Austausch und Schulterschluss zwischen Bundeswehr und ziviler Welt: Dr. Christian Ude, Barbara Karl, Dr. Recep Ünver, Dr. Nils Keiner und Professor Dr. Dieter Steinhilber diskutierten unter der Moderation von Dr. Nojan Nejatian (von links). / © PZ/Wolf
Vor den Toren Darmstadts liegt ein weitgehend unbekannter »pharmazeutischer Schatz«, wie Kammerpräsident Dr. Christian Ude die auf dem Kasernengelände gelegene Bundeswehrapotheke in Pfungstadt nannte.
Das Versorgungs- und Instandsetzungszentrum Pfungstadt – so die korrekte Bezeichnung – ist eine von nur drei Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Sie nimmt eine zentrale Rolle für die Einsatzbereitschaft der Truppe ein, da sie nahezu alle Auslandseinsätze der Bundeswehr mit Arzneimitteln und medizinischem Material von Südhessen aus versorgt.
»Im Falle der Landes- und Bündnisverteidigung müssen die Streitkräfte aber von öffentlichen Apotheken mitversorgt werden. Die Bundeswehr kann auch nicht die Zivilbevölkerung versorgen, sondern wir brauchen umgekehrt die Unterstützung der Apotheken vor Ort«, verdeutlichte Dr. Recep Ünver, Oberfeldapotheker und Dienststellenleiter der Pfungstädter Einrichtung.
Die Bundeswehr bevorrate fast ausschließlich Material für die eigenen Einsatzsysteme des Sanitätsdienstes, also etwa Fahrzeuge, Rettungsstationen oder Lazarette, so Ünver. Bis auf wenige Einzelprodukte wie bestimmte antivirale Arzneimittel übernehme die Bundeswehr keine Bevorratung für Bund und Länder. »Im Fall der Fälle sind wir auf die öffentlichen Apotheken angewiesen.«
In seinem Impulsvortrag stellte Ünver den anwesenden Apothekerinnen und Apothekern vor, wie die Arzneimittel- und Medizinprodukteversorgung innerhalb der Bundeswehr organisiert ist. Es gebe drei Ebenen: In den zwei Sanitätsmateriallagern in Epe und Krugau würden sehr große Einsatzvorräte gelagert, die drei Versorgungs- und Instandsetzungszentren in Quakenbrück, Blankenburg und Pfungstadt seien sowohl für den laufenden Betrieb als auch für die Einsatzversorgung zuständig und in den fünf Bundeswehrkrankenhäusern/-apotheken in Ulm, Koblenz, Westerstede, Hamburg und Berlin erfolge die Arzneimittelgroßherstellung.
»Von Pfungstadt aus ist die Truppe zum Beispiel für ihren Einsatz in Afghanistan versorgt worden«, berichtete der leitende Oberfeldapotheker. »Neben der Aufrechterhaltung des Grundbetriebs – Truppenärzte bekommen die benötigten Arzneimittel und Medizinprodukte von uns bereitgestellt – sind wir auch für die Instandhaltung und Fertigung von Medizingeräten also etwa Defibrillatoren oder Brillen zuständig. Für Brillenträger müssen etwa ABC-Masken eigens angepasst werden.« Den engen Kontakt zu anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens wie Medizintechnikern, Optikern oder Krankenpflegern empfindet er als sehr bereichernd.
Als »Drehscheibe Europas« sei Deutschland nicht nur Angriffsziel, sondern auch Durchzugs- und Stationierungsgebiet von befreundeten NATO-Partnern. »Im Kriegsfall rechnet man mit bis zu 760.000 NATO-Soldaten, die hier mit Wasser und Nahrung sowie sanitätsdienstlich betreut werden müssen. Das kann nur aus der zivil-pharmazeutischen Welt kommen«, sensibilisierte er. Darüber hinaus sei im Kriegsfall mit massiven Flüchtlingsströmen und mit bis zu 1000 Verwundeten täglich aus Einsatzgebieten zu rechnen.
