| Daniela Hüttemann |
| 02.10.2026 18:00 Uhr |
Nadine Hoffmann brachte in ihrem Seminar System in die Beratung zu Glucocorticoiden, geordnet nach der Anwendungsart und stets mit einem Patientenfall, der zusätzliche Tipps für das Beratungsgespräch brachte. / © PZ/Daniela Hüttemann
Glucocorticoide sind unverzichtbare, äußerst vielseitig einsetzbare Arzneistoffe. Zugleich können sie eine Vielzahl von Nebenwirkungen auslösen, wobei es dabei auf den genauen Wirkstoff, die Dosierung, Therapiedauer und nicht zuletzt die Anwendungsform ankommt. Systematik »Im Kampf gegen das Beratungsmonster« brachte Apothekerin Nadine Hoffmann bei einem Praxisworkshop im Rahmen des gemeinsamen Fortbildungskongresses der Apothekerkammern Niedersachsen und Westfalen-Lippe Ende September auf Langeoog.
Grundsätzlich sollte man sich klarmachen, dass das Vorbild für synthetische Glucocorticoide die körpereigenen Substanzen Cortison und Cortisol sind. Cortisol, das »Stresshormon«, ist die biologische Wirkform. Mit Hydrocortisol gibt es einen chemisch identischen Nachbau. Wichtig sei es, den Patienten die »Cortison-Angst« zu nehmen. Sie beruhe vielfach auf alten Geschichten aus Zeiten, als die Arzneistoffe ungezielter und in höheren Dosen über längere Zeit eingenommen wurden. Wichtig sei, die Bedenken zu hinterfragen, den Nutzen hervorzuheben, die richtige Anwendung zu erläutern und auch auf die Risiken eines plötzlichen Absetzens hinzuweisen.
Nach einer Einführung zur Geschichte und Pharmakologie der Glucocorticoide ging es in die Gruppenarbeit. In Dreiergruppen erarbeiteten die teilnehmenden Apothekerinnen und Apotheker für jeweils eine Anwendungsform die eingesetzten Glucocorticoide sowie deren Indikationsgebiete. Anschließend wurden anhand von Patientenfällen die wichtigsten Beratungshinweise zusammengetragen. Besprochen wurden alle Applikationsarten bis auf die parenterale Gabe.
Für die orale Anwendeung stehen insgesamt neun Substanzen zur Verfügung. Die Indikationsgebiete sind äußerst vielfältig und lassen sich ordnen unter den Punkten Allergien (wie schwere allergische Reaktionen, Urtikaria, Ekzemerkrankungen), Entzündungshemmung (Asthma, COPD, akute und chronische Entzündungen), Immunsuppression (Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Vermeidung von Transplantatabstoßung, Krebs) und Sonstige (Nebennierenrinden-Insuffizienz, Zytostatika-induziertes Erbrechen, Hörsturz, Höhenkrankheit).
Die Dosierung erfolgt patientenindividuell. Klassisch werden beim Start für eine kurze Zeit hohe bis sehr hohe Dosen gegeben, die dann schrittweise herunterdosiert werden. Eine Langzeit- oder Dauertherapie wird niedrig dosiert. Vor allem bei Kindern ist eine alternierende Gabe üblich. Zudem gibt es noch die Substitutionstherapie.
Der Einnahmezeitpunkt hänge von der biologischen Halbwertszeit ab, so Hoffmann. Hydrocortison, Prednisolon, Prednison und Triamcinolon sollten nach dem zirkadianen Rhythmus morgens nach dem Frühstück (bis spätestens 8 Uhr) eingenommen werden. Hohe Dosen können gegebenenfalls auf zwei oder sogar drei Dosen gesplittet werden (siehe Kasten). Bei Dexamethason und Betamethason sei die Einnahme nach Tagesrhythmus vernachlässigbar.
niedrige Dosis: <7,5 mg Prednisolon-Äquivalente (PÄ) am Tag
mittlere Dosis: 7,5 bis 30 mg PÄ/Tag
hohe Dosis: 30 bis 100 mg PÄ/Tag
sehr hohe Dosis: 100 bis 250 mg PÄ/Tag
Bei <40 mg PÄ/Tag: einmal tägliche Einnahme
bei >80 mg PÄ/Tag: zwei- bis dreimal tägliche Einnahme
Ein arzneimittelbedingter Hypercortisolismus mit den typischen Nebenwirkungen wie Mondgesicht, Diabetes und Osteoporose tritt nur bei peroraler oder intravenöser Gabe in der Langzeittherapie bei Überschreiten der sogenannten Cushing-Schwelle von circa 7,5 mg PÄ auf. Allerdings unterliegt diese Schwelle interindividuellen Schwankungen und liegt damit zwischen 5 und 10 mg PÄ. Morbus Cushing ist eine seltene gutartige Tumorerkrankung, bei der es zu einer dauerhaften Cortisol-Überproduktion kommt.