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Hypotonie
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Mehr als eine Kreislaufschwäche

Schwindel, Müdigkeit oder Kreislaufprobleme werden oft als harmlose Folgen eines niedrigen Blutdrucks abgetan. Doch hinter einer Hypotonie können neben einer angeborenen Veranlagung auch Erkrankungen oder Arzneimittel stecken. Für das Apothekenteam gilt es daher, Warnsignale zu erkennen und Betroffene kompetent zu beraten.
AutorKontaktBarbara Staufenbiel
Datum 27.08.2026  09:00 Uhr

Während eine Hypertonie zu ernsthaften Gefäß- und Organschäden wie Schlaganfall oder Herzinfarkt führen kann, ist dies bei einer Hypotonie nicht der Fall. Ohne Beschwerden gilt ein niedriger Blutdruck sogar als begünstigend für eine höhere Lebenserwartung. Eine klare Abgrenzung von niedrigem zu normalem Blutdruck gibt es nicht. Die Weltgesundheitsorganisa­tion (WHO) definiert einen niedrigen Blutdruck für Frauen ab Werten unter 100 zu 60 mmHg und für Männer ab Werten unter 110 zu 70 mmHg.

Viele der Betroffenen haben keine Beschwerden. Auftreten können jedoch Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen, kalte Hände oder Füße, Müdigkeit, Leistungsschwäche, blasse Haut oder Zittern, die subjektiv als sehr belastend empfunden werden können. Bei manchen Betroffenen äußert sich der niedrige Blutdruck zudem in Kollapsneigung, Synkopen, akutem Kreislaufversagen, Ohnmacht oder Tachykardie. In diesen Fällen ist die Sturzgefahr erhöht, was vor allem bei älteren Menschen Knochenbrüche und andere Komplikationen nach sich ziehen kann.

Primäre, sekundäre oder orthostatische Hypotonie

Pathophysiologisch ist eine Hypotonie auf einen verringerten arteriellen Druck zurückzuführen. Je nach Ursache unterscheidet man zwischen primärer, sekundärer und orthostatischer Hypotonie. Eine primäre, idiopathische Hypotonie haben etwa drei Millionen Menschen in Deutschland. Bei ihnen ist der niedrige Blutdruck genetisch bedingt, ohne dass eine Grunderkrankung vorliegt. Betroffen sind vor allem junge Frauen und Personen mit sehr schlankem Körperbau (leptosomer Habitus).

Von einer sekundären Hypotonie spricht man, wenn ein niedriger Blutdruck als Folge einer Erkrankung oder von Medikamenten auftritt (Tabelle). Eine Hypotonie ist zum Beispiel ein zentrales Leitsymptom bei der seltenen, jedoch potenziell lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankung Morbus Addison, die mit einem vollständigen Funktionsverlust der Nebennierenrinde einhergeht. Ein niedriger Blutdruck kann auch Folge eines chronischen Jodmangels sein. Infolge der resultierenden Hypothyreose ist der Stoffwechsel verlangsamt und der Gefäßtonus vermindert. Zudem können verschiedene Herzerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Arrhythmien unter anderem in einer Hypotonie münden. Beim sogenannten Karotissinus-Syndrom, einer Überempfindlichkeit der Druckrezeptoren an der Halsschlagader, führt schon ein leichter Druck am Hals (Krawatte, Hemdkragen) zu einem starken Blutdruckabfall, Schwindel oder Ohnmacht.

Nicht zuletzt leiden viele Schwangere aufgrund der Hormonumstellung unter Kreislaufinstabilität und Blutdruckabfall, da sich die Blutgefäße in der Schwangerschaft weiten.

