Menschen, die sich in schwierigen Gesundheitssituationen befinden – so wie die junge Krebspatientin –, benötigen als Erstes das Gefühl, dass ihnen jemand zuhört und kompetente Hilfe empathisch anbietet. Nicht selten hört man in der Offizin: »Wissen Sie, beim Arzt habe ich mich wie eine Nummer gefühlt; es ging alles so schnell, und ich habe ganz vergessen, was ich fragen wollte. Jetzt weiß ich gar nicht genau, was ich bei den Medikamenten beachten soll.«
Für solche Patienten sollte das Apothekenpersonal Zeit finden, um in Ruhe zu beraten. Es bietet sich an, im Team vorab zu besprechen, wie solche Situationen zu bewältigen sind. So können die Kollegen einem auf ein Signal hin den Rücken für eine ausführliche Beratung freihalten, oder man bietet dem Patienten an, einen Gesprächstermin zu einem günstigeren Zeitpunkt zu vereinbaren.
Gerade bei intensiven Medikationsgesprächen bei Polymedikation ergeben sich viele Fragen, bei denen Apotheker die bestmöglichen Empfehlungen aussprechen möchten. Manchmal verfallen sie in die Rolle des Belehrenden und verlieren dabei die Aufmerksamkeit der Patienten und deren Bereitschaft zur Veränderung.
Ein Beispiel: Ein COPD-Patient wird deutlich auf die objektiven Vorteile des Rauchstopps hingewiesen. Davon fühlt er sich bedrängt und lehnt dies zunächst ab.
Apothekenmitarbeiter sollten offene Angebote machen und den Patienten kompetent begleiten, ihm aber letztlich die Entscheidung überlassen. Im medizinischen Setting spricht man von »Shared Decision Making«. Man vermittelt dem Patienten gut verständlich die wichtigen Informationen zur möglichen Therapie und erklärt Vor- und Nachteile. Wichtig ist es, zu hinterfragen, welche Prioritäten der Betroffene setzt und welche persönlichen Gesundheitsziele er hat. Gemeinsam wird dann über das weitere Vorgehen entschieden – wobei der Patient immer das letzte Wort hat, auch wenn seine Entscheidung dem Heilberufler unsinnig oder falsch erscheint.
Dieses patientenzentrierte Prinzip kann man für die Beratung in der Selbstmedikation und bei intensiven Medikationsberatungen gleichermaßen einsetzen. Gelingt es, entwickelt sich daraus eine vertrauensvolle Kundenbindung.