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Klimawandel und Allergie

Geballte Ladung

Immer früher, immer länger, immer mehr? Ohne Frage hat sich die Leidenszeit besonders von Pollenallergikern intensiviert. Professor Dr. Claudia Traidl-Hoffman vom Institut für Umweltmedizin am Helmholtz-Zentrum in München und Professor Dr. Karl-Christian Bergmann von der Charité über den Einfluss des Klimawandels auf das Allergiegeschehen in Deutschland.
Elke Wolf
05.03.2021  11:00 Uhr

Professorin Dr. Claudia Traidl-Hoffmann sieht einen deutlichen Zusammenhang von Umwelt­schad­stoffen, Klimawandel und steigender Allergiehäufigkeit. »Diesen sehen wir in mehrfacher Hinsicht. Erstens beeinflusst der Klimawandel die Pollenflugzeit, so fliegt etwa die Hasel früher im Jahr. Zweitens produzieren einige Pflanzenarten bei höherem CO2-Gehalt in der Luft deutlich mehr Pollen und drittens steigern Umweltschadstoffe selbst die Allergenität der Pollen.«

Die Umweltmedizinerin berichtet von kürzlich publizierten Untersuchungen, die zeigen, dass der Pollenflug beziehungsweise die -konzentration zugenommen haben, und zwar um 20,9 % zwischen 1990 und 2018 und um 21,5 % allein im Frühjahr. Dieser Effekt scheint in Städten stärker ausgeprägt als in ländlichen Gebieten. Es ist auch dokumentiert, dass Birkenpollen in überdurchschnittlich warmen Jahren fünfmal mehr Birkenallergen Bet v1 tragen als im Vorjahr. »Pollen von Birken, die an einer viel befahrenen Straße standen, hatten ein höheres allergisierendes Potenzial als Birkenpollen, die von Bäumen auf einer Wiese gesammelt wurden«, informiert die Direktorin des Instituts und Fachärztin für Allergologie, Dermatologie und Venerologie im Gespräch mit der PZ.

»In mehreren Versuchen konnten wir zeigen, dass Umweltschadstoffe wie Ozon, Feinstaub oder Stickoxide den Pollen selbst verändern. Allergieauslösende Proteine und andere proentzündliche Substanzen wie Pollen­assoziierte Lipidmediatoren (PALM) werden vermehrt darin produziert und sogar neuartige Allergene gebildet. Diese PALM sind Adjuvanzien, also Wegbereiter, und sie triggern das Immunsystem zu einer TH2-Antwort, sie sind also selbst entzündungsfördernd. Sie drängen das Immunsystem in eine proallergische Immunreaktion hinein, die TH2-Antwort wird erhöht.« Pollen beherbergen außerdem ein spezifisches Mikrobiom auf ihrer Oberfläche, also ein eigenes Ökosystem aus Mikroorganismen. Auch das Mikrobiom wird durch Umweltschadstoffe negativ beeinflusst.« Die Summe dieser Faktoren bewirke letztlich eine erhöhte Pollen­allergenität um den Faktor 2 bis 3 etwa bei der Birke.

»Wir wissen mittlerweile auch, dass die Umweltschadstoffe nicht nur auf die Pollen wirken, sondern auch auf den Menschen. Sie machen unsere Schleimhäute durchgängiger, sie stören die Immunbarriere der Schleimhaut und machen uns damit empfänglicher für Allergien

In der Tat gab es in den vergangenen Jahrzehnten einen exponenziellen ­Anstieg unter den Allergikern. Experten gehen derzeit von 30 bis 40 Prozent Betroffener aus, die Beschwerden ­einer allergischen Rhinitis, eines Asthmas bronchiale oder einer Neurodermitis zeigen. »Freilich spielt die genetische Veranlagung eine Rolle. Aber wenn ­Allergien nur genetisch bedingt wären, müssten sich auch unsere Gene stark verändert haben. Wenn wir von ›Genetik‹ sprechen, muss auch das Stichwort ›Epigenetik‹ fallen, also das Wechselspiel zwischen Genom und Umwelt. Unsere DNA ist relativ stabil und konstant. Umwelteinflüsse hingegen können durch Ein- und Ausschalten von vorhandenen Genen zu Veränderungen führen. Wenn Eltern ihren Kindern die Veranlagung für Neurodermitis vererben, kann es sehr gut sein, dass davon in der Großelterngeneration noch nichts zu finden war, weil eben dort das krankmachende Gen noch nicht aktiv war«, erläutert Traidl-Hoffmann.

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