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Podiumsdiskussion

»Medikationsmanagement gehört in die Apotheken«

Bei der gesundheitspolitischen Diskussion beim Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbands (DAV) waren sich die Gesundheitsexperten parteiübergreifend einig: Das Budget für neue pharmazeutische Dienstleistungen wäre im Bereich Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) gut investiert.
Christina Müller
08.05.2019
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Offizinen künftig für zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen bezahlen. So steht es im Referentenentwurf für ein Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken. Welche Leistungen das sein sollen, lässt der Entwurf jedoch offen. Professor Edgar Franke (SPD) hat dazu eine Idee: »Wir müssen das Geld so investieren, dass wir damit die Versorgung der Versicherten verbessern und die Leute abholen«, sagte er am Mittwoch in Berlin. »Dafür ist AMTS eine super Möglichkeit.«

Der Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), Andreas Kiefer, sprach von »Defiziten« bei der Umsetzung verordneter Pharmakotherapien. »Keiner hat Zeit, das mit dem Patienten zu besprechen.« Die Apotheker könnten und wollten diese Rolle übernehmen – sofern das Honorar stimmt. »Für den Start brauchen wir 830 Millionen Euro«, so Kiefer. Im Gespräch mit der PZ ließ er durchblicken, dass diese Zahl nicht aus der Luft gegriffen sei, sondern auf groben Schätzungen der BAK beruhe. Dabei seien etwa die benötigten Arbeitsstunden und der damit verbundene Personalaufwand berücksichtigt worden, erklärte er. »Wenn man dann eine Vergütung wie in ARMIN – plus X – zugrunde legt, kommt man auf diese Summe.« Dabei bleibe noch genügend Spielraum für Verhandlungen, deutete der BAK-Präsident an.

Für Sylvia Gabelmann (Linke) ist eines ganz klar: »Das Medikationsmanagement gehört in die Apotheken«, sagte sie mit Blick auf die Forderung der Ärzteschaft, die Arzneimitteltherapie ihrer Patienten selbst überprüfen zu wollen. »Der Anteil an Pharmakologie ist im Pharmaziestudium um ein Vielfaches höher als in der Medizin«, begründete die Apothekerin ihre Position. Kiefer warnte jedoch davor, einen Wettbewerb zwischen Apothekern und Ärzten vom Zaun zu brechen. »Das Ziel muss ein gemeinsamer Prozess sein.« Im Rahmen der Arzneimittelinitiative in Sachsen und Thüringen (ARMIN) hätten Ärzte und Apotheker bezüglich der Zusammenarbeit gute Erfahrungen gemacht. »So wird es im Dialog enden und nicht im Streit.«

Was die geplanten Modellprojekte zur Grippeimpfung in den Apotheken betrifft, ließ Franke die Bedenken der Ärzte nicht gelten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte das Vorhaben jüngst in ihrer Stellungnahme zum Apotheken-Stärkungsgesetz als »Gefährdung des Patientenwohls« bezeichnet. Der SPD-Mann geht da nicht mit. Hinter der Initiative Spahns stünden versorgungspolitische Gründe. Hier könnten sich die Apotheker sinnvoll einbringen. »Es wird keinem Arzt wehtun, wenn wir das auf die Apotheker übertragen.« Kiefer traut den Pharmazeuten ebenfalls zu, Menschen gegen Grippe zu impfen. Das sei kein Hexenwerk. »Wenn Ärzte es lernen können, dann können Apotheker es auch.« In Europa seien impfende Apotheker bereits in vielen Ländern üblich – und die Erfahrungen aus anderen Staaten zeigten, dass sich auf diesem Weg die Impfquoten tatsächlich verbessern ließen. »Finanziell lohnt es sich aber für die Kollegen nicht.«

DAV-Chef Fritz Becker betonte, die Grippeimpfung in die Offizinen zu holen, sei kein Wunsch der Apotheker gewesen. Diese hatten vorgeschlagen, gegen ein entsprechendes Honorar lediglich den Impfstatus ihrer Kunden zu erheben. »Aber wenn die Politik es von uns fordert, nehmen wir den Ball auf.« Und der Arzneimittelexperte der Union, Michael Hennrich (CDU), ergänzte, kein Apotheker sei verpflichtet zu impfen. Er habe die Wahl, ob er diese Dienstleistung anbieten möchte oder nicht. Zudem könne auch der Impfwillige frei entscheiden, ob er sich an einen Arzt oder einen Apotheker wendet. Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) warnte vor der reflexartigen Gegenforderung der Ärzte, das Dispensierrecht aufzuweichen. »Wir müssen aufpassen, dass wir dieses Fass nicht aufmachen.«

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