Aufgrund der hohen Rate an Polypharmazie und den möglichen Interaktionen haben die Apotheken besondere Aufgaben beim Interaktionscheck und in der Medikationsbegleitung.
Gerade Psychopharmaka haben ein hohes Interaktionspotenzial aufgrund ihrer breiten Rezeptorprofile, des exzessiven Metabolismus (vor allem CYP-Interaktionen) und der Zentralgängigkeit (17). Die meisten Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen haben Anspruch auf die pharmazeutische Dienstleistung einer Medikationsanalyse. Die pDL kann helfen, arzneimittelbezogene Probleme zu erkennen und zu lösen. So können Apotheker eventuell auch ein Deprescribing beim Arzt anstoßen, was die Polymedikation reduzieren kann.
Durch Schulung zur korrekten Einnahme von Psychopharmaka (und anderen Medikamenten) kann die Apotheke zudem die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen.
Die Apotheke als niedrigschwellige Anlaufstelle, die zudem pharmazeutische Dienstleistungen anbietet, ist ein großes Plus für kranke Menschen. / © ABDA
Weiterhin hilfreich sind Angebote zu Blutdruck-, Blutzucker- und Cholesterolmessungen, Gewichtskontrollen, Raucherentwöhnungs- und Ernährungsberatung. Zu den Präventionsmaßnahmen gehören auch Impfungen in der Apotheke. Ebenso sollten die pDL zu Hypertonie und COPD proaktiv und gezielt angeboten werden.
Die Verbesserung der somatischen Gesundheit von psychiatrischen Patienten erfordert einen ganzheitlichen systemischen Ansatz, der integrierte Behandlungsstrategien entwickelt. Das Apothekenteam kann einen ganz bedeutsamen Beitrag leisten, da Apotheken gut erreichbar sind, die Patienten sich regelmäßig vorstellen (Rezepteinlösung) und Screenings angeboten werden (Blutzucker-, Blutdruckmessungen). Zudem kennen die Teams oft auch Arztpraxen, die für einen Patienten gut erreichbar sind.

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Die hohe Prävalenz von Hypertonie, Diabetes und Atemwegserkrankungen sowie kritische Lebensstilfaktoren wie körperliche Inaktivität und exzessives Rauchen sind signifikante Treiber der Übersterblichkeit bei psychisch kranken Menschen. Gleichzeitig sind sie im präventiven und kurativen somatischen Bereich unterversorgt. Dies wird durch Stigmatisierung und Zugangsbarrieren noch verstärkt. Verschiedene Maßnahmen könnten helfen.
Regelhafte Gesundheitsbegleitung
Die Etablierung von Gesundheitsbegleitern als feste Bestandteile der psychiatrischen und somatischen Versorgung kann maßgeblich zur Überwindung von Barrieren beitragen. Ihre Funktion als Schnittstelle, Koordinator und Vertrauensperson ist entscheidend.
Schulungen für medizinisches Personal
Eine Sensibilisierung und Aufklärung des gesamten medizinischen und pharmazeutischen Personals über die Bedürfnisse und Besonderheiten dieser Patienten tragen dazu dabei, Stigmatisierung abzubauen und eine patientenzentrierte Versorgung zu gewährleisten.
Niederschwellige Angebote für Patienten
Interventionen müssen niedrigschwellig, leicht zugänglich und auf die individuellen Bedürfnisse und Motivationslagen der Patienten zugeschnitten sein. Proaktive Ansprache und kontinuierliche Unterstützung sind besonders wichtig. Dies kann im Beratungsgespräch in der Apotheke stattfinden.
Verbesserte intersektorale Kommunikation
Datenschutzkonforme Wege für einen effektiven Informationsaustausch zwischen psychiatrischen, somatischen und begleitenden Diensten müssen etabliert werden, um eine kohärente und umfassende Versorgung sicherzustellen. Diese sind mit KIM (Kommunikation im Gesundheitswesen, Gematik) bereits implementiert, werden aber noch zu wenig genutzt.
Martina Hahn ist Fachapothekerin für Klinische Pharmazie. Derzeit arbeitet sie in der psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Frankfurt und der Klinik für psychische Gesundheit am varisano Klinikum Frankfurt Höchst als Klinische Pharmazeutin. Sie ist seit 2021 Professorin in Klinischer Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg.
Sibylle C. Roll ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Zusatzbezeichnung Suchtmedizin und als Dozentin an mehreren Ausbildungsinstituten und Universitäten tätig. Sie ist Professorin für Klinische Pharmazie am College of Pharmacy der Universität Florida. Professor Roll ist seit November 2020 Chefärztin der Klinik für psychische Gesundheit am varisano Klinikum Frankfurt Höchst.