheiten pro Woche (Selbstangabe der Patienten). Dieser Durchschnittswert erscheint moderat, aber man muss beachten, dass er nichts aussagt über problematische oder riskante Konsummuster bei einzelnen Personen. Alkohol ist ebenso wie Rauchen ein relevanter negativer Faktor für die körperliche Gesundheit.

Defizite in der Vorsorge und Prävention

Zu den körperlichen Erkrankungen und einem ungesunden Lebensstil kommen weitere Risikofaktoren bei psychisch schwer Erkrankten hinzu. So ist die Nutzung von Vorsorgeuntersuchungen unzureichend, wie unter anderem bei PSY-KOMO aufgedeckt wurde.

Jeder Fünfte hatte in den letzten fünf Jahren keine einzige Vorsorgeuntersuchung wahrgenommen. Männer nahmen signifikant seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch als Frauen.

Besonders alarmierend ist, dass rund ein Viertel der schizophren oder emotional instabil erkrankten Personen sowie ein Sechstel der affektiv erkrankten Menschen in den vergangenen fünf Jahren nie einen Arzt – außer dem behandelnden Psychiater – aufgesucht hatten. Dies deutet auf massive Barrieren beim Zugang zu präventiver medizinischer Versorgung hin. In der Folge sind somatische Erkrankungen bis hin zu fortgeschrittenen Stadien oft unterdiagnostiziert.

Mehr von Avoxa