Eines so hautunfreundlich wie das andere: Sowohl Milchprodukte als auch süße Naschereien fördern Entzündungsprozesse im Akne-Geschehen. / © Adobe Stock/Ljupco Smokovski
Mitesser, Pusteln und entzündliche Knötchen sind bei Heranwachsenden eher die Regel als die Ausnahme und machen die Akne zur häufigsten Hauterkrankung überhaupt. »Die Ernährungsweise spielt für das Hautbild eine nicht unerhebliche Rolle«, weiß die Professorin für Gesundheitsförderung der Hochschule Coburg. Als androgen vermittelte Krankheit trifft die Akne junge Männer häufiger und meist auch heftiger, erklärt sie im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.
Schokolade, Chips und andere Seelentröster stehen schon lange in Verdacht, das Akne-Geschehen anfachen zu können. Mittlerweile ist aber erwiesen, dass es nicht nur die Nahrungsmittel mit einem hohen glykämischen Index sind, sondern auch insulinotrope Milchprodukte – mit Ausnahme von Käse –, die die Hormonumstellungen potenzieren und Talgdrüsen stimulieren. »Die fettarmen Milchprodukte scheinen gar noch mehr einen entzündlichen Boden zu bereiten als die fettreichen – weil es nicht am Fettgehalt, sondern am Protein liegt«, so die Dermatologin und Ernährungsmedizinerin.
Der glykämische Index gibt an, wie stark und schnell der Blutzucker und in der Folge Insulin ansteigt. In der Kuhmilch sind es vor allem die Molkeproteine, die in den Betazellen der Bauchspeicheldrüse bereits nach 30 Minuten die Insulinsekretion anfachen. Eine Ernährung mit hoher glykämischer Last fördert also eine Hyperinsulinämie. Häufiger Milchkonsum oder Protein-Shakes, die zum Muskelaufbau konsumiert werden, bewirken außerdem eine vermehrte hepatische Bildung des verwandten Hormons IGF-1, des Insulin-Wachstumsfaktors. Beide, Insulin und IGF-1, sind potente Stimuli für das Akne-Geschehen. Da Talgdrüsen und Keratinozyten – in der Pubertät von Androgenen ohnehin kräftig unter Beschuss – über Rezeptoren für Wachstumsfaktoren wie IGF-1 verfügen, werden Talgproduktion und Zellproliferation hochgefahren.
Axt-Gadermann rät Jugendlichen, auf natürliche Proteine zu setzen – also solche aus Hühnereiern, Fleisch oder Hülsenfrüchten – und dafür auf hochverarbeitete Whey-Isolate in Form von Pulvern, Shakes oder Riegeln zu verzichten. »Letztere enthalten eine Fülle von Aroma- und sonstigen Zusatzstoffen und bieten nicht die vollwertige Nährstoffmatrix natürlicher Nahrungsmittel«, informiert die Mikrobiomspezialistin. »Außerdem sind diesen Produkten häufig B-Vitamine oder auch Biotin zugesetzt. Beide fördern das Wachstum von Cutibacterium acnes – gewissermaßen der Leitkeim im entzündlichen Akneprozess um den Komedo herum. Auch Bierhefetabletten wirken sich oft negativ auf die Effloreszenzen aus.«
Die Dermatologin sieht die Akne-Behandlung als ein Gesamtkonzept, in dem die Ernährung neben der Hautreinigung und der -pflege einen wichtigen Part übernimmt. »Eine langfristige Umstellung hin zu einer ballaststoffreichen, pflanzenbetonten, der Mittelmeerkost ähnlichen Ernährung kann in vielen Fällen schon eine deutliche Verbesserung des Hautbildes bringen. Völlig wegzaubern kann sie die Pickel jedoch meistens nicht«, gibt Axt-Gadermann eine realistische Einschätzung. Der Effekt sei freilich auch vom Schweregrad der Akne-Effloreszenzen abhängig.