Besonders Hessen spiele laut Ünver für eine resiliente Arzneimittelbevorratung, -verteilung- und -versorgung eine zentrale Rolle: »An Hessen führt kein Weg vorbei. Hessen liegt in der Mitte Europas und hat wichtigste Infrastruktur: die Autobahnen A3, A5, A7, Frankfurts Flughafen, wichtige IT-Strukturen, daneben sitzt in Frankfurt mit der Europäischen Zentralbank das Geld. Also ist eine gute zivil-militärische Zusammenarbeit unter Einbindung mit den hessischen Vor-Ort-Apotheken essenziell für die Patientensteuerung, den Transport und die medizinische Versorgung.«
Die Aufrechterhaltung des zivilen Rettungssystems im Kriegsfalle bezeichnete er als »gesamtstaatliche Mammutaufgabe«. Dazu seien gemeinschaftliches Handeln von Bundeswehr, verschiedenen Hilfsorganisationen und des zivilen, nationalen Gesundheitssystems unabdingbar, um eine »einigermaßen resiliente Gesundheitsversorgung« bieten zu können. Öffentliche Apotheken, so erinnerte er, sind Teil der KRITIS, also der kritischen Infrastruktur. »Zwischenfälle wie die Lahmlegung von Teilen des Stromnetzes in Berlin müssen uns sensibilisieren, Strategien zu entwickeln, um auf Ausfälle jedweder Art besser vorbereitet zu sein.« Stichwort Notstromaggregat in der Apotheke ja/nein.
Fehlendes Bewusstsein und dadurch zu wenig Zusammenarbeit, instabile Lieferketten, mangelnde Bevorratung und die Ausdünnung des Apothekennetzes: Das waren die Hauptanliegen der sich anschließenden ausführlichen Diskussion, die Apotheker Dr. Nojan Nejatian leitete. In Sachen bessere Notfallbevorratung und Lieferkettensicherheit nahm Professor Dr. Dieter Steinhilber, Pharmazieprofessor an der Universität Frankfurt, und als »Nebenengagement« seit 20 Jahren dem militärischen Beirat des Bundesverteidigungsministeriums angehörend, die Politik in die Pflicht.
»Derzeit sind wir bei der Arzneimittelversorgung für Krisenzeiten ziemlich blank. Das große Problem: Der Arzneimittelmarkt ist leider umsatz- und nicht resilienzgetrieben.« Deutschland verfüge zwar über ein weltweit führendes System der Arzneimittelversorgung, in dem Innovative Arzneimittel im Vergleich zu anderen Ländern sehr schnell verfügbar seien und Generika zu sehr niedrigen Preisen bereitgestellt würden.
Letztere würden die Produktion von Basismedikamenten in Europa aber unrentabel machen, sodass viele Wirkstoffe – Steinhilber nannte vor allem Antibiotika – nur noch von wenigen Herstellern vor allem in China stammten. »Das ist auch ein hausgemachtes deutsches Problem.« Diese Abhängigkeit berge große Risiken: Produktionsausfälle oder politische Konflikte könnten schnell zu erheblichen Versorgungsengpässen führen. Auf Politikseite sei man diesbezüglich bislang jedoch eher taub. »Die Gesamtstaatlichkeit einer resilienten Arzneimittelversorgung ist politisch noch nicht angekommen.«
»Wir müssen heute erst wieder Notfall- und Ausfallmechanismen etablieren, um in Krisenzeiten überhaupt an die essenziell notwendigen Arzneimittel zu kommen und um Lieferketten kurz- und mittelfristig aufrechterhalten zu können.« Er schlug eine Art rollierendes System für eine entsprechende Lagerhaltung vor, in dem etwa für sechs Monate bestimmte Mengen an Arzneimitteln eingelagert, aber dann wieder abverkauft werden. »Langfristig gedacht ist die Arzneimittelproduktion wieder zurückzuholen.«
Das konnte Dr. Nils Keiner, Leiter der Klinikapotheke der Universität Frankfurt, nur bestätigen. »Wir haben bereits in Friedenszeiten das Problem der resilienten Lieferkette. Man denke nur an die Engpässe bei Kochsalzlösung. Wie soll das erst in Krisenzeiten gelingen?« Der Krankenhausapotheker forderte mehr Entscheidungsfreudigkeit, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, krisenfester zu werden. »Wir müssen die Politik quasi herausfordern. Solche Entscheidungen müssen jetzt getroffen werden.«
Forderungen nach vergrößerten Vorräten in einer Krankenhausapotheke wie etwa von bestimmten Antibiotika oder Lieferengpass-bedrohten Zytostatika seien nicht ohne Weiteres umzusetzen. »Größere Vorräte erfordern zwingend mehr Platz für die Lagerhaltung. Um mal eine Dimension zu nennen: Allein für den erhöhten Bedarf an Infusionslösungen bräuchten wir in Frankfurt zusätzlich 300 Palettenstellplätze. Wie ist das zu bewerkstelligen?« Kooperationen mit anderen Kliniken wie dem BG-Krankenhaus seien angedacht.
