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Darmbesiedlung

Effekte von Anti- und Probiotika

14.12.2010
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Von Christine Pauli / Mehrere 100 nützliche Bakterienarten lassen sich im Darm des Menschen nachweisen und sind für diesen lebensnotwendig. Ihre Aufgaben sind vielfältig, wie der Abbau von Ballaststoffen und die Unterstützung des Immunsystems. Was passiert, wenn Antibiotika die Darm-Mikrobiota »durcheinanderbringen«?

Antibiotika töten bakterielle Krankheitserreger ab, sie treffen aber auch die im Darm lebenden Bakterien und dezimieren diese stark. Die Keime können dann ihre für den Menschen wichtigen Aufgaben (siehe dazu Darm-Mikrobiota: Partner des Immunsystems, PZ 49/2010) nicht mehr ausreichend erfüllen. Das fein austarierte Ökosystem wird gestört. Welche Auswirkungen Antibiotika auf die Darmbesiedlung haben, zeigt zum Beispiel eine Untersuchung von Les Dethlefsen and David A. Relman von der Stanford University School of Medicine. Sie analysierten die Darm-Mikrobiota von drei Probandinnen vor und nach der Einnahme des Breitbandantibiotikums Ciprofloxacin. Schon nach drei bis vier Tagen unter Antibiotikagabe veränderte sich die Zusammensetzung der Darmflora dramatisch, schreiben die Forscher im Fachjournal »PNAS« (doi: 10.1073/pnas.1000087107). Etwa ein Drittel der Arten verschwand. Eine Woche nach Therapieende stellte sich bei zwei der drei Frauen die ursprüngliche Zusammensetzung der Darmbakterien wieder ein. Eine zweite Antibiotikagabe sechs Monate später hatte stärkere Auswirkungen: Hier stellte sich auch zwei Monate nach Therapieende bei keiner der Frauen der Ausgangszustand wieder ein. Welche funktionellen Auswirkungen diese Veränderungen haben, sei noch unklar, schreiben die Forscher. Mögliche Folgen sind ein Mangel an bestimmten Substraten, die von Darmbakterien hergestellt werden (wie Vitamin K), Verdauungsprobleme oder Infektionen im Darm.

Derzeit sei noch gar noch nicht ab­sehbar, welche Langzeitwirkungen Antibiotika auf die Darmbesiedlung haben, schreiben auch Forscher um Cecilia Jernberg vom Swedish Institute for Infectious Disease Control in einem Review-Artikel der Fachzeitschrift »Microbiology«. Sie hatten mehrere Studien zum Ein­fluss der Antibiotika ausgewertet. Die Darm-Mikrobiota bräuchte nach einer Therapie wesentlich länger als die bislang vermuteten drei Monate, um sich wieder zu »normalisieren«, so die Studienleiterin. Zudem sei bedenklich, dass bereits eine sie­ben­tägige Behandlung mit Anti­bio­tika bei Darmbakterien antibiotika­re­sistente Gene hervorrufen kann. Auch ohne eine erneute Einnahme sei diese Resistenz-Codierung noch nach zwei Jahren nachweisbar.

 

Antibiotikaassoziierte Diarrhö

 

Ein gewissenhafter Umgang mit den Wirkstoffen ist in jedem Fall empfehlenswert. Nicht zuletzt auch, um antibiotikaassoziierte Erkrankungen zu vermeiden. So wie eine antibiotikaassoziierte Diarrhö. Betroffene leiden während der Therapie oder in den Tagen danach unter Durchfall. Die Ursache ist meistens eine Störung der Kolonbesiedlung, wodurch Kohlenhydrate weniger gut abgebaut werden, daher im Darmlumen verbleiben und die Resorption von Wasser aus dem Lumen verhindern. Die Folge sind osmotische Durchfälle. Eine weitere Ursache ist, dass pathogene Keime bessere Überlebenschancen haben, weil sie weniger stark um die Nährstoffe konkurrieren müssen. Und diese wiederum können eine Diarrhö herbeiführen. Keime wie Staphylococcus aureus oder Pilze wie Candida albicans werden als Verursacher vermutet.

