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Suchtprävention

Der Abhängigkeit zuvorkommen

Immer mehr Menschen geraten in den Teufelskreis einer Abhängigkeit von Alkohol, Nicotin oder Medikamenten. Unterstützung auf individueller und gesellschaftlicher Ebene steuert einer Abwärtsspirale entgegen.
Hannelore Gießen
03.05.2020
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Oft werden die Begriffe Abhängigkeit und Sucht synonym verwendet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach in den Jahren 1957 bis 1964 von »Sucht«, danach von »Missbrauch« und »Abhängigkeit«. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung »Sucht« jedoch weiterverwendet, meist für eine erweiterte Definition von Abhängigkeit, die Verhaltenssüchte einschließt.

Die WHO beschreibt Abhängigkeit als einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, schädlich für den einzelnen und/oder die Gesellschaft, der durch den wiederholten Genuss einer natürlichen oder synthetischen Substanz hervorgerufen wird.

Wie sich aus Konsum eine Abhängigkeit entwickelt, ist noch nicht vollständig verstanden. Psychologische, genetische, neurobiologische und soziologische Erklärungsmodelle beleuchten unterschiedliche Entstehungswege, die in eine gemeinsame Endstrecke münden.

Belohnungssystem muss reifen

Alle Sucht erzeugenden Substanzen und Verhaltensweisen wirken auf das Belohnungssystem des Gehirns, das sogenannte hedonistische System. Dieses Lustzentrum besteht aus einem Nervenstrang, der sich vom Mittelhirn über das Zwischenhirn bis zum Nucleus accumbens im Limbischen System erstreckt, wo Gedanken mit Gefühlen verknüpft werden. Wird das Belohnungssystem aktiviert, setzt es verstärkt den Botenstoff Dopamin als Überträgersubstanz frei.

Das dopaminerge System verleiht Substanzen, äußeren Reizen oder auch mentalen Vorstellungen eine besondere Bedeutung. Der Dopamin-Kick gehört zur biologischen Grundausstattung des Menschen. Er setzt eine biochemische Kaskade in Gang, die Menschen mit Lustgefühlen belohnt, wenn es um lebenswichtige Dinge geht: Essen, Trinken und Sex.

Der Belohnungsprozess setzt sich aus unterschiedlichen Komponenten zusammen: »wanting« und »liking«. Dabei wird »wanting«, das dem Anreiz, etwas zu bekommen, entspricht, durch einen anderen Mechanismus vermittelt als »liking«, die Lust, die daraufhin eintritt. Entwickelt sich eine Abhängigkeit, bekommen die Impulse aus dem Anreizsystem die Oberhand.

Das Gehirn organisiert sich um: Das Belohnungssystem übernimmt die Verhaltenssteuerung, das Frontalhirn kommt mit seinen bremsenden Impulsen zu spät.

Dass sich Jugendliche leichter auf Experimente mit Suchtsubstanzen einlassen, wird so besser verständlich. Das Dopamin-System reift bis zur Pubertät. Der präfrontale Cortex, der hemmend auf die Antriebe aus den Basalganglien wirkt, benötigt dazu noch die Jahre bis Mitte zwanzig.

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