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Morbus Alzheimer

Bluttest zur Früherkennung rückt näher

Bestimmt man das Verhältnis von zwei Formen des β-Amyloids im Blut, lässt sich daraus mit hoher Sicherheit ableiten, ob ein Mensch die für die Alzheimer-Erkrankung typischen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn hat – und zwar bevor der Betroffene Gedächtnisprobleme entwickelt. Dieses Ergebnis einer aktuellen US-Studie könnte die Forschung an neuen Arzneimitteln zur Behandlung der neurodegenerativen Erkrankung erleichtern.
Annette Mende
07.08.2019
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Über die Faktoren, die zur Entstehung der Alzheimer-Erkrankung führen, und daraus abgeleitete mögliche therapeutische Ansatzpunkte sind sich Forscher trotz jahrzehntelanger intensiver Bemühungen uneins. Zuletzt scheiterten mit Aducanumab und Umibecestat zwei Wirkstoffe in fortgeschrittenen Phasen der klinischen Prüfung. Eine der wenigen Thesen zur Krankheitsentstehung, auf die sich alle Forscher einigen können, ist, dass die krankhaften Veränderungen im Gehirn von Patienten bereits lange vor dem Zeitpunkt einsetzen, an dem der Betroffene selbst etwas bemerkt.

Da auch eine wirksame Therapie deshalb so früh wie möglich beginnen müsste, wird ein zuverlässiger Test zur Früherkennung fast ebenso dringend gesucht wie therapeutische Ansätze. Eine Autorengruppe um Professor Dr. Suzanne Schindler von der Washington University School of Medicine in St. Louis stellt nun im Fachjournal »Neurology« einen solchen Test vor. Er misst das Verhältnis von zwei Formen des β-Amyloids (Aβ) im Blut, nämlich Aβ42 und Aβ40. Dieses verändere sich im selben Maß, wie sich Amyloid-Ablagerungen im Gehirn bilden, heißt es zur Erklärung in einer Pressemitteilung der Universität.

An der aktuellen Studie nahmen 158 Personen im Alter über 50 Jahren teil, von denen bis auf zehn noch keiner Gedächtnisprobleme hatte. Die Forscher teilten die Probanden anhand des Ergebnisses ihres Bluttests in zwei Gruppen ein: positiv, falls der Test Aβ-Ablagerungen im Gehirn erwarten ließ, und negativ, falls das nicht der Fall war. Eine anschließende PET-Aufnahme des Gehirns, die dezeit als Goldstandard zum Nachweis von Aβ-Ablagerungen angesehen wird, zeigte in 88 Prozent der Fälle eine Übereinstimmung mit dem Testergebnis. Bezogen die Forscher noch die bekannten Alzheimer-Risikofaktoren Alter und Vorliegen der genetischen Variante APOE4 in die Analyse mit ein, stieg die Genauigkeit auf 94 Prozent.

Studienteilnehmer, die im Bluttest positiv abschnitten, aber keine Auffälligkeiten im PET zeigten, wurden als falsch-positiv eingestuft. Von diesen entwickelten jedoch einige im weiteren Verlauf im PET sichtbare Aβ-Ablagerungen im Gehirn, und zwar im Durchschnitt vier Jahre später. Das deutet darauf hin, dass der Bluttest sogar empfindlicher sein könnte als das bildgebende Verfahren.

Zurzeit würden die Teilnehmer an klinischen Studien mit Alzheimer-Medikamenten per Gehirnscan ausgewählt, was sowohl zeit- als auch kostenintensiv sei, so Seniorautor Professor Dr. Randall Bateman. Anhand der laufenden Alzheimer-Präventionsstudie A4 berechnete das Team, dass zwei Drittel weniger PET-Aufnahmen notwendig gewesen wären, wenn zur Vorauswahl der Teilnehmer der Bluttest eingesetzt worden wäre. »Wenn wir die Zahl der PET-Aufnahmen reduzieren, könnten wir in derselben Zeit und mit demselben Geld zweimal so viele klinische Studien durchführen wie bisher«, so Bateman. Dies könne die Suche nach wirksamen Therapeutika erheblich beschleunigen.

Anfang 2018 hatten zwei Forscherteams ebenfalls Bluttests zur Frühdiadnostik von Alzheimer vorgestellt: der Test eines  japanisch-australischen Teams lässt Rückschlüsse auf die Amyloid-Last im Gehirn zu und der Test eines schwedisch-deutschen Teams erfasst fehlgefaltete β-Amyloid-Proteine im Blut.

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