| Johanna Hauser |
| 02.03.2026 16:20 Uhr |
Die Gefahr durch multiresistente Erreger ist nicht zu unterschätzen. Evidenzbasierte Empfehlungen zum Einsatz von Reserveantibiotika können helfen, Leben zu retten. / © Adobe Stock/Peakstock
15 Erreger umfasst die Liste der WHO, die aufgrund ihrer Resistenzlage als besonders bedrohlich für den Menschen eingestuft werden. Umso größer ist die Bedeutung evidenzbasierter Empfehlungen zum Einsatz von Reserveantibiotika.
Ende des vergangenen Jahres ist nun eine neue S3-Leitlinie zur Antibiotikatherapie schwerer Infektionen mit multiresistenten Bakterien erschienen, die ein Team um Dr. Sören Gatermann und Professor Dr. Mathias Pletz von der Ruhr-Universität Bochum unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie erstellt hat.
Zentrales Element der Leitlinie ist die mikrobielle Diagnostik. Diese ist Voraussetzung jeder Therapieentscheidung. Um einen MRE-Verdacht zu überprüfen, wird empfohlen, jeweils mindestens zwei verschiedene Verfahren einzusetzen, um den Erreger zu identifizieren und zu prüfen, gegen welche Antibiotika Resistenzen vorliegen. Da gramnegative Bakterien oft weniger gut auf eine Antibiose ansprechen und sehr ernsthafte Erkrankungen verursachen können, soll bei ihnen auch der Resistenzmechanismus bestimmt werden. Dies dient insbesondere dem Nachweis von Metallo-β-Lactamasen (MBL), da diese neben β-Lactamantibiotika auch Carbapeneme inaktivieren, die häufig als Reserveantibiotika zum Einsatz kommen.
Eine Stärke der Leitlinie aus Sicht der Autoren ist, dass 50 Prozent der Empfehlungen evidenzbasiert ausgesprochen wurden, obwohl verfügbare Studien zu schweren MRE-Infektionen nur begrenzt aussagekräftig sind. Dies ist darin begründet, dass die Krankheitsbilder in der Regel schwerwiegend sind und ebenso verlaufen. In diesem Setting sind methodisch hochwertige, insbesondere kontrollierte randomisierte Studien ethisch schwierig.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Therapie von Infektionen mit gramnegativen Bakterien, insbesondere Carbapenem-resistenten Enterobakterien. Sofern keine MBL vorliegen, empfehlen die Autoren den Einsatz von Ceftazidim-Avibactam, Meropenem-Vaborbactam oder Relebactam.
Für die Therapie von Infektionen mit resistenten Bakterien der Art Pseudomonas aeruginosa kommen der Leitlinie zufolge je nach Empfindlichkeit vier Substanzen infrage: Ceftolozan-Tazobactam, Ceftazidim-Avibactam, Imipenem-Relebactam und Cefiderocol. Letzteres kann wie Sulbactam-Durlobactam gegen Carbapenem-resistente Bakterien der Art Acinetobacter baumannii eingesetzt werden, wenn keine MBL im Spiel sind. Hier gelten gesonderte Empfehlungen.
Von den Infektionen mit grampositiven Bakterien stehen insbesondere durch MRSA ausgelöste Pneumonien und Blutstrominfektionen im Fokus der Leitlinie, ebenso Blutstrominfektionen durch Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE).
Bei Blutstrominfektionen sind Vancomycin und Daptomycin Mittel der Wahl. Ist VRE der Auslöser, soll Linezolid oder hochdosiertes Daptomycin (10–12 mg/kg/d) eingesetzt werden. Bei Pneumonien wird Linezolid oder Vancomycin empfohlen.
Die neue S3-Leitlinie soll Leitplanken für die Auswahl geeigneter Reserveantibiotika geben, um Therapiequalität und Krankheitsverlauf der schwer erkrankten Patienten möglichst zu verbessern. Gleichzeitig, so die Autoren, sollen unerwünschte Wirkungen, Liegedauer im Krankenhaus und Letalität reduziert werden.
Neben der Lang- und Kurzfassung für Fachpersonal wurde auch eine Patientenleitlinie erstellt, um die Aufklärung von Patienten und Angehörigen hinsichtlich multiresistenter Erreger und deren Therapie zu verbessern. Ergänzend steht ein Flyer zur Verfügung.