Angesichts des zu erwartenden immens steigenden Materialbedarfs in der Fläche müssten auch Verfalldaten überdacht werden, wurde in der Diskussion deutlich. Präparate dürften nicht so schnell verfallen, sondern müssten wieder in den Kreislauf eingeschleust werden. Valide Daten zu längeren Haltbarkeiten als eigentlich angegeben gäben das her. Bereits jetzt habe die Bundeswehr die Möglichkeit, auch Arzneimittel einzusetzen, die das Verfallsdatum bereits erreicht haben. Grundlage ist eine Arzneimittelgesetz-Zivilschutzausnahmeverordnung.
Um mehr Medikamente in der Fläche verfügbar zu haben, gelte es, die Ressource von rund 16.600 Apothekenlaboren besser zu nutzen, war ein wichtiges Fazit der Diskussionsteilnehmer. Denkbar sei eine Art Grundstoff-Bevorratungskonzept. Wirkstoffe in Granulatform könnten etwa in Hartgelatinekapseln von Apotheken vor Ort abgefüllt werden. Die dezentrale Struktur mit 1660 Apotheken deutschlandweit sei ideal, um kurzfristig reagieren zu können, bestätigte der Kammerpräsident. »Diese Kleinteiligkeit der Apotheken ist mittlerweile ein wichtiges Argument, das wir ständig in die politische Wagschale werfen. So makaber das ist: Die politische Situation hat uns damit auch die Flanke geöffnet, damit zu werben.«
Als Präsident sieht Ude seine Aufgabe und die der Kammer darin, Mitglieder zu sensibilisieren, übergeordnet Netzwerke mit Politik, Bundeswehr, Pharmaindustrie, Großhandel und Ärzteschaft zu knüpfen, um die Mitglieder auf Ausfälle vorzubereiten. Die eigentliche Arbeit, um Krisentauglichkeit zu erlangen, liege jedoch auch bei jedem einzelnen Apothekeninhaber vor Ort. »Auf dem individuellen Krisenzettel sollten für den Mikrokosmos Apotheke die Klärung der Stromversorgung und der Personaldecke stehen. Nicht ganz unerheblich ist auch der Geldfluss etwa hin zum Großhandel. Da bestehen mehr Abhängigkeiten als etwa in einer Arztpraxis.«
Oberstapotheker der Reserve Barbara Karl, niedergelassene Apothekerin in Frankfurt, empfahl den Zusammenschluss von kleineren Clustern gemeinsam mit der örtlichen Feuerwehr und den ortsansässigen Ärzten. Von Alarm- und Einsatzplänen aus Coronapandemiezeiten oder von Hitze-Notfallplänen könne man lernen.
Vor allem was die Zusammenarbeit mit den Ärzten betrifft, sind laut Ude dringend pragmatische Lösungen erforderlich – Stichwort Rezeptpflicht. »Wir brauchen konkrete Handlungsempfehlungen in einem Commitment mit den Ärzten. Diese ewigen Diskussionen und Bedenkenkrämereien müssen der Vergangenheit angehören.«