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Klimawandel und Allergie
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Geballte Ladung

Immer früher, immer länger, immer mehr? Ohne Frage hat sich die Leidenszeit besonders von Pollenallergikern intensiviert. Professor Dr. Claudia Traidl-Hoffman vom Institut für Umweltmedizin am Helmholtz-Zentrum in München und Professor Dr. Karl-Christian Bergmann von der Charité über den Einfluss des Klimawandels auf das Allergiegeschehen in Deutschland.
AutorKontaktElke Wolf
Datum 05.03.2021  11:00 Uhr

Apropos Ambrosia

Auf der Liste der gefürchteten Allergene steht Ambrosia ganz weit vorne. Doch die hohe Allergenität, die dem Traubenkraut angelastet wird, ist laut Professor Dr. Karl-Christian Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst, zumindest zu hinterfragen. »Es wird viel Unsinn erzählt, dass Ambrosia­pollen hochallergisch seien. Behauptungen etwa, Ambrosia würde sofort zu Asthma führen und nicht zu Heuschnupfen, lassen sich in der Literatur nicht bestätigen. Natürlich nehmen wir Ambrosia ernst. Das gibt uns die Möglichkeit zu verfolgen, wie eine neue Pflanze hier Fuß fasst. Aber in den vergangenen zehn Jahren war nur ein ganz geringer Pollenflug von Ambrosia in ganz Deutschland zu verzeichnen.«

Viel relevanter ist laut des Allergologen die Tatsache, dass es sich bei Am­brosia artemisiifolia um eine Schwesterpflanze des hierzulande heimischen Beifußes handelt. »Das führt dazu, dass alle Menschen, die auf Beifuß allergisch sind – und das ist eine ziemliche Anzahl –, auch auf Ambrosia reagieren.« Beifuß ist die Leitpflanze für Kräuter- und Gewürzallergiker.

Bergmann kritisiert deshalb auch die hohen Summen, die für »Ambrosia Scouts« und die Vernichtung der Pflanze ausgegeben werden. »Hierfür ist unverhältnismäßig viel investiert worden, während für die anderen Pollenarten kaum Geld in die Hand genommen wird. Die Messung und Erforschung anderer Pollenarten, die unsere Pollenstiftung macht und der ich seit mehr als 30 Jahren vorstehe, wird vom Staat in keiner Weise unterstützt.« Stichwort Birke: »Birkenpollen sind die Pollen, die den meisten Allergikern Probleme bereiten.« 50 Prozent der Summe aller Baumpollen, die bei Pollenallergikern Heuschnupfen auslösen, stammen Bergmann zufolge von der Birke. Ihre Pollen zählen zu denen mit dem höchsten allergenen Potenzial. Was das Birkenallergen so allergisch macht, ist noch nicht endgültig geklärt.

Auch andere Pflanzenarten breiten sich in Deutschland aufgrund sich verändernder klimatischer Bedingungen aus oder werden gezielt angepflanzt. Wie es etwa mit einer zunehmenden Sensibilisierung gegenüber Olivenpollen aussieht, will die Pharmazeutische Zeitung von Bergmann wissen. »In ganz Europa werden verstärkt Olivenbäume angeboten und gepflanzt. Da es eine Kreuzreaktivität zwischen Oliven und Eschen gibt, kommt es hierzulande vermehrt zu Symptomen bei Allergikern, die eigentlich auf Pollen der Esche reagieren. Das ist natürlich interessant, spielt aber epidemiologisch noch keine Rolle«, ordnet der Allergologe die Situation ein.

Die Behauptung, dass Pollen pauschal gesehen immer länger fliegen, ist nicht richtig, stellt Bergmann klar. »Vielmehr hat eine Spreizung des Pollenflugs stattgefunden. Damit ist die Leidenssaison für diejenigen, die auf Bäume, Gräser und Kräuter allergisch reagieren, länger geworden. Für die anderen aber, die etwa nur gegen Birkenpollen allergisch sind, beginnt die Saison früher, hört aber auch eher wieder auf.«

Noch vor drei Jahrzehnten konnten sich Pollenallergiker auf den Winter als Erholungsphase von ihren Beschwerden verlassen. Doch das ist längst vorbei. Aufgrund der relativ milden Temperaturen in den Wintermonaten beginnt die Blütezeit der Frühblüher derzeit rund 14 Tage früher. Tendenz steigend. Am deutlichsten zeigt sich die Veränderung beim Haselnussstrauch. »Es gibt immer mehr Jahre, in denen seine Pollen bereits im Dezember fliegen.«

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