»Derzeit sind wir bei der Arzneimittelversorgung für Krisenzeiten ziemlich blank. Das große Problem: Der Arzneimittelmarkt ist leider umsatz- und nicht resilienzgetrieben.« Deutschland verfüge zwar über ein weltweit führendes System der Arzneimittelversorgung, in dem Innovative Arzneimittel im Vergleich zu anderen Ländern sehr schnell verfügbar seien und Generika zu sehr niedrigen Preisen bereitgestellt würden.
Letztere würden die Produktion von Basismedikamenten in Europa aber unrentabel machen, sodass viele Wirkstoffe – Steinhilber nannte vor allem Antibiotika – nur noch von wenigen Herstellern vor allem in China stammten. »Das ist auch ein hausgemachtes deutsches Problem.« Diese Abhängigkeit berge große Risiken: Produktionsausfälle oder politische Konflikte könnten schnell zu erheblichen Versorgungsengpässen führen. Auf Politikseite sei man diesbezüglich bislang jedoch eher taub. »Die Gesamtstaatlichkeit einer resilienten Arzneimittelversorgung ist politisch noch nicht angekommen.«
»Wir müssen heute erst wieder Notfall- und Ausfallmechanismen etablieren, um in Krisenzeiten überhaupt an die essenziell notwendigen Arzneimittel zu kommen und um Lieferketten kurz- und mittelfristig aufrechterhalten zu können.« Er schlug eine Art rollierendes System für eine entsprechende Lagerhaltung vor, in dem etwa für sechs Monate bestimmte Mengen an Arzneimitteln eingelagert, aber dann wieder abverkauft werden. »Langfristig gedacht ist die Arzneimittelproduktion wieder zurückzuholen.«
Das konnte Dr. Nils Keiner, Leiter der Klinikapotheke der Universität Frankfurt, nur bestätigen. »Wir haben bereits in Friedenszeiten das Problem der resilienten Lieferkette. Man denke nur an die Engpässe bei Kochsalzlösung. Wie soll das erst in Krisenzeiten gelingen?« Der Krankenhausapotheker forderte mehr Entscheidungsfreudigkeit, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, krisenfester zu werden. »Wir müssen die Politik quasi herausfordern. Solche Entscheidungen müssen jetzt getroffen werden.«
Forderungen nach vergrößerten Vorräten in einer Krankenhausapotheke wie etwa von bestimmten Antibiotika oder Lieferengpass-bedrohten Zytostatika seien nicht ohne Weiteres umzusetzen. »Größere Vorräte erfordern zwingend mehr Platz für die Lagerhaltung. Um mal eine Dimension zu nennen: Allein für den erhöhten Bedarf an Infusionslösungen bräuchten wir in Frankfurt zusätzlich 300 Palettenstellplätze. Wie ist das zu bewerkstelligen?« Kooperationen mit anderen Kliniken wie dem BG-Krankenhaus seien angedacht.