 

Wird die Darm-Mikrobiota durch ein Antibiotikum so geschädigt, dass sich das Bakterium Clostridium difficile stark vermehrt, so ist von einer antibiotikaassoziierten Kolitis, oder auch pseudomembranöse Kolitis, die Rede. Die von den Clostridien ausgeschiedenen Toxine verursachen – neben Durchfall und dem damit einhergehenden Flüssigkeitsverlust – Fieber und Bauchschmerzen. Etwa 30 Prozent unserer Antibiotika könnten eine solche Kolitis verursachen, erklärt Professor Dr. Birgit Kallinowski vom Berufsverband der niedergelassenen Gastroenterologen. Clindamycin aus der Gruppe der Lincosamide gilt als einer der Auslöser.

 

Schon länger gibt es Hinweise, dass Probiotika bei der Behandlung einer antibiotikaassoziierten Diarrhö hilfreich sein könnten. Die lebensfähigen Mikroorganismen (siehe Kasten) werden oral aufgenommen, gelangen in den Darm, wo sie sich ansiedeln und einer möglichen Fehlbesiedlung im Darm entgegenwirken sollen. Laktobazillen und die Hefe Sacharomyces boulardii hätten das größte Potenzial, wie Wissenschaftler um Aloysius D´Souza von der Imperial College School of Medicine 2002 im »British Medical Journal« (doi: 10.1136/bmj.324.7350.1361) berichteten, nachdem sie neun Probiotika-Studien ausgewertet hatten. Saccharomyces boulardii, Lactobacillus rhamnosus und Mischprobiotika seien in der Prävention einer antibiotikaassoziierten Diarrhö wirksam.

Probiotika

Probiotika sind lebensfähige Mikroorganismen, meist Milchsäurebakterien der Art Lactobacillus casei oder auch Hefepilze, die sich, oral aufgenommen, im Dünn- und Dickdarm ansiedeln und dort eine gesundheitsfördernde Wirkung entfalten sollen. Auch wenn Probiotika in den vergangenen Jahren einen wahren Boom erlebten, so ist ihre Wirksamkeit bislang nur in Teilen belegt.

 

Kritiker bemängeln, dass bislang nicht ausreichend bewiesen sei, ob und wie Probiotika die Magenpassage überleben und die Darmbesiedlung positiv beeinflussen könnten. Befürworter entgegnen, dass die Mikroorganismen das darmassoziierte Immunsystem stimulieren. Probiotische Milchsäurebakterien würden zudem ein saures Milieu schaffen, das schädliche Bakterien an ihrer Ausbreitung hindert. Probiotika produzieren antibakterielle Stoffe, Bacteriocine, die einer Besiedlung pathogener Keime entgegenwirken könnten. Verabreicht werden sie als Nahrungsergänzungsmittel, diätetische Lebensmittel oder in Form von Arzneimitteln.

Dennoch ist die bisherige Studienlage insgesamt recht dünn. Eine generelle Probiotika-Empfehlung wurde von den Wissenschaftlern meist nicht ausgesprochen. Viel trinken, um dem Flüssigkeitsverlust entgegenzuwirken, lautete bislang der medizinische Rat bei Durchfall. Doch die Dauer der Erkrankung lässt sich so nicht verkürzen. Ein Forscherteam um Stephen Allen von der School of Medicine der Swansea University in Großbritannien durchforstete im Juli 2010 Daten von 63 Untersuchungen zum Thema Diarrhö und Probiotika: Mehr als 8000 Menschen waren an den verschiedenen Untersuchungen beteiligt. Das Ergebnis: Probiotika in Verbindung mit ausreichend Flüssigkeit verkürzten die Krankheitsdauer, im Vergleich zu Placebo, durchschnittlich um einen Tag. Das Risiko, länger als vier Tage an Durchfall zu leiden, sank um 59 Prozent. In keiner der analysierten Studien wurde über nennenswerte Nebenwirkungen berichtet. Probiotika scheinen sicher zu sein, kommentiert Allen. Weitere Untersuchungen seien allerdings notwendig, um zu klären, welche Probiotika für welche Patientengruppen am besten geeignet seien. So sei derzeit noch unklar, ob und inwieweit Probiotika bei immunsupprimierten Patienten einsetzbar sind. / 

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