| Lukas Brockfeld |
| 06.05.2026 12:05 Uhr |
Alexander Müller, Mark Langguth, Jan-Niklas Francke und Sebastian Zilch (v.l.n.r.) sprachen über die ePA. / © PZ/Brockfeld
Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte hat die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems im vergangenen Jahr einen großen Schritt nach vorne gemacht. Doch aktuell sind die digitalen Akten noch weit davon entfernt, ihr volles Potenzial zu nutzen. Auf dem DAV-Wirtschaftsforum wurde daher am Dienstag über die Probleme und Weiterentwicklungsmöglichkeiten der ePA diskutiert.
Eingangs erklärte Sebastian Zilch, der als Unterabteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium für die Gematik und E-Health zuständig ist, dass die Apothekerschaft immer ein konstruktiver Gestalter der Digitalisierung gewesen sei. »Ohne die Digitalisierung werden wir eine hochwertige und zukunftsfeste Versorgung nicht mehr gewährleisten können«, so Zilch.
Sebastian Zilch sprach beim DAV-Wirtschaftsforum über die Bedeutung der Digitalisierung. / © PZ/Brockfeld
Der Abteilungsleiter versprach eine Reihe an neuen Funktionen, die die elektronische Patientenakte noch in diesem Jahr bekommen soll. Für die Apotheken ist vor allem der elektronische Medikationsplan relevant, dessen Funktionen über die aktuelle elektronische Medikationsliste hinausgehen. »Ich appelliere an Sie als Apothekerinnen und Apotheker, sich mit der ePA zu beschäftigen und ihren Beitrag zum Befüllen der ePA zu leisten«, sagte Zilch. Außerdem sollen in den kommenden Monaten noch eine Volltextsuche und Pushnachrichten für die Versicherten hinzukommen.
In einer anschließenden Podiumsdiskussion sprach Sebastian Zilch mit Jan-Niklas Francke (Vorstandsmitglied des Deutschen Apothekerverbands) und Mark Langguth (freiberuflicher Berater und e-Health-Experte) über die Bedeutung der ePA in der Primärversorgung. Die Moderation übernahm PZ-Chefredakteur Alexander Müller.
Mark Langguth kritisierte grundsätzlich die Herangehensweise der Politik an die Digitalisierung. »Normalerweise geht Digitalisierung so, dass ein Problem fachlich beschrieben wird und dann versucht wird, es mit digitalen Prozessen zu lösen. Doch aktuell verzichten wir auf die Beschreibung des Problems. Wir schreiben die Technik im Vorfeld auf Gesetzesebene vor. Dann geht das zur Gematik, die daraus Programme bauen muss, ohne eine Beschreibung zu haben, warum sie diese technischen Vorgaben erfüllen muss. Die Hersteller bauen dann irgendwas daraus und das müssen Sie dann einsetzen«, klagte der Experte.
Jan-Niklas Francke beklagte die stark beschränkten Zugriffsrechte, die den Apotheken auf die ePA ihrer Patienten eingeräumt wurde. »Wenn die Apotheken im Bereich Prävention und Primärversorgung ermächtigt werden, dann brauchen sie dafür mehr Schreibrechte. Sie brauchen wie die Zahnärzte oder die Psychotherapeuten mehr Kompetenz beim Beschreiben der ePA. Die Apotheken sind kein schädlicher Leistungserbringer, sondern eine Institution, die Gesundheitsversorgung auf ein besseres Level hebt«, erklärte das DAV-Vorstandsmitglied.
Gerade die beschränkte Zugriffsdauer sei für die Apotheken ein Problem. »Wenn wir freitags einen Patienten versorgen und montags mit den dann aktualisierten ePA-Daten arbeiten möchten, dann ist der Behandlungskontext zu Ende«, klagte Francke. Die Apotheken sollten hier ähnliche Rechte bekommen wie die Ärzteschaft. Außerdem seien viele Menschen mit der ePA und anderen Digitalanwendungen überfordert. Deshalb sollten die Apotheken in die Lage versetzt werden, ihre Patientinnen und Patienten zu unterstützen und von diesen entsprechende Zugriffsrechte erhalten.
Sebastian Zilch äußerte Verständnis für diesen Wunsch. Schon jetzt arbeite man daran, den Beratungsstellen der Krankenkassen mehr Kompetenzen einzuräumen und neue Nutzer für die ePA-Apps zu gewinnen. Das Ziel sei, bis 2030 mindestens 20 Millionen aktiv genutzte ePAs zu haben. Mehr Zugriffsrechte und Beratungsangebote in Apotheken seien in diesem Zusammenhang denkbar. »Alles was hilft, die Technik leichter und zugänglicher zu machen, ist es wert darüber zu diskutieren«, so der Unterabteilungsleiter.
Für Mark Langguth ist die strenge Regulierung des ePA-Zugriiffs ein typisch deutsches Phänomen. In anderen Ländern seien die Vorgaben deutlich flexibler. »Man darf in Deutschland viele Dinge tun, die einem selbst schaden. Ich darf rauchen, trinken oder mit 300 km/h über die Autobahn brettern. Aber ich darf nicht selbst über meine Daten bestimmen. Es ist mir untersagt, die Daten aus meiner ePA denjenigen zur Verfügung zu stellen, denen ich vertraue. Wir haben hier gelebten Datenschutzpaternalismus«, klagte der Digitalexperte. Mündige Bürger sollten selbst über ihre Daten entscheiden können, bei Bedarf auch gemeinsam mit ihrer Apotheke.
Zilchs Einwurf, dass die Apotheken schon jetzt durch das Aktualisieren der Medikationslisten gewisse Schreibrechte hätten, wollte Langguth nicht gelten lassen: »Ein Schreibrecht für Apotheker ist bei medizinischen Daten aktuell nicht vorgesehen. Die Apotheker dürfen nur in zwei Bereichen schreiben. Das ist die Impfdokumentation und der kommende Medikationsplan. Sie dürfen keinen Ernährungsplan, keine Laborbefunde und keine Ergebnisse pharmakologischer Beratungen einstellen«, erklärte der Digitalexperte.
In der Vergangenheit wurde immer wieder über die Chancen diskutiert, die die ePA im Zusammenspiel mit anderen Digitalanwendungen und künstlicher Intelligenz haben könnte. Doch Jan-Niklas Francke betonte, dass die technischen Hilfsmittel niemals den Apotheker ersetzen könnten. »Eine KI merkt nicht immer, wenn etwas eigenartig aussieht. Die KI kann den Menschen nicht in die Augen gucken und mit ihnen sprechen und feststellen, dass etwas schief läuft. Das ist aber unsere tägliche Praxis«, so das DAV-Vorstandmitglied.