Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Somatische Komorbidität
-
Warum psychisch Kranke früher sterben

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben ein besonders hohes Risiko für körperliche Leiden wie Diabetes mellitus, Herz-, Gefäß- oder Lungenerkrankungen. Dadurch ist ihre Lebenserwartung deutlich reduziert. Wo liegen die Probleme im Alltag und was können Apothekenteams leisten?
AutorKontaktMartina Hahn
AutorKontaktSibylle C. Roll
Datum 19.04.2026  08:00 Uhr

Herausforderungen für die Patienten

Viele psychisch kranke Menschen haben krankheitsbedingt Probleme, sich um ihre Gesundheit ausreichend zu kümmern, aber oft erschweren auch scheinbar banale Hürden den Weg zu einer guten Therapie. Im PSY-KOMO-Projekt wurde daher eine sogenannte »Gesundheitsbegleitung« etabliert: Pflegefachkräfte oder medizinische Fachangestellte, die Patienten hauptberuflich zu somatischer Gesundheit berieten, Arzttermine vereinbarten und teilweise auch zu den Terminen begleiteten. Dabei zeigten sich mehrere Herausforderungen.

Motivations- und Antriebsmangel

Am PSY-KOMO-Standort Frankfurt nahmen 860 informierte Patientinnen und Patienten teil. Davon meldeten sich nur 289 tatsächlich zu Vorstellungen oder Terminen an und 260 schlossen das Projekt ab. 29 brachen die Begleitung ab. Dies ist eine signifikante Drop-off-Rate und verdeutlicht die Schwierigkeit, diese Patientengruppe nachhaltig zu erreichen und zu binden.

Antriebs- und Motivationslosigkeit oder die Negativsymptomatik einer Schizophrenie erschweren es, Kontakt aufzunehmen und medizinische Maßnahmen umzusetzen. Die Apotheke als feste Anlaufstelle kann hier einen besonderen Beitrag leisten. Die niederschwellige Erreichbarkeit von Heilberuflern ohne vorherige Terminvereinbarung ist ein besonderer Vorteil, den Apotheken gegenüber Arztpraxen bieten.

Stigmatisierung

Wenn Patienten Ausgrenzung und Stigmatisierung im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft erfahren, kann dies ihre Eigeninitiative schwächen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zudem erschweren die Erfahrungen den Aufbau von Vertrauen.

Kommunikationsbarrieren

Der Austausch zwischen Heilberuflern ist aus Datenschutzgründen streng geregelt. Am besten kann man im Beisein des Patienten kommunizieren, wenn der Patient dies genehmigt. Die Erreichbarkeit von Ärzten ist jedoch schlecht und wird durch KI-gestützte Systeme weiter erschwert: Man unterhält sich nur noch mit der KI und teilt das Anliegen mit. Rückrufe erfolgen zeitversetzt, sodass der Patient nicht mehr in der Apotheke vor Ort ist.

Neue Kommunikationsstrukturen wie KIM (Kommunikation im Medizinwesen) bieten einen neuen Standard für den sicheren Austausch von Dokumenten, zum Beispiel von Medikationsplänen oder Befunden. KIM ermöglicht eine verschlüsselte Ende-zu-Ende-Kommunikation und ersetzt herkömmliche E-Mails, wird jedoch noch zu wenig genutzt. Seit einigen Jahren haben Heilberufler zudem die Möglichkeit, über den TI-Messenger Kurznachrichten auszutauschen. Dies kann von überall aus über PC oder Smartphone erfolgen und ist laut Gematik mehrfach vor unbefugtem Zugriff geschützt.

Bedarf an Terminkoordination

Viele psychisch kranke Menschen brauchen Hilfe, um Termine festlegen und einhalten zu können. In der PSY-KOMO-Studie bestand der größte Unterstützungsbedarf in Frankfurt (bei etwa 50 Prozent der Patienten) bei der Vereinbarung von Arzt-, insbesondere Facharztterminen. Dieser Bedarf stieg mit zunehmendem Alter an.

Viele Patienten verfügen nicht über die technischen Voraussetzungen zur Terminvereinbarung: kein Smartphone, kein Internet. Vielen war es nicht möglich, Telefonnummern von Arztpraxen herauszusuchen. Sind Praxen schlecht erreichbar, kümmerten sich viele Menschen nicht weiter um den Termin, selbst wenn Überweisungen vorlagen. Für einige Fachrichtungen war es selbst für Fachkräfte sehr schwer, Termine zu bekommen, da die Praxen keine neuen Patienten mehr aufnahmen. Die Erreichbarkeit von Praxen im Umland war oft eine zu große Hürde für die Patienten, die sich nicht zutrauten, die Praxis selbstständig aufzusuchen, oder die kein Geld für die Fahrten hatten.

Mehr von Avoxa