Junge und sehr schlanke Frauen haben häufig genetisch bedingt einen niedrigen Blutdruck. Wechselduschen bringen den Kreislauf in Schwung. / © Adobe Stock/Lars Zahner
Während eine Hypertonie zu ernsthaften Gefäß- und Organschäden wie Schlaganfall oder Herzinfarkt führen kann, ist dies bei einer Hypotonie nicht der Fall. Ohne Beschwerden gilt ein niedriger Blutdruck sogar als begünstigend für eine höhere Lebenserwartung. Eine klare Abgrenzung von niedrigem zu normalem Blutdruck gibt es nicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert einen niedrigen Blutdruck für Frauen ab Werten unter 100 zu 60 mmHg und für Männer ab Werten unter 110 zu 70 mmHg.
Viele der Betroffenen haben keine Beschwerden. Auftreten können jedoch Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen, kalte Hände oder Füße, Müdigkeit, Leistungsschwäche, blasse Haut oder Zittern, die subjektiv als sehr belastend empfunden werden können. Bei manchen Betroffenen äußert sich der niedrige Blutdruck zudem in Kollapsneigung, Synkopen, akutem Kreislaufversagen, Ohnmacht oder Tachykardie. In diesen Fällen ist die Sturzgefahr erhöht, was vor allem bei älteren Menschen Knochenbrüche und andere Komplikationen nach sich ziehen kann.
Pathophysiologisch ist eine Hypotonie auf einen verringerten arteriellen Druck zurückzuführen. Je nach Ursache unterscheidet man zwischen primärer, sekundärer und orthostatischer Hypotonie. Eine primäre, idiopathische Hypotonie haben etwa drei Millionen Menschen in Deutschland. Bei ihnen ist der niedrige Blutdruck genetisch bedingt, ohne dass eine Grunderkrankung vorliegt. Betroffen sind vor allem junge Frauen und Personen mit sehr schlankem Körperbau (leptosomer Habitus).
Von einer sekundären Hypotonie spricht man, wenn ein niedriger Blutdruck als Folge einer Erkrankung oder von Medikamenten auftritt (Tabelle). Eine Hypotonie ist zum Beispiel ein zentrales Leitsymptom bei der seltenen, jedoch potenziell lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankung Morbus Addison, die mit einem vollständigen Funktionsverlust der Nebennierenrinde einhergeht. Ein niedriger Blutdruck kann auch Folge eines chronischen Jodmangels sein. Infolge der resultierenden Hypothyreose ist der Stoffwechsel verlangsamt und der Gefäßtonus vermindert. Zudem können verschiedene Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Arrhythmien unter anderem in einer Hypotonie münden. Beim sogenannten Karotissinus-Syndrom, einer Überempfindlichkeit der Druckrezeptoren an der Halsschlagader, führt schon ein leichter Druck am Hals (Krawatte, Hemdkragen) zu einem starken Blutdruckabfall, Schwindel oder Ohnmacht.
Nicht zuletzt leiden viele Schwangere aufgrund der Hormonumstellung unter Kreislaufinstabilität und Blutdruckabfall, da sich die Blutgefäße in der Schwangerschaft weiten.
| Erkrankung | Ursache für eine sekundäre Hypotonie | Mögliche Behandlung |
|---|---|---|
| Endokrine Hypotonie | ||
| Morbus Addison | Nebenniereninsuffizienz mit Mangel an Cortisol und Aldosteron | Therapie mit Hydrocortison und Fludrocortison |
| Hypothyreose | Schilddrüsenunterfunktion | Therapie mit L-Thyroxin |
| Bartter-Syndrom | genetisch bedingte Hormonstörung mit Folgen für den Elektrolytstoffwechsel | Ausgleich der Elektrolytverluste |
| Schwangerschaft | hormonelle Veränderungen | Lebensstilmaßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, Bewegung |
| Kardiovaskuläre Hypotonie | ||
| Kardiomyopathien | Veränderung der Herzfunktion | Therapie je nach Ursache |
| Karotissinus-Syndrom | Überempfindlichkeit der Barorezeptoren | Reizvermeidung, Herzschrittmacher |
| Vena-cava-inferior-Syndrom | Drittes Trimenon Schwangerschaft durch Lage des Embryos, Thrombose | Schwangerschaft: beim Liegen die linke Seite bevorzugenThrombose: Antikoagulanzien |
| Perikarderguss | Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel durch vielfältige Ursachen | Therapie nach Ursache |
| Medikamentöse Hypotonie | ||
| BetablockerACE-Hemmer, SartaneCalciumkanalblockerAntidepressivaDiuretikaSGLT-2-Hemmer | mögliche Ursachen: falsche Dosierung, Arzneimittelinteraktion, Niereninsuffizienz, Fehler bei der Applikation, hohe Außentemperaturen, Dehydratation | pDL-Medikationsanalyse, Aufklärung beim Arzt und in der Apotheke |
| Hypovolämie | ||
| NierenerkrankungenBlutungen (Menstruation, Blutverlust)Dehydratation (Hitze,Diarrhö, Erbrechen) | verringertes Blutvolumen | Therapie nach Ursache |
| Infektionen | Vasodilatation | Therapie der Infektion |
| Vegetatives Nervensystem | ||
| Diabetes | autonome diabetische Neuropathie | gute Blutzuckereinstellung |
| Vagotonie | Überaktivität des Nervus vagus | Anpassung der sportlichen Aktivität, Aktivierung des Sympathikus zum Beispiel mit Wechselduschen |
| Erweiterung der Arteriolen | ||
| Alkohol | Vasodilatation | Begrenzung der Alkoholmenge |
| septischer Schock | Vasodilatation, verringertes Blutvolumen durch Kapillarleck | Therapie der Infektion, Kreislaufstabilisierung |
| anaphylaktischer Schock | Vasodilatation, Kapillarleck | Adrenalin-Autoinjektor, Corticoide, Antihistaminika |