Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Hypotonie
-
Mehr als eine Kreislaufschwäche

Schwindel, Müdigkeit oder Kreislaufprobleme werden oft als harmlose Folgen eines niedrigen Blutdrucks abgetan. Doch hinter einer Hypotonie können neben einer angeborenen Veranlagung auch Erkrankungen oder Arzneimittel stecken. Für das Apothekenteam gilt es daher, Warnsignale zu erkennen und Betroffene kompetent zu beraten.
AutorKontaktBarbara Staufenbiel
Datum 27.08.2026  09:00 Uhr

Während eine Hypertonie zu ernsthaften Gefäß- und Organschäden wie Schlaganfall oder Herzinfarkt führen kann, ist dies bei einer Hypotonie nicht der Fall. Ohne Beschwerden gilt ein niedriger Blutdruck sogar als begünstigend für eine höhere Lebenserwartung. Eine klare Abgrenzung von niedrigem zu normalem Blutdruck gibt es nicht. Die Weltgesundheitsorganisa­tion (WHO) definiert einen niedrigen Blutdruck für Frauen ab Werten unter 100 zu 60 mmHg und für Männer ab Werten unter 110 zu 70 mmHg.

Viele der Betroffenen haben keine Beschwerden. Auftreten können jedoch Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen, kalte Hände oder Füße, Müdigkeit, Leistungsschwäche, blasse Haut oder Zittern, die subjektiv als sehr belastend empfunden werden können. Bei manchen Betroffenen äußert sich der niedrige Blutdruck zudem in Kollapsneigung, Synkopen, akutem Kreislaufversagen, Ohnmacht oder Tachykardie. In diesen Fällen ist die Sturzgefahr erhöht, was vor allem bei älteren Menschen Knochenbrüche und andere Komplikationen nach sich ziehen kann.

Primäre, sekundäre oder orthostatische Hypotonie

Pathophysiologisch ist eine Hypotonie auf einen verringerten arteriellen Druck zurückzuführen. Je nach Ursache unterscheidet man zwischen primärer, sekundärer und orthostatischer Hypotonie. Eine primäre, idiopathische Hypotonie haben etwa drei Millionen Menschen in Deutschland. Bei ihnen ist der niedrige Blutdruck genetisch bedingt, ohne dass eine Grunderkrankung vorliegt. Betroffen sind vor allem junge Frauen und Personen mit sehr schlankem Körperbau (leptosomer Habitus).

Von einer sekundären Hypotonie spricht man, wenn ein niedriger Blutdruck als Folge einer Erkrankung oder von Medikamenten auftritt (Tabelle). Eine Hypotonie ist zum Beispiel ein zentrales Leitsymptom bei der seltenen, jedoch potenziell lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankung Morbus Addison, die mit einem vollständigen Funktionsverlust der Nebennierenrinde einhergeht. Ein niedriger Blutdruck kann auch Folge eines chronischen Jodmangels sein. Infolge der resultierenden Hypothyreose ist der Stoffwechsel verlangsamt und der Gefäßtonus vermindert. Zudem können verschiedene Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Arrhythmien unter anderem in einer Hypotonie münden. Beim sogenannten Karotissinus-Syndrom, einer Überempfindlichkeit der Druckrezeptoren an der Halsschlagader, führt schon ein leichter Druck am Hals (Krawatte, Hemdkragen) zu einem starken Blutdruckabfall, Schwindel oder Ohnmacht.

Nicht zuletzt leiden viele Schwangere aufgrund der Hormonumstellung unter Kreislaufinstabilität und Blutdruckabfall, da sich die Blutgefäße in der Schwangerschaft weiten.

Erkrankung Ursache für eine sekundäre Hypotonie Mögliche Behandlung
Endokrine Hypotonie
Morbus Addison Nebenniereninsuffizienz mit Mangel an Cortisol und Aldosteron Therapie mit Hydrocortison und ­Fludrocortison
Hypothyreose Schilddrüsenunterfunktion Therapie mit L-Thyroxin
Bartter-Syndrom genetisch bedingte Hormonstörung mit Folgen für den Elektrolytstoffwechsel Ausgleich der Elektrolytverluste
Schwangerschaft hormonelle Veränderungen Lebensstilmaßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, Bewegung
Kardiovaskuläre Hypotonie
Kardiomyopathien Veränderung der Herzfunktion Therapie je nach Ursache
Karotissinus-Syndrom Überempfindlichkeit der Barorezeptoren Reizvermeidung, Herzschrittmacher
Vena-cava-inferior-Syndrom Drittes Trimenon Schwangerschaft durch Lage des Embryos, Thrombose Schwangerschaft: beim Liegen die linke Seite bevorzugen
Thrombose: Antikoagulanzien
Perikarderguss Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel durch vielfältige Ursachen Therapie nach Ursache
Medikamentöse Hypotonie
Betablocker
ACE-Hemmer, Sartane
Calciumkanalblocker
Antidepressiva
Diuretika
SGLT-2-Hemmer
mögliche Ursachen: falsche Dosierung, Arzneimittelinteraktion, Niereninsuffizienz, Fehler bei der ­Applikation, hohe Außentemperaturen, Dehydratation pDL-Medikationsanalyse, Aufklärung beim Arzt und in der Apotheke
Hypovolämie
Nierenerkrankungen
Blutungen (Menstruation, Blutverlust)
Dehydratation (Hitze,
Diarrhö, Erbrechen)
verringertes Blutvolumen Therapie nach Ursache
Infektionen Vasodilatation Therapie der Infektion
Vegetatives Nervensystem
Diabetes autonome diabetische Neuropathie gute Blutzuckereinstellung
Vagotonie Überaktivität des Nervus vagus Anpassung der sportlichen Aktivität, Aktivierung des Sympathikus zum Beispiel mit Wechselduschen
Erweiterung der Arteriolen
Alkohol Vasodilatation Begrenzung der Alkoholmenge
septischer Schock Vasodilatation, verringertes Blutvolumen durch Kapillarleck Therapie der Infektion, Kreislaufstabilisierung
anaphylaktischer Schock Vasodilatation, Kapillarleck Adrenalin-Autoinjektor, Corticoide, Antihistaminika
Tabelle: Ursachen für sekundär erniedrigten Blutdruck
Mehr von Avoxa