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NADA

Apothekerin im Anti-Dopingkampf

15.12.2009
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Von Sven Siebenand, Bonn / Offizin, Krankenhaus oder Industrie sind typische Einsatzgebiete für Apotheker. Als Mitarbeiterin der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) hat Dr. Kerstin Neumann einen eher ungewöhnlichen Arbeitgeber. Parallelen zur Arbeit in der Offizin gibt es trotzdem.

Wie kommt man als Apothekerin zur NADA? »Eigentlich war es ein Zufall«, sagt Neumann. Schon während sie ihre Doktorarbeit schrieb, hatte sie erfahren, dass die NADA einen Apotheker in den Kreis der Dopingfahnder aufnehmen wollte. »Hinzu kam das persönliche Interesse am Anti-Dopingkampf«, so die Apothekerin, die als Schwimmerin selbst Leistungssport betrieben hat.

Ihr erstes Projekt bei der NADA war der Aufbau der Online-­Datenbank unter www.nadamed.de, die Mitte 2008 an den Start gegangen ist. »Mittlerweile enthält sie etwa 3000 Einträge zu häufig verschriebenen oder angefragten Fertigarzneimitteln beziehungsweise Arzneistoffen«, sagt die Referentin Pharmazie in der Abteilung Medizin und Forschung. In erster ­Linie richtet sich die Datenbank an Athleten und deren Betreuer, aber auch andere Nutzer, zum Beispiel Apotheker, können sie als Informationsquelle heranziehen. Die Datenbank ermöglicht eine kostenfreie Information darüber, ob Medikamente von der WADA (World ­Anti-Doping Agency) verbotene Wirkstoffe enthalten. Grundlage dafür ist die WADA-Verbotsliste, die mindestens einmal im Jahr, in der Regel zum 1. Januar, aktualisiert wird.

 

Spitzensportler am Telefon

 

Neben der Betreuung und Pflege der Datenbank ist die Apothekerin Ansprechpartnerin für pharmakologische Anfragen jeglicher Art. Ob von Ärzten, Apothekern oder Sportlern: Etwa 20 Anfragen pro Tag hat Neumann zu beantworten. Diese kommen häufig als ­E-Mail oder als Fax herein, aber auch telefonisch ist ­Neumann erreichbar. Ein Anruf von Profi-Fußballern oder eine Nachricht von Medaillengewinnern ist somit keine Seltenheit für die Apothekerin. Manche Fragen kann sie leicht und schnell klären, andere erfordern dagegen Rechercheaufwand. »Diese beratende und betreuende Funktion ist vergleichbar mit der Arbeit in der Apotheke«, sagt Neumann. Ohne pharmazeutisches Hintergrundwissen sei das einfach unmöglich.

Was ist die NADA?

Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) ist eine Stiftung privaten Rechts mit Sitz in Bonn und wurde im Jahr 2002 gegründet. Die Institution ist eine unabhängige Einrichtung. Wichtige Aufgaben sind die Umsetzung eines einheitlichen Dopingkon­trollsystems für Deutschland, die ­Erteilung medizinischer Ausnahmegenehmigungen, die Beantwortung von Medikamentenanfragen, Präventionsfragen, die Umsetzung des ­WADA-Code in einen NADA-Code und die internationale Zusammenarbeit. 2008 waren bei der NADA insgesamt 22 Mitarbeiter beschäftigt, da-runter unter anderem Naturwissenschaftler, Sportwissenschaftler und Rechtswissenschaftler.

Neumann kennt so einige Dopingfallen, in die Sportler aus Unwissenheit treten könnten. Ein typisches Beispiel ist demnach die Einnahme von WickMediNait®, das Ephedrin enthält und somit zu den verbotenen Dopingsubstanzen zählt. Ab Januar 2010 wird auch die Substanz Pseudoephe­drin, die zum Beispiel in Aspirin® Complex enthalten ist, wieder in der WADA-Verbotsliste auftauchen. Viele Sportler kennen zudem den Hustenlöser Mucosolvan®. Greifen sie dann zu Spasmo-Mucosolvan®, das vielleicht jemandem aus der Familie oder dem Freundeskreis einmal verschrieben wurde, haben die Athleten ein Problem. Denn der zweite Inhaltsstoff neben Ambroxol, ­Clenbuterol, steht auf der Verbotsliste.

 

Globuli als Stolperfalle

 

Die Gefahr einer positiven Dopingkontrolle besteht jedoch auch bei Einnahme bestimmter homöopathischer Präparate. So enthalte Nux vomica (Brechnuss) als Urtinktur oder in niedrigen Potenzen (etwa bis D5) für den Nachweis noch ausreichend Strychnin-Moleküle. »Obwohl eine Nux-vomica-Urtinktur sicher keine Leistungssteigerung hervorruft, kommt es dann zu einer positiven Dopingkontrolle und infolgedessen zu möglichen Sanktionen«, erklärt Neumann.

 

Apropos Dopingkontrolle: Im Jahr 2008 mussten Athleten – aufgefordert durch die NADA – in rund 8000 Fällen für eine Dopingprobe Wasser lassen. In die Durchführung der Kontrollen ist Neumann nicht direkt involviert. Jedoch wird sie aktiv, wenn die Labore eine positive Kontrolle an die NADA melden. Das war im vergangenen Jahr 55-mal der Fall. Dann checkt Neumann, ob der betreffende Sportler möglicherweise eine medizinische Ausnahmegenehmigung besitzt und damit aus dem Schneider ist. Es ist absolut nicht so leicht – wie häufig in den Medien dargestellt – an so eine Genehmigung heranzukommen. Infrage kommt sie nur für Athleten, die aus medizinischen Gründen eine Behandlung mit Arzneimitteln benötigen, die verbotene Wirkstoffe enthalten, zum Beispiel Typ-1-Diabetiker mit Insulin.

 

Insgesamt hat die NADA im Jahr 2008 mehr als 4000 Anträge auf medizinische Ausnahmegenehmigungen bearbeitet, in mehr als 200 Fällen handelte es sich dabei um chronisch Kranke, die auf normalerweise verbotene Substanzen angewiesen sind. Auch hier ist Neumann in die Information der Sportler und beim Medikamenten-Check eingebunden. »Die Beantragung einer Ausnahmegenehmigung bedeutet großen Aufwand für den Sportler«, informiert sie. Die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht, das Vorlegen einer medizinischen Krankenakte, bestimmte Labortests und ein dreiseitiges Antragsformular seien unter anderem dafür erforderlich.

 

Eingebunden in Dopingforschung

 

Neben den beratenden Funktionen, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit beanspruchen, ist die Apothekerin zusätzlich an anderen Projekten der NADA beteiligt. Dazu gehören zum Beispiel die Dopinganalytik und die Präventionsforschung. Dabei steht sie auch in engem Kontakt zu den Anti-Dopinglaboren im Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln und im Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Dresden in Kreischa. Dort werden auch die von der NADA in Auftrag gegebenen Proben der Dopingkontrollen untersucht. Zudem koordiniert die NADA Planung und Durchführung sowie die Ergebnisbewertung der Forschungsprojekte der beiden Labore. »So bin ich direkt in die Dopingforschung eingebunden«, sagt Neumann.

 

Für nationale und internationale Gremien ist sie bei der NADA Ansprechpartnerin bei medizinisch-wissenschaftlichen Fragestellungen und auch das Sammeln von neuem Wissen und der Austausch mit Forschern zählt zu ihren Aufgaben. Diese Arbeit könnte gegebenenfalls auch einen direkten Einfluss auf die WADA-Verbotsliste haben. Der noch 2008 verbotene 5α-Reduktasehemmer Finasterid, der Anabolika im Urin bisher verschleierte, kann durch eine verbesserte Analytik mittlerweile nicht mehr als Maskierungsmittel dienen, sodass der Wirkstoff von der Verbotsliste verschwunden ist. Der Viagra-Inhaltsstoff Sildenafil steht auch 2010 noch nicht auf der Liste. Jedoch, so Neumann, laufen Studien der WADA. Diese sollen die Frage beantworten, ob mit dem Potenzmittel ein Vorteil in der Lungenkapazität auf großer Höhe zu erzielen ist.

 

S1 bis S9 sind keine S-Bahn-Linien

 

Neumann freut sich über die Zusammenarbeit der NADA mit der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (siehe dazu PZ 46/2009, Seite 9). Für die NADA sei es wichtig, Multiplikatoren zu haben, also Menschen, die kompetent sind und andere in Sachen Doping aufklären können. Als solche sieht die Apothekerin ihre Kolleginnen und Kollegen. Für Neumann haben Apotheker sogar eine Schlüsselrolle bei der Dopingprävention und -aufklärung. Eine wichtige Aufgabe sei zum Beispiel die Information und Beratung zu dopingrelevanten Medikamenten. Auch können Apotheker Sportlern im Krankheitsfall helfen, Medikamente auszuwählen, die nicht auf der Dopingliste stehen. Seit 2009 muss in Deutschland übrigens bei dopingrelevanten Mittel ein entsprechender Hinweis in der Fachinformation und im Beipackzettel zu finden sein.

Die Verbotsklassen S1 bis S9

Auf der WADA-Verbotsliste stehen neun verschiedene Substanzklassen. Ohne medizinische Ausnahmegenehmigung sind Stoffe der Klasse S1 bis S5 jederzeit verboten und die Klassen S6 bis S9 im Wettkampf untersagt.

 

S1 – anabole Substanzen: Hierzu zählen neben anabol-androgenen Steroiden wie Testosteron, Nandrolon und Stanozolol auch anabole Substanzen wie Clenbuterol. Auch die noch gar nicht zugelassenen, auf dem Schwarzmarkt aber erhältlichen selektiven Androgen-Rezeptor-Modulatoren (SARMs) gehören dazu.

 

S2 – Hormone und verwandte Substanzen, zum Beispiel Erythropoietin (EPO), Somatotropin, Insulin und das humane Choriongonadotropin (HCG)

 

S3 – β2-Agonisten, zum Beispiel Formoterol, Salbutamol und Salmeterol

 

S4 – Hormon-Antagonisten: Sie werden unter anderem dazu benutzt, um unerwünschte Wirkungen von Anabolika wie Brustvergrößerung bei Männern zu verhindern. Beispiele sind Aromatase-Hemmer wie Anastrozol und Letrozol sowie selektive Estrogen-Rezeptor-Modulatoren wie Raloxifen und Tamoxifen.

 

S5 – Diuretika und andere Maskierungsmittel wie Probenecid

 

S6 – Stimulanzien wie Ephedrin, Methylphenidat, Pemolin, Amphetamin, Cocain und Ecstasy

 

S7 – Narkotika wie Morphin, Pethidin, Pentazocin und Methadon

 

S8 – Cannabinoide, also Substanzen wie Haschisch und Marihuana, die Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten

 

S9 – (systemisch) Glucocorticoide, zum Beispiel Dexamethason, Prednisolon und Triamcinolon

Für Anfang 2010 ist laut Neumann geplant, die Apotheken mit Informationsmaterial, etwa einer Beispielliste zulässiger Medikamente, zu versorgen. Auch Schulungsmaßnahmen seien in Vorbereitung. Demnächst wird sie zum Beispiel bei der Apothekerkammer Thüringen ein Seminar für Apotheker leiten. Diese sollen dabei unter anderem einen Überblick über die gängigen Dopingsubstanzen und die neun verschiedenen Substanzklassen S1 bis S9 (siehe dazu Kasten) erhalten.

 

Zu den jederzeit verbotenen Substanzen gehören neben anabolen Substanzen und Hormonen auch β2-Agonisten, Hormon-Antagonisten, Diuretika und andere Maskierungsmittel sowie Stimulanzien. Im Wettkampf sind zum Beispiel Narkotika und systemische Glucocorticoide tabu. Eine Anzeigepflicht für cortisonhaltige Hautcremes, Augen-, Nasen- und Ohrentropfen sowie Mundsalben besteht dagegen mittlerweile nicht mehr. Der Sportler muss die Anwendung bei einer Dopingkontrolle aber trotzdem angeben. Selbiges gilt übrigens für alle Medikamente, die er in den vergangenen sieben Tagen eingenommen hat. Neben den genannten Substanzklassen sind einige Stoffe, etwa Alkohol und Betablocker, nur in bestimmten Sportarten, zum Beispiel beim Schießsport und beim Bogenschießen, verboten. Der Grund: Beide ­haben eine beruhigende Wirkung und helfen bei Nervosität und zittrigen Händen.

 

Doping im Breitensport

 

Nicht nur im Spitzensport, sondern auch im Breiten- und Freizeitsport stellt Doping ein nicht zu unterschätzendes Problem dar. Zu den gefährdeten Zielgruppen zählt Neumann Bodybuilder und über-40-jährige Sportler. Wie erkenne ich nun, dass jemand ein Arzneimittel zum Dopen verwendet? Eine pauschale Antwort auf diese Frage hat Neumann nicht. Jedoch rät sie Apothekern »wach zu sein«, zum Beispiel wenn ein Kassenpatient plötzlich ein Privatrezept über Testosteron oder ein Asthmaspray vorlegt. Auch der Einsatz großer Mengen Schmerzmittel bereits vor dem Sport ist Neumann zufolge weit verbreitet. Diese Form von Arzneimittelmissbrauch sei dann zwar kein Doping an sich, falle aber unter den Begriff Doping-Mentalität.

 

Sahnetorte statt Mohnkuchen

 

Aufgrund zahlreicher Meldungen über Kontamination, zum Beispiel mit Steroidhormonen, rät die Apothekerin dringend davor ab, Sportlern Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen. »Bei Vitamin- und ­Mineralstoffpräparaten gibt es in der Regel auch ein Arzneimittel als Alternative«, so Neumann. Soll es dann doch unbedingt das Nahrungsergänzungsmittel sein, dann lässt sich das Risiko reduzieren, indem der Athlet vom Hersteller eine schriftliche Garantie verlangt, dass in dem erstandenen Mittel keine dopingrelevanten Substanzen enthalten sind. »Aber selbst das ist dann noch keine 100-prozentige Garantie, im Falle einer positiven Dopingkontrolle vor Sanktionen geschützt zu sein«, warnt Neumann.

Eine Dopingfalle, auf die auch Apotheker hinweisen können, stellen auch einige Lebensmittel dar. Beim asiatischen Ma-Huang-Tee muss zum Beispiel auf Beimengungen von Ephedra-Kraut (Ephedrin) geachtet werden. Und selbst der Genuss von Mohnkuchen kann eine Gefahr sein, denn Mohnsamen enthalten bekanntlich Morphin. Unter Umständen reicht dann ein Stück Kuchen für eine positive Dopingkontrolle aus. »Drei Tage vor dem Wettkampf kein Mohnkuchen, im Zweifelsfall lieber die Sahnetorte«, so Neumanns ­Ratschlag. / 

 

Zur Person

 

Dr. Kerstin Neumann hat in Bonn Pharmazie studiert und erhielt 2004 die Approbation als Apothekerin. 2009 wurde sie im Fach Pharmazeutische Biologie an der Universität Bonn promoviert. Seit 2007 arbeitet sie als Referentin Pharmazie in der Abteilung Medizin und Forschung bei der NADA. Neumann ist zudem ehrenamtlich als Mitglied der Kammerversammlung der Apothekerkammer Nordrhein tätig.

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