Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Pharmazie in Krisenzeiten
-
»Bei der Arzneimittelversorgung ziemlich blank«

Für Krisen- und Kriegszeiten benötigen Apotheken pragmatische Handlungsanweisungen. Was sich bezüglich Bevorratung und Versorgung mit Arzneimitteln und medizinischem Bedarf von der Bundeswehr lernen lässt, erörterte eine Diskussionsrunde, zu der die Landesapothekerkammer Hessen eingeladen hatte.
AutorKontaktElke Wolf
Datum 08.06.2026  09:00 Uhr

Hessen als Drehscheibe Europas

»Von Pfungstadt aus ist die Truppe zum Beispiel für ihren Einsatz in Afghanistan versorgt worden«, berichtete der leitende Oberfeldapotheker. »Neben der Aufrechterhaltung des Grundbetriebs – Truppenärzte bekommen die benötigten Arzneimittel und Medizinprodukte von uns bereitgestellt – sind wir auch für die Instandhaltung und Fertigung von Medizingeräten also etwa Defibrillatoren oder Brillen zuständig. Für Brillenträger müssen etwa ABC-Masken eigens angepasst werden.« Den engen Kontakt zu anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens wie Medizintechnikern, Optikern oder Krankenpflegern empfindet er als sehr bereichernd.

Als »Drehscheibe Europas« sei Deutschland nicht nur Angriffsziel, sondern auch Durchzugs- und Stationierungsgebiet von befreundeten NATO-Partnern. »Im Kriegsfall rechnet man mit bis zu 760.000 NATO-Soldaten, die hier mit Wasser und Nahrung sowie sanitätsdienstlich betreut werden müssen. Das kann nur aus der zivil-pharmazeutischen Welt kommen«, sensibilisierte er. Darüber hinaus sei im Kriegsfall mit massiven Flüchtlingsströmen und mit bis zu 1000 Verwundeten täglich aus Einsatzgebieten zu rechnen.

Besonders Hessen spiele laut Ünver für eine resiliente Arzneimittelbevorratung, -verteilung- und -versorgung eine zentrale Rolle: »An Hessen führt kein Weg vorbei. Hessen liegt in der Mitte Europas und hat wichtigste Infrastruktur: die Autobahnen A3, A5, A7, Frankfurts Flughafen, wichtige IT-Strukturen, daneben sitzt in Frankfurt mit der Europäischen Zentralbank das Geld. Also ist eine gute zivil-militärische Zusammenarbeit unter Einbindung mit den hessischen Vor-Ort-Apotheken essenziell für die Patientensteuerung, den Transport und die medizinische Versorgung.«

»Gesamtstaatliche Mammutaufgabe«

Die Aufrechterhaltung des zivilen Rettungssystems im Kriegsfalle bezeichnete er als »gesamtstaatliche Mammutaufgabe«. Dazu seien gemeinschaftliches Handeln von Bundeswehr, verschiedenen Hilfsorganisationen und des zivilen, nationalen Gesundheitssystems unabdingbar, um eine »einigermaßen resiliente Gesundheitsversorgung« bieten zu können. Öffentliche Apotheken, so erinnerte er, sind Teil der KRITIS, also der kritischen Infrastruktur. »Zwischenfälle wie die Lahmlegung von Teilen des Stromnetzes in Berlin müssen uns sensibilisieren, Strategien zu entwickeln, um auf Ausfälle jedweder Art besser vorbereitet zu sein.« Stichwort Notstromaggregat in der Apotheke ja/nein.

Fehlendes Bewusstsein und dadurch zu wenig Zusammenarbeit, instabile Lieferketten, mangelnde Bevorratung und die Ausdünnung des Apothekennetzes: Das waren die Hauptanliegen der sich anschließenden ausführlichen Diskussion, die Apotheker Dr. Nojan Nejatian leitete. In Sachen bessere Notfallbevorratung und Lieferkettensicherheit nahm Professor Dr. Dieter Steinhilber, Pharmazieprofessor an der Universität Frankfurt, und als »Nebenengagement« seit 20 Jahren dem militärischen Beirat des Bundesverteidigungsministeriums angehörend, die Politik in die Pflicht.

Mehr von Avoxa