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Migränetrigger

Mythen und medizinische Evidenz

30.10.2012
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Von Maria Pues, Mannheim / Stress, Schlaf und Stimmungsschwankungen, das Wetter, Kaffee und Düfte – Migränepatienten kennen viele Auslöser für ihre Attacken. Was sagt die Forschung?

Die meisten Migränepatienten meinen »ihre« Auslöser zu kennen. Die Forschung ist sich da weniger sicher – nicht nur, wenn es um die drei »S« der Migränetrigger geht: Stress, Schlaf und Stimmungsschwankungen. Die Studienlage ist insgesamt unbefriedigend. Studien krankten unter anderem daran, dass eine sorgfältige Definition des Triggerbegriffs fehle, erläuterte Privatdozentin Dr. Sigrid Schuh-Hofer, Universitätsmedizin Mannheim, in ihrem Vortrag auf dem Schmerzkongress in Mannheim. Zum Teil würden Trigger, also im engeren Sinne akute Auslöser, nicht von einer Dauerbelastung wie Probleme mit Arbeitskollegen oder von ungesundem Lebensstil abgegrenzt.

Dies ist vor allem bei Studien zum Thema Stress der Fall. Sinnvoll wäre es hier, auf ein biologisches Korrelat für Stress zurückzugreifen, wie den Cortisolspiegel. Bisher gebe es jedoch nur eine Studie hierzu, erläuterte Schuh-Hofer. Diese zeige zwar, dass stress-sensitive Patienten mehr Stress-Ereignisse erlebten und höhere Stress-Scores erreichten – eine Korrelation mit biologischen Stress-Parametern in Form höherer Cortisolspiegel, einer höheren Herzfrequenz oder einer höheren Herzfrequenzvariabilität ließ sich allerdings nicht feststellen. Eine Untersuchung unter der Hypothese, dass im Gegenteil abfallende Cortisolspiegel in der Entspannungsphase einen Migräneanfall triggerten, sei ihren Recherchen nach noch nicht durchgeführt worden, sagte sie. Für diese These spreche, dass Glucocorticoide im Status migraenosus häufig gut wirkten und man daher auch dem körpereigenen Cortisol eine »migräneprotektive Wirkung« unterstellen könne.

 

Wenige Untersuchungen gebe es auch zu der Frage, ob akute Stimmungsschwankungen bei entsprechender genetischer Disposition einen Migräneanfall auslösen könnten, so die Referentin. Immerhin hat hier im Rahmen einer Befragung die Hälfte der Migränepatienten angegeben, dass ein Anfall innerhalb der ersten Stunde nach einem Stimmungsumschwung auftrete, bei weiteren 13 Prozent nach ein bis drei Stunden – was für einen echten Trigger spreche, so Schuh-Hofer. Sicher sei aber nur, dass Patienten mit Komorbiditäten, die mit einer raschen emotionalen Auslenkung wie bei einer Panikerkrankung oder einer majoren Depression einhergehen, eine signifikant höhere Prävalenz für Migräne besitzen.

 

Gestörter Schlaf

 

Schlaf kommt gleich in vier verschiedenen Varianten in Verdacht, Migräneattacken auszulösen: durch zu viel Schlaf, zu wenig Schlaf, Schlafstörungen sowie durch irregulären Schlaf oder Schlaffragmentation wie etwa bei Schichtdienst. In einer Befragung zeigte sich eine hohe