Angesichts des zu erwartenden immens steigenden Materialbedarfs in der Fläche müssten auch Verfalldaten überdacht werden, wurde in der Diskussion deutlich. Präparate dürften nicht so schnell verfallen, sondern müssten wieder in den Kreislauf eingeschleust werden. Valide Daten zu längeren Haltbarkeiten als eigentlich angegeben gäben das her. Bereits jetzt habe die Bundeswehr die Möglichkeit, auch Arzneimittel einzusetzen, die das Verfallsdatum bereits erreicht haben. Grundlage ist eine Arzneimittelgesetz-Zivilschutzausnahmeverordnung.
Um mehr Medikamente in der Fläche verfügbar zu haben, gelte es, die Ressource von rund 16.600 Apothekenlaboren besser zu nutzen, war ein wichtiges Fazit der Diskussionsteilnehmer. Denkbar sei eine Art Grundstoff-Bevorratungskonzept. Wirkstoffe in Granulatform könnten etwa in Hartgelatinekapseln von Apotheken vor Ort abgefüllt werden. Die dezentrale Struktur mit 1660 Apotheken deutschlandweit sei ideal, um kurzfristig reagieren zu können, bestätigte der Kammerpräsident. »Diese Kleinteiligkeit der Apotheken ist mittlerweile ein wichtiges Argument, das wir ständig in die politische Wagschale werfen. So makaber das ist: Die politische Situation hat uns damit auch die Flanke geöffnet, damit zu werben.«
Als Präsident sieht Ude seine Aufgabe und die der Kammer darin, Mitglieder zu sensibilisieren, übergeordnet Netzwerke mit Politik, Bundeswehr, Pharmaindustrie, Großhandel und Ärzteschaft zu knüpfen, um die Mitglieder auf Ausfälle vorzubereiten. Die eigentliche Arbeit, um Krisentauglichkeit zu erlangen, liege jedoch auch bei jedem einzelnen Apothekeninhaber vor Ort. »Auf dem individuellen Krisenzettel sollten für den Mikrokosmos Apotheke die Klärung der Stromversorgung und der Personaldecke stehen. Nicht ganz unerheblich ist auch der Geldfluss etwa hin zum Großhandel. Da bestehen mehr Abhängigkeiten als etwa in einer Arztpraxis.«
Oberstapotheker der Reserve Barbara Karl, niedergelassene Apothekerin in Frankfurt, empfahl den Zusammenschluss von kleineren Clustern gemeinsam mit der örtlichen Feuerwehr und den ortsansässigen Ärzten. Von Alarm- und Einsatzplänen aus Coronapandemiezeiten oder von Hitze-Notfallplänen könne man lernen.
Vor allem was die Zusammenarbeit mit den Ärzten betrifft, sind laut Ude dringend pragmatische Lösungen erforderlich – Stichwort Rezeptpflicht. »Wir brauchen konkrete Handlungsempfehlungen in einem Commitment mit den Ärzten. Diese ewigen Diskussionen und Bedenkenkrämereien müssen der Vergangenheit angehören.«