Generell gelte: Eine langfristig stabile Veränderung im Darmklima erziele man nicht von heute auf morgen. Manchmal helfe auch nicht die gezielte Zufuhr eines Bakterienstammes. »Fehlen beispielsweise Butyratbildner, kann nicht gezielt substituiert werden. Dann gilt es, resistente Stärke als Ausgangsstoff zuzuführen, damit die Darmbakterien wieder mehr Butyrat bilden können.« Ein weiteres Beispiel: »Befinden sich zu viele schwefelsäurebildende Bakterien im Darm – Schwefelsäure schädigt die Darmzellen und fördert Entzündungen –, gilt es, weniger Rindfleisch zu konsumieren und einen Blick auf das Mineralwasser zu werfen.«
Pro- oder synbiotische Nahrungsergänzungsmittel seien mindestens drei Monate einzunehmen; eine zweiwöchige Zufuhr bleibe ohne Effekt. »Probiotika können das Hautbild einer Akne signifikant bessern. Besonders schätze ich, dass sie mit allen anderen Therapieoptionen kombinierbar sind – auch mit den in der Aknetherapie eingesetzten Antibiotika«, betont die Fachärztin. Vergleichsstudien zeigten, dass sich die Kombinationstherapie aus Anti- und Probiotika sowohl nach vier als auch nach zwölf Wochen deutlich besser auf das Hautbild auswirkt als die alleinige Antibiotikagabe. Axt-Gadermann empfiehlt dabei die zeitlich versetzte Einnahme: »So verhindert man, dass die Probiotika durch die antimikrobielle Substanz in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie zwischendurch die Gelegenheit bekommen, im Darm Gutes zu tun.«
Dass Antibiotika regelrecht Schneisen in die mikrobielle Gemeinschaft im Darm schlagen, zeigen etwa Untersuchungen an Säuglingen, die per Kaiserschnitt geboren wurden. Erhält die Mutter während der Geburt ein Antibiotikum, was bei einem Kaiserschnitt aus Gründen der Infektionsprophylaxe fast immer der Fall ist, verzögert das die Entwicklung der kindlichen Darmflora. Gleiches gilt bei vaginal geborenen Kindern, deren Mutter während der Geburt unter Antibiose steht.
Was den Infektionsschutz während einer Schnittentbindung betrifft, gibt es neue Erkenntnisse, berichtet die Mikrobiomspezialistin. Anstatt vor dem Hautschnitt kann das Antibiotikum auch nach dem Durchtrennen der Nabelschnur gegeben werden. Das bewahrt das Kind vor einer hohen Antibiotikabelastung und wirkt sich dadurch günstig auf die Entwicklung seines Mikrobioms aus – und der Infektionsschutz für die Mutter bleibt gewahrt, zeigt etwa eine groß angelegte Studie des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung.
Antibiotika wirken sich in jedem Fall negativ auf das Mikrobiom aus, egal zu welchem Zeitpunkt, weiß Axt-Gadermann. »Kinder, die in den ersten ein bis zwei Lebensjahren zweimal Antibiotika bekommen hatten, haben ein um 50 Prozent höheres Risiko für eine Neurodermitis oder ein allergisches Asthma.« Sie empfiehlt deshalb, parallel zur Antibiotikaeinnahme das Mikrobiom gezielt wieder aufzubauen. »Bei Säuglingen sind dann Bifidobakterien wie B. infantis oder B. lactis geeignet, weil Bifidogattungen die natürliche Flora der Säuglinge ausmachen. Zur gezielten Allergieprophylaxe scheint Lactobacillus rhamnosus der geeignete Stamm zu sein. Allergiebelastete Mütter nehmen idealerweise bereits drei bis vier Monate vor der Entbindung diese Bakterien ein, gerne auch zusammen mit anderen Stämmen. Wenn sie stillen, dann auch noch während der Stillzeit.«
Axt-Gadermann rät in jedem Fall zu einem hoch dosierten Multispeziespräparat mit den genannten Leitkeimen. Nach aktuellen Forschungserkenntnissen sollten mindestens 5 Milliarden Keime pro Portion enthalten sein, um die Wirksamkeitsgrenze zu erreichen (wie von Omnibiotic, Probaflor oder For You). »Dosierungen im Millionenbereich fallen nicht genügend ins Gewicht, um tatsächlich eine Veränderung in der Mikrobiomzusammensetzung bewirken zu können.«
Für Säuglinge rät die Expertin zu probiotischen Tropfen auf Ölbasis (Anmerkung der Redaktion: wie BiGaia® Tropfen, BellyBiom® Tropfen, Omnibiotic® Panda). »Das enthaltene Öl dient dabei lediglich als Trägerflüssigkeit, um die empfindlichen Bakterienstämme haltbar und für Säuglinge besser applizierbar zu machen.«
In der Pubertät geht es los: Da werden eigentlich geruchlose Schweißfüße zu »Käsefüßen«. Mit immerhin einem Viertelliter Fußschweiß pro Tag, den der Körper produziert, kann es dann zu einer merkbaren Geruchsentwicklung kommen – für viele Jugendliche ein unangenehmes und schambehaftetes Thema.
»Kinder haben wie Erwachsene viele Schweißdrüsen an den Füßen sitzen, dazu auf viel kleinerer Fläche. Diese ekkrinen Drüsen produzieren wässrigen, geruchlosen Schweiß. Die apokrinen Duftdrüsen werden dagegen erst in der Pubertät aktiv – genauso wie die Talgdrüsen. Ihre Sekrete werden dann von Bakterien zu Ameisen- oder Buttersäure zersetzt – was für den käsig stechenden Fußgeruch sorgt«, erklärt Axt-Gadermann. Schlechte Belüftung in synthetischen Schuhen (Fußballschuhe!), Feuchtigkeit, Druckstellen und Blasen begünstigen darüber hinaus die Ansiedlung von schädlichen Keimen wie Staphylococcus aureus, Pseudomonas oder Trichophyten.
Wie lässt sich das gestörte Hautmikrobiom von Schweißfüßlern wieder ins Lot bringen? Die Dermatologin hat zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe den Bakterienkomplex Baplexin® entwickelt, der sich aus neun probiotischen Bakterienstämmen zusammensetzt (Omni-Biotic Skin® Fußbad). Die Pulvermischung wird in ein lauwarmes Wasserbad eingerührt und damit aktiviert. »Durch die Fußbäder ließ der Fußgeruch bereits nach zwei Wochen deutlich nach. Zudem juckten die Füße signifikant weniger, hatten weniger Risse und Verhornungen. Und ganz aktuell: Der Bakterienkomplex wirkt, zumindest in ersten Laborversuchen, offensichtlich auch gegen Fußpilz. Auf Nährboden hemmte er das Wachstum von Trichophyton rubrum und T. mentagrophytes, den beiden Haupterregern der Mykosen, zu 100 Prozent.«