Pharmazeutische Zeitung online
Erfahrungsbericht

Ein halbes Jahr Lebertran

20.12.2010
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Von Lisa Dombrowe / Ein PJ-Halbjahr auf Island bedarf einer Vorbereitung von langer Hand. Im Frühjahr 2010, als gerade viele europäische Flughäfen wegen der Aschewolke des Eyjafjallajökull gesperrt waren, brach ich dann endlich mit der Fähre nach Island auf. Dort absolvierte ich sechs Monate in der Apotheke von Siglufjördur, der nördlichsten Stadt Islands.

Siglufjördur ist eine Stadt mit circa 1300 Einwohnern und liegt an einem kleinen Fjord im Norden Islands. Während des großen »Heringsabenteuers« in den 1940er- und 1950er-Jahren arbeiteten in der Saison bis zu 15 000 Menschen in der Heringsindustrie. Dann brachen die Fischbestände zusammen. Heute zeugt nur noch das Heringsmuseum von der goldenen Zeit.

Erst seit den 1960er-Jahren ist Siglufjördur ganzjährig auf dem Landweg durch einen einspurigen Tunnel mit der Außenwelt verbun­den. Im Winter sind die Straßen jedoch häufig nicht passierbar. Eine deutliche Verbesserung bringt der erst kürzlich eröffnete, 12 km lange, zweispurige Tunnel, der Siglufjördur eine dauerhafte Verbindung in die Hauptstadt des Nordens, Akureyri, ermöglicht.

 

Die isolierte Lage von Siglufjördur hat zur Folge, dass alle für das tägliche Leben wich­tigen Einrichtungen vorhanden sind. Trotz der geringen Größe gibt es ein Krankenhaus, eine Einkaufsstraße mit vielen Geschäften, mehrere Restaurants, ein Hallenbad und ein relativ großes kulturelles Angebot. Als Besonderheit gibt es eine inhabergeführte Apotheke. Dazu muss man wissen, dass man diese auf Island fast an einer Hand abzählen kann. Der Großteil isländischer Apotheken gehört nämlich zwei Ketten an.

 

Bis zur Eröffnung des neuen Tunnels musste man fast 100 Kilometer mit dem Auto fahren, um eine andere Apotheke aufzusuchen. Daher besteht die Kundschaft in Siglufjördur zu 95 Prozent aus Stammkunden. Da alle belieferten Verordnungen im Computer gespeichert werden, haben alle Einwohner – mehr oder weniger freiwillig – etwas Ähnliches wie eine Kundenkarte. Doppelverordnungen, schlechte Compliance oder auch Arzneimittelmissbrauch lassen sich so schnell entdecken und bei Handlungsbedarf kann theoretisch gut interveniert werden. Trotz vieler Gemeinsamkeiten zum deutschen Apothekenalltag gibt es mindestens ebenso viele Unterschiede und einige Besonderheiten.

 

Die Krankenkasse

 

Auf Island gibt es eine Krankenversicherung, in die alle Arbeitnehmer ausnahmslos einzahlen. Damit wird die Grundversorgung abgedeckt. Private Zusatzversicherungen sind möglich. Wer auf Island arbeitet, muss 4 Prozent Beitrag bezahlen, unabhängig vom Einkommen, oder davon, ob man im Ausland schon krankenversichert ist.

 

Für alle auf dem Markt befindlichen Arzneimittel erstattet die Kasse einen Fixpreis. Der Kunde zahlt die Differenz zum offiziell festgelegten Verkaufspreis, sofern ihm kein Rabatt gewährt wird. Theoretisch dürfte die Apotheke bis zu 100 Prozent Rabatt auf die Zuzahlung gewähren.

 

Das Rezept

 

Vor einiger Zeit wurde das elektronische Rezept eingeführt. Dieses wird vom Arzt entweder direkt an eine Apotheke gesand, oder in den zentralen Krankenkassenserver eingespeist, von wo es über die ID-Nummer der Kunden aus jeder Apotheke abgerufen werden kann. Dort wird es ausgedruckt und, genau wie die immer noch existierenden Rezepte aus Papier, bearbeitet. Zudem ist bei gesicherter Identität die Telefon- beziehungsweise Fax- Verordnung zulässig.

Ein Unterschied zu Deutschland, der mir sehr gut gefällt, auch wenn es etwas mehr Aufwand bedeutet, ist, dass die Ärzte verpflichtet sind, Angaben zur Dosierung und Anwendung auf das Rezept zu schreiben. Diese Informationen werden geprüft und in für den Patienten verständlicher Sprache formuliert.

 

Jede Arzneimittelpackung, welche die Apotheke verlässt, ist mit einem Etikett mit dem Namen des Patienten und den Einnahmehinweisen versehen. Täglich werden die Rezepte in elektronischer Form an die Kasse übermittelt. Die Orginale werden zweimal im Jahr zu Dokumentationszwecken eingesandt.

 

Datenschutz und Privatsphäre

 

Diese beiden Worte haben auf einer Insel, auf der sich alle mehr oder weniger direkt kennen, beziehungsweise miteinander verwandt sind, wenig Bedeutung. Jeder Berufsstand, der etwas auf sich hält, veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Bücher mit ausführlichen Informationen über seine Mitglieder – angefangen beim Beruf der Eltern, bis zu den Geburtstagen aller Kinder. Diese »sensiblen Daten« würde ohnehin jeder kennen, so die Begründung.

 

Im Gegensatz dazu wird bei der Arzneimittelabgabe sehr diskret vorgegangen. Alles wird in blickdichte Papiertüten verpackt, mit Namen und Adresse des Patienten versehen und zugetackert. Nur selten öffnet jemand sein Päckchen vor Ort. »Sich anstellen« und »Diskretionsabstand« sind auf Island Fremdworte.

 

Apothekenübliche Waren

 

Im Sortiment befinden sich etliche Produkte ohne Gesundheitsbezug. Angefangen von Parfum und Nagellack, über Strumpfhosen und Handtaschen bis hin zu Kuscheltieren, Spielwaren und Kinderbekleidung. Dazu muss man wissen, dass es Drogeriemärkte bestenfalls in der Hauptstadt gibt, die Landbevölkerung jedoch nicht auf das entsprechende Warenangebot verzichten möchte.

 

Im Gegensatz zu dem reichhaltigen Angebot im Nebensortiment wirkte die Sichtwahl auf mich zunächst sehr winzig. Passt doch alles in ein Regal von zwei Meter Höhe und drei Meter Breite. Homöopathie und andere alternative Heilmethoden sind noch nicht sehr lange im Land bekannt und haben bisher keinen Einzug in das Sortiment gehalten. Nachdem ich nun ein halbes Jahr mit diesem kleinen Sortiment zurechtgekommen bin und die Kunden offensichtlich auch, frage ich mich ernsthaft, ob die große Fülle in Deutschland wirklich notwendig ist.

 

Lebertran in allen Varianten

 

Die Einheimischen schwören auf Lebertran und kaum jemand ist nicht davon überzeugt, dass die hohe Lebenserwartung der Isländer diesem heimischen Erzeugnis zuzuschreiben ist. Daher gibt es eine unglaublich große Palette unterschiedlicher Produkte mit Lebertran, zum Beispiel klassischen Dorschlebertran in Flaschen und Hailebertran in Weichgelatinekapseln. Das Ganze selbstverständlich in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen.

 

Auch wenn es durch die Wirtschaftskrise vielen Isländern ökonomisch schlechter geht, Zeit hat jeder noch, oder besser – jetzt erst recht. Das gilt auch für die Arzneimittelversorgung. Bis eine Bestellung vom Großhandel mit der Post kommt, dauert es ein bis zwei Tage. Daher versucht man, das Lager so zu bestücken, dass alle gängigen Medikamente immer vorrätig sind. Da deutlich weniger Arzneimittel zugelassen sind als in Deutschland und es keine Fülle von Generika gibt, ist fast immer alles da. Zudem ist es dem Apotheker gestattet, andere Packungsgrößen als die vom Arzt verordneten abzugeben, sofern in etwa die korrekte Menge abgegeben wird. 100 Tabletten statt 98 Stück oder vier Packungen zu je 28 Stück anstelle einer 100er-Packung sind überhaupt kein Problem.

Ungewöhnlich wäre es in Deutschland, wenn ein Patient mit Rezept die Apotheke betritt und er gefragt würde, ob er warten oder später wieder kommen möchte. Sagt der Kunde nun, er möchte warten, so wird das Rezept im Hinterzimmer in aller Ruhe in den Computer eingegeben und bearbeitet. Jedes Rezept muss von mindestens einem Apotheker abgezeichnet sowie von einer anderen Person gegengelesen werden, bevor die verschlossene Papiertüte dem Kunden ausgehändigt wird. Da es meist 10 bis 15 Minuten dauert, gehen viele Kunden unterdessen im Supermarkt einkaufen und kommen später wieder.

 

Notdienst

 

Um die Versorgung der Bevölkerung in der Nacht oder am Wochenende zu garantieren, gibt es die Notaufnahmen in den Krankenhäusern. Da die Krankenhäuser keine Arzneimittel in größerer Menge abgeben dürfen, unterhalten Apotheken in Krankenhäusern ein Lager, aus dem die Patienten versorgt werden. Ein Notdienst wie in Deutschland wäre auf dem Land nicht praktikabel, da sich die Apotheken 365 Tage im Jahr im Notdienst befinden müssten.

 

Fischtrawler und kleine Kutter

 

Die Zeiten des Heringsabenteuers sind zwar vorbei, doch spielt der Fischfang in Siglufjördur immer noch eine wichtige Rolle. Die Fischtrawler befinden sich oft mehrere Monate auf See. An Bord braucht es gut bestückte Bordapotheken, die in regelmäßigen Zeitabständen überprüft und ergänzt werden müssen. Kutter bringen ihre Bordkiste direkt zur Apotheke, Trawler werden an Bord kontrolliert, wodurch ich die Gelegenheit hatte, mir auch die Schiffe direkt ansehen zu können.

 

Die sechs Monate vergingen schneller als erwartet. Die Arbeit in der Apotheke bot mir die einmalige Gelegenheit, ein anderes Land, seine Kultur und Sprache so intensiv kennenzulernen, wie es als Tourist nie möglich wäre. Nun bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen im Gepäck, die ich nicht missen möchte. Auch wenn der organisatorische Aufwand meines Islandaufenthalts enorm war, kann ich nur jedem empfehlen, das PJ als Chance zu nutzen, um sich andere Länder anzuschauen. / 

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