Erkrankung Ursache für eine sekundäre Hypotonie Mögliche Behandlung
Endokrine Hypotonie
Morbus Addison Nebenniereninsuffizienz mit Mangel an Cortisol und Aldosteron Therapie mit Hydrocortison und ­Fludrocortison
Hypothyreose Schilddrüsenunterfunktion Therapie mit L-Thyroxin
Bartter-Syndrom genetisch bedingte Hormonstörung mit Folgen für den Elektrolytstoffwechsel Ausgleich der Elektrolytverluste
Schwangerschaft hormonelle Veränderungen Lebensstilmaßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, Bewegung
Kardiovaskuläre Hypotonie
Kardiomyopathien Veränderung der Herzfunktion Therapie je nach Ursache
Karotissinus-Syndrom Überempfindlichkeit der Barorezeptoren Reizvermeidung, Herzschrittmacher
Vena-cava-inferior-Syndrom Drittes Trimenon Schwangerschaft durch Lage des Embryos, Thrombose Schwangerschaft: beim Liegen die linke Seite bevorzugen
Thrombose: Antikoagulanzien
Perikarderguss Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel durch vielfältige Ursachen Therapie nach Ursache
Medikamentöse Hypotonie
Betablocker
ACE-Hemmer, Sartane
Calciumkanalblocker
Antidepressiva
Diuretika
SGLT-2-Hemmer
mögliche Ursachen: falsche Dosierung, Arzneimittelinteraktion, Niereninsuffizienz, Fehler bei der ­Applikation, hohe Außentemperaturen, Dehydratation pDL-Medikationsanalyse, Aufklärung beim Arzt und in der Apotheke
Hypovolämie
Nierenerkrankungen
Blutungen (Menstruation, Blutverlust)
Dehydratation (Hitze,
Diarrhö, Erbrechen)
verringertes Blutvolumen Therapie nach Ursache
Infektionen Vasodilatation Therapie der Infektion
Vegetatives Nervensystem
Diabetes autonome diabetische Neuropathie gute Blutzuckereinstellung
Vagotonie Überaktivität des Nervus vagus Anpassung der sportlichen Aktivität, Aktivierung des Sympathikus zum Beispiel mit Wechselduschen
Erweiterung der Arteriolen
Alkohol Vasodilatation Begrenzung der Alkoholmenge
septischer Schock Vasodilatation, verringertes Blutvolumen durch Kapillarleck Therapie der Infektion, Kreislaufstabilisierung
anaphylaktischer Schock Vasodilatation, Kapillarleck Adrenalin-Autoinjektor, Corticoide, Antihistaminika
Tabelle: Ursachen für sekundär erniedrigten Blutdruck

Medikamente als Auslöser

Zahlreiche Arzneimittel können die verschiedenen Mechanismen zur Blutdruckregulierung beeinflussen (Kasten). Naturgemäß kann eine Hypotonie als Nebenwirkung von Antihypertonika auftreten. Dies gilt gleichermaßen für α₁-Rezeptorblocker wie Tamsulosin und Doxazosin zur Behandlung der ­benignen Prostatahyperplasie, da sie die Wirkung von Adrenalin und Nor­adrenalin an den Blutgefäßen hemmen, was eine Vasodilatation zur Folge hat. Infrage kommen auch SGLT-2-Hemmer, die die Rückresorption von Glucose und Natrium in der Niere blockieren; folglich nimmt das Blut­volumen aufgrund der osmotischen Diurese ab.

Eine (orthostatische) Hypotonie tritt häufig auch unter der Einnahme von trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin, Doxepin und Trimipramin auf, die neben zentralen auch periphere α-Rezeptoren blockieren und dadurch den Blutdruck senken. Auch einige Antiparkinsonmittel wie L-Dopa und Dopaminagonisten (Pramipexol, Ropinirol, Piribedil und Rotigotin) können die Kreislaufproblematik mit dem Risiko einer orthostatischen Dysregulation verschärfen.

Timololhaltige Augentropfen senken den Augeninnendruck bei Glaukompatienten. Der Betablocker kann über den Tränenkanal in den Blutkreislauf gelangen und eine systemische Hypotonie sowie einen langsamen Herzschlag auslösen.

Wenn das Blut in den Beinen versackt

Unter einer orthostatischen Hypotonie versteht man einen exzessiven Blutdruckabfall von mindestens 20 mmHg systolisch oder mindestens 10 mmHg diastolisch, der kurz nach einem plötzlichen Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen auftritt. Für ein paar Sekunden bis Minuten können Symptome wie Blässe, Schwindel, Benommenheit, Verwirrtheit, Schwarzwerden vor den Augen oder kurze plötzliche Bewusstseinsstörungen auftreten. Die Beschwerden bessern sich unverzüglich beim Wiederhinlegen. Kommt als Ursache eine Arzneimittelnebenwirkung in Betracht, sollte das Apothekenteam den Patienten empfehlen, ein rasches Aufrichten zu vermeiden.

Häufig assoziiert mit einer orthostatischen Hypotonie ist eine postprandiale Hypotonie. Darunter versteht man einen ausgeprägten Blutdruck­abfall nach dem Essen mit Symptomen wie Schwindel bis hin zu Bewusstseinsstörungen. Normalerweise bleibt der Blutdruck nach einer Mahlzeit stabil oder steigt sogar leicht an, da der Körper den Blutfluss zum Verdauungssystem regulieren muss. Warum dieser Regulationsmechanismus bei den Betroffenen versagt, ist unbekannt. Vermutet wird ein Zusammenhang mit

Erkrankungen des vegetativen Nervensystems wie Diabetes, Morbus Parkinson, Atherosklerose oder Problemen bei der Dehnung des Magen-Darm-Systems.

Zur Kreislaufstabilisierung sollte sich die betroffene Person hinsetzen oder hinlegen, am besten mit hoch­gelagerten Beinen. Bei gleichbleibender Symptomatik ist der Notarzt zu rufen.

Zur Vorbeugung wird empfohlen, langsam zu essen, kleinere Mahlzeiten über den Tag zu verteilen, Alkohol und kohlenhydratreiche Lebensmittel zu reduzieren, ausreichend Wasser zu trinken und mit regelmäßigem Kreislauftraining das Herz-Kreislauf-System zu stabilisieren. Zur Differenzialdiagnose sollte ein Arzt hinzugezogen werden.

Hitze und andere Risikofaktoren

Bei hohen Temperaturen ist das Risiko für eine Hypotonie deutlich erhöht, da der Körper die übermäßige Wärme über vermehrtes Schwitzen und Weitstellung der Gefäße abzugeben versucht. Gefährdet sind vor allem ältere Menschen mit Grunderkrankungen, Polymedikation und unzureichender Flüssigkeitsaufnahme.

Zu einem verringerten Blutvolumen mit teils gefährlichen Folgen für den Blutdruck kommt es auch bei Dehydratation infolge eines verringerten Durstgefühls, starkem Schwitzen, Fieber, Diarrhö oder anhaltendem Erbrechen sowie bei stärkeren Blutungen (Verletzungen, Menstruation).

Zudem ist das Risiko für eine starke Vasodilatation bei hohem Alkoholkonsum und Infektionen erhöht. Ein akuter und anhaltender Blutdruckabfall mit lebensgefährlicher Kreislaufinstabilität (anaphylaktischer Schock) kann auch die Folge eines Insektenstichs (Wespen/Bienen), Medikaments oder Nahrungsmittels sein. Dies ist immer ein Notfall.

Auch Störungen im vegetativen Nervensystem können sich unter anderem im Blutdruck bemerkbar machen. So kann eine Überaktivität des Nervus vagus (Vagotonie) bei Ausdauersportlern zu Anpassungsreaktionen des Körpers mit der Tendenz zu einem niedrigen Puls und Blutdruck führen. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen das vegetative Nervensystem (autonome diabetische Neuropathie) mit Folgen wie Herzrasen, Blutdruckabfall beim Aufstehen oder Magen-Darm-Beschwerden. Zu niedrige Blutzuckerwerte machen sich mit typischen Symptomen wie Kreislaufproblemen, Herzrasen, Zittern und Schweißausbrüchen bemerkbar.

Als vegetative Dysregulation wird ein allgemeines Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus beschrieben. Es ist oft durch Stress oder hormonelle Schwankungen ausgelöst und beeinflusst die automatischen Anpassungsreaktionen des Körpers. Betroffene leiden unter Schwindel und Blutdruckproblemen.

Diagnose mittels Schellong-Test

Zur Basisdiagnostik einer Hypotonie zählen wiederholte Blutdruckmessungen auch im Langzeitformat sowie ein EKG und ein sogenannter Schellong-Test. Letzterer überprüft die Veränderungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks, die bewusst durch eine dosierte Belastung ausgelöst werden. Dabei werden zunächst Blutdruck und Puls ­minütlich während fünf- bis zehnminütiger Ruhephase im Liegen gemessen. Anschließend werden die Messungen nach Wechsel in eine stehende Position minütlich über mindestens drei ­Minuten wiederholt. Der Schellong-Test wird heutzutage häufig durch die Kipptisch-Untersuchung (Tilt-Test) ersetzt beziehungsweise ergänzt.

Zum Ausschluss einer sekundären Hypotonie werden je nach Ursachenverdacht weitere Laboruntersuchungen durchgeführt.

Medikamente nur zweite Wahl

Die Therapie orientiert sich an den Ursachen und dem Schweregrad der Beschwerden. Bei einer primären Hypotonie mit geringer Symptomatik besteht im Allgemeinen kein Behandlungs­bedarf mit Arzneimitteln. Bei einer sekundären Hypotonie sollten Patienten mit Grunderkrankungen gut eingestellt sein, Medikamente auf Inter­aktionen geprüft und die Dosierung in regelmäßigen Abständen dem aktuellen Bedarf angepasst werden. Dabei kann das Apothekenteam unterstützend die pharmazeutische Dienstleistung (pDL) »Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation« anbieten. Zudem kann es Maßnahmen zur Kreislaufstabilisierung empfehlen. Dazu gehören regelmäßige körperliche Bewegung, ausreichendes Trinken und eine ausgewogene Ernährung nach den Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Kneipp-Anwendungen fördern die Durchblutung. Bewährt hat sich auch das Tragen von Kompressionsstrümpfen, um den venösen Blutfluss zum Herzen zu unterstützen.

Vermieden werden sollten Risikosituationen wie langes Stehen oder ein Aufenthalt in zu warmer Umgebung (Hitze, Sauna, Vollbad). Personen mit orthostatischer Hypotonie kann geraten werden, in der Nacht das Kopfende des Bettes um 15 cm hochzustellen.

Medikamente sind nur indiziert, wenn alle Allgemeinmaßnahmen ausgeschöpft sind und die Behandlung der Grunderkrankung nicht zu einer ausreichenden Kontrolle des Blutdrucks geführt hat. Zugelassen zur Behandlung einer neurogenen orthostatischen Hypotonie ist der α1-Rezeptoragonist Midodrin (Gutron®). Als Off-Label-Optionen gelten der Cholinesterasehemmer Pyridostigmin (Mestinon®) und das Mineralocorticoid Fludrocortison (Astonin® H).

Optionen in der Selbstmedikation

In der Selbstmedikation können das α- und β-Sympatho­mimetikum Etil­efrin (Effortil®, Bioflutin®) und Korodin ­Herz-Kreislauf-Tropfen® (D-Campher und Weißdornfrüchte-Fluidextrakt) angeboten werden. Bei Etilefrin ist die Blutdrucksteigerung neben der durch α-Adrenozeptor-Stimu­lation bedingten Vasokonstriktion auf die positiv ino­trope und chronotrope Wirkung am Herzen infolge eines β-sympathomimetischen Effekts zurückzuführen. Zu beachten sind zahlreiche Kontraindikationen. Dem Kunden kann geraten werden, die Tropfen oder Tabletten vorzugsweise vor dem Essen einzunehmen. Am späten Nachmittag oder Abend sollten sie nicht mehr eingenommen werden, da die anregende Wirkung das Einschlafen erschweren kann. Effortil kann im Gegensatz zu Korodin auch bei Kindern angewendet werden.

Korodin Herz-Kreislauf-Tropfen wirken kreislauftonisierend. Sie sind wegen des Gehalts an Campher bei Patienten mit Asthma bronchiale oder anderen Atemwegserkrankungen kontra­indiziert.

Fazit

Hypotonie ist meist harmlos und geht im Gegensatz zur Hypertonie nicht mit langfristigen Gefäßschäden einher. Sie kann jedoch die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Für die Apotheke ist es wichtig, mög­liche Ursachen wie Grunderkrankungen, Arzneimittelnebenwirkungen oder eine orthostatische Dysregulation zu erkennen und die Grenzen der Selbstmedikation abzuschätzen. Neben allgemeinen Maßnahmen wie ausreichender Flüssigkeits­zufuhr, Bewegung und Kreislauftraining spielt insbesondere die Überprüfung der ­Medikation eine zentrale Rolle, um ­Beschwerden und Sturzrisiken zu reduzieren.

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