Jugendliche mit Hautunreinheiten, Pickeln und Pusteln hätten sehr viel häufiger auch Probleme mit dem Darm, schlägt die Dermatologin die Brücke zum Darmmikrobiom. Sie verweist auf eine Befragung von 13.000 Akne-Betroffenen, die vergleichsweise häufig über Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen, Blähungen oder Mundgeruch klagen. »Bei mehr als jedem zweiten Aknepatienten lassen sich im Vergleich zu den Hautgesunden deutliche Unterschiede in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms nachweisen. Vor allem fehlen ihnen Milchsäure- und Bifidobakterien sowie Ballaststoff abbauende Mikroben wie Faecalibakterium prausnitzii oder Akkermansia muciniphila. Dafür tragen sie mehr Fäulnis- und Entzündungsantreiber wie Enterobacter, Staphylokokken, Pseudomonas oder Escherichia coli mit sich herum.«
Wie erlangt man überhaupt ein möglichst breit aufgestelltes und ausbalanciertes Ökosystem im Darm? Beste Bedingungen lassen sich am besten mit einer pflanzenbasierten, ballaststoffreichen und abwechslungsreichen Kost schaffen; da ist sich die Mikrobiomforschung heute einig. »Von allem etwas: Eine ausgewogene Ernährung hat den besten Effekt auf die Zellphysiologie. Es muss nicht immer gleich um Nahrungsergänzungsmittel gehen, zumal einige wichtige Bakterien wie Butyrat- oder Propionatbildner gar nicht als Substitut zugeführt werden können«, so die Expertin.
»Grund für den gesundheitlichen Benefit durch ballaststoffreiche Ernährung sind darin enthaltene, unverdauliche Kohlenhydrate. Also Präbiotika, die einigen Bakterien als wichtigste Nahrungsquelle dienen – wobei kurzkettige Fettsäuren entstehen; Acetat, Butyrat und Propionat gelten als die wichtigsten«, führt die Ernährungsmedizinerin aus. Sie seien wesentlich dafür verantwortlich, dass die Darmschleimhaut gut gedeiht, dass sie integer bleibt und nicht entzündlich durchlässig für Pathogene wird sowie darunterliegende Immunzellen so erzogen werden, dass sie regulatorische T-Zellen bilden, also die Hauptverantwortlichen für immunologische Toleranz.
»Es muss auch nicht unbedingt der Brokkoli sein – Kinder und Jugendliche sind da ja mitunter sehr eigen. Es gilt, Lebensmittel zu finden, mit denen man sie catchen kann. Gesundheitsbewusste Teenager, die sich gerne proteinreich ernähren wollen, fängt man zum Beispiel mit den Trendkörnern Floh-, Lein- oder Chiasamen im Müsli zum Frühstück. Auch Haferflocken liefern viele Proteine und Ballaststoffe. Auch Mandeln oder Erdnüsse könnte man als Superfood bezeichnen. Und Beeren – sehr reich an Polyphenolen – schmecken eigentlich jedem.«
Generell gelte: Eine langfristig stabile Veränderung im Darmklima erziele man nicht von heute auf morgen. Manchmal helfe auch nicht die gezielte Zufuhr eines Bakterienstammes. »Fehlen beispielsweise Butyratbildner, kann nicht gezielt substituiert werden. Dann gilt es, resistente Stärke als Ausgangsstoff zuzuführen, damit die Darmbakterien wieder mehr Butyrat bilden können.« Ein weiteres Beispiel: »Befinden sich zu viele schwefelsäurebildende Bakterien im Darm – Schwefelsäure schädigt die Darmzellen und fördert Entzündungen –, gilt es, weniger Rindfleisch zu konsumieren und einen Blick auf das Mineralwasser zu werfen.«
Pro- oder synbiotische Nahrungsergänzungsmittel seien mindestens drei Monate einzunehmen; eine zweiwöchige Zufuhr bleibe ohne Effekt. »Probiotika können das Hautbild einer Akne signifikant bessern. Besonders schätze ich, dass sie mit allen anderen Therapieoptionen kombinierbar sind – auch mit den in der Aknetherapie eingesetzten Antibiotika«, betont die Fachärztin. Vergleichsstudien zeigten, dass sich die Kombinationstherapie aus Anti- und Probiotika sowohl nach vier als auch nach zwölf Wochen deutlich besser auf das Hautbild auswirkt als die alleinige Antibiotikagabe. Axt-Gadermann empfiehlt dabei die zeitlich versetzte Einnahme: »So verhindert man, dass die Probiotika durch die antimikrobielle Substanz in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie zwischendurch die Gelegenheit bekommen, im Darm Gutes zu tun.«
Dass Antibiotika regelrecht Schneisen in die mikrobielle Gemeinschaft im Darm schlagen, zeigen etwa Untersuchungen an Säuglingen, die per Kaiserschnitt geboren wurden. Erhält die Mutter während der Geburt ein Antibiotikum, was bei einem Kaiserschnitt aus Gründen der Infektionsprophylaxe fast immer der Fall ist, verzögert das die Entwicklung der kindlichen Darmflora. Gleiches gilt bei vaginal geborenen Kindern, deren Mutter während der Geburt unter Antibiose steht.
Was den Infektionsschutz während einer Schnittentbindung betrifft, gibt es neue Erkenntnisse, berichtet die Mikrobiomspezialistin. Anstatt vor dem Hautschnitt kann das Antibiotikum auch nach dem Durchtrennen der Nabelschnur gegeben werden. Das bewahrt das Kind vor einer hohen Antibiotikabelastung und wirkt sich dadurch günstig auf die Entwicklung seines Mikrobioms aus – und der Infektionsschutz für die Mutter bleibt gewahrt, zeigt etwa eine groß angelegte Studie des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung.
Antibiotika wirken sich in jedem Fall negativ auf das Mikrobiom aus, egal zu welchem Zeitpunkt, weiß Axt-Gadermann. »Kinder, die in den ersten ein bis zwei Lebensjahren zweimal Antibiotika bekommen hatten, haben ein um 50 Prozent höheres Risiko für eine Neurodermitis oder ein allergisches Asthma.« Sie empfiehlt deshalb, parallel zur Antibiotikaeinnahme das Mikrobiom gezielt wieder aufzubauen. »Bei Säuglingen sind dann Bifidobakterien wie B. infantis oder B. lactis geeignet, weil Bifidogattungen die natürliche Flora der Säuglinge ausmachen. Zur gezielten Allergieprophylaxe scheint Lactobacillus rhamnosus der geeignete Stamm zu sein. Allergiebelastete Mütter nehmen idealerweise bereits drei bis vier Monate vor der Entbindung diese Bakterien ein, gerne auch zusammen mit anderen Stämmen. Wenn sie stillen, dann auch noch während der Stillzeit.«
Axt-Gadermann rät in jedem Fall zu einem hoch dosierten Multispeziespräparat mit den genannten Leitkeimen. Nach aktuellen Forschungserkenntnissen sollten mindestens 5 Milliarden Keime pro Portion enthalten sein, um die Wirksamkeitsgrenze zu erreichen (wie von Omnibiotic, Probaflor oder For You). »Dosierungen im Millionenbereich fallen nicht genügend ins Gewicht, um tatsächlich eine Veränderung in der Mikrobiomzusammensetzung bewirken zu können.«
Für Säuglinge rät die Expertin zu probiotischen Tropfen auf Ölbasis (Anmerkung der Redaktion: wie BiGaia® Tropfen, BellyBiom® Tropfen, Omnibiotic® Panda). »Das enthaltene Öl dient dabei lediglich als Trägerflüssigkeit, um die empfindlichen Bakterienstämme haltbar und für Säuglinge besser applizierbar zu machen.«
In der Pubertät geht es los: Da werden eigentlich geruchlose Schweißfüße zu »Käsefüßen«. Mit immerhin einem Viertelliter Fußschweiß pro Tag, den der Körper produziert, kann es dann zu einer merkbaren Geruchsentwicklung kommen – für viele Jugendliche ein unangenehmes und schambehaftetes Thema.
»Kinder haben wie Erwachsene viele Schweißdrüsen an den Füßen sitzen, dazu auf viel kleinerer Fläche. Diese ekkrinen Drüsen produzieren wässrigen, geruchlosen Schweiß. Die apokrinen Duftdrüsen werden dagegen erst in der Pubertät aktiv – genauso wie die Talgdrüsen. Ihre Sekrete werden dann von Bakterien zu Ameisen- oder Buttersäure zersetzt – was für den käsig stechenden Fußgeruch sorgt«, erklärt Axt-Gadermann. Schlechte Belüftung in synthetischen Schuhen (Fußballschuhe!), Feuchtigkeit, Druckstellen und Blasen begünstigen darüber hinaus die Ansiedlung von schädlichen Keimen wie Staphylococcus aureus, Pseudomonas oder Trichophyten.
Wie lässt sich das gestörte Hautmikrobiom von Schweißfüßlern wieder ins Lot bringen? Die Dermatologin hat zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe den Bakterienkomplex Baplexin® entwickelt, der sich aus neun probiotischen Bakterienstämmen zusammensetzt (Omni-Biotic Skin® Fußbad). Die Pulvermischung wird in ein lauwarmes Wasserbad eingerührt und damit aktiviert. »Durch die Fußbäder ließ der Fußgeruch bereits nach zwei Wochen deutlich nach. Zudem juckten die Füße signifikant weniger, hatten weniger Risse und Verhornungen. Und ganz aktuell: Der Bakterienkomplex wirkt, zumindest in ersten Laborversuchen, offensichtlich auch gegen Fußpilz. Auf Nährboden hemmte er das Wachstum von Trichophyton rubrum und T. mentagrophytes, den beiden Haupterregern der Mykosen, zu 100 Prozent.«