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Diabetes Typ 1

Herausforderung Pubertät

Die Pubertät stellt alles auf den Kopf. Körperliche und seelische Umbrüche sowie der Drang nach mehr Selbstständigkeit und Freiheit passen so gar nicht zu einer chronischen Erkrankung wie Diabetes Typ 1. Zudem verschlechtern die physiologischen Hormonschwankungen die Stoffwechsellage deutlich. Was müssen Eltern und Jugendliche jetzt besonders beachten?
Ilsabe Behrens
09.02.2020
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Auswertungen von Diabetes-Ambu­lanzen besagen, dass der HbA1c-Wert bei Jugendlichen durchschnittlich bei 9,3 Prozent liegt; das entspricht einem Blutzucker im Mittel von 220 mg/dl. Meist resultiert dies in der Summe aus zu hohen und zu tiefen Werten oder auch nur aus zu hohen Werten. Dieser Langzeitwert ist jedoch viel zu hoch ­angesichts der langen »Diabetes-Karriere«, die der Typ-1-Patient vor sich hat. Eine frustrierende, körperlich extrem anstrengende Situation! Dadurch bedingt werden Stresshormone ausgeschüttet, die wiederum den Blutzucker in die Höhe schießen lassen.

Die Pubertät tritt im Alter zwischen 9 und 17 Jahren ein. Estrogen (Mädchen) und Testosteron (Jungen) werden vermehrt und in schwankenden Konzentrationen (pulsatil) freigesetzt. Diese Hormone haben neben ihren geschlechtsspezifischen Eigenschaften auch metabolische Auswirkungen: Sie setzen die Insulinwirkung (Insulinsensitivität) herab. Dies bedeutet, dass in der Pubertät im Verhältnis zum Körpergewicht mehr Insulin notwendig ist, um eine gute Stoffwechsellage zu erreichen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Sexualhormone pulsatil freigesetzt werden und ihre Wirkung somit nicht kalkulierbar ist. Durch die schwankenden Hormonspiegel schwankt der Blutzuckerspiegel entsprechend.

Bei Mädchen kommt hinzu, dass mit Einsetzen der Regelblutung auch dieser hormonelle Rhythmus, der meist noch nicht stabil und regelmäßig abläuft, die Blutzuckerwerte unberechenbar schwanken lässt. In der ersten Zyklushälfte ist der Insulinbedarf meist niedriger. Nach dem Eisprung, also in der zweiten Zyklushälfte, steigt er an. Etwa fünf Tage vor Eintritt der Periode steigt der Bedarf nochmals, bedingt durch den Abfall von Estrogen und Progesteron.

In der Pubertät wird ein weiteres Hormon, das Wachstumshormon, vermehrt ausgeschüttet. Es ist verantwortlich für den Wachstumsschub in dieser Phase. Das Wachstumshormon führt ebenfalls zur Abnahme der Insulinsensitivität. Normalerweise wird dieses Hormon frühmorgens ausgeschüttet und führt somit zu erhöhten Blutzuckerwerten beim Aufstehen, auch bekannt als Dawn-Phänomen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch das Wachstumshormon pulsatil aus­geschüttet wird. Die Blutzuckerwerte sind somit nicht regelmäßig jeden ­Morgen erhöht.

Die Phase des stärksten Wachstums und somit der stärksten Sekretion von Wachstumshormon liegt bei Jungen etwa im Alter von 14 Jahren, während Mädchen im Jahr vor der ersten Regelblutung ihren Wachstumsschub haben. In diesen Phasen sind dann auch die Dosen des Basalinsulins anzupassen. Das ist in deutlich kürzeren Abständen der Fall, normalerweise bei jedem Quartalstermin beim Diabetologen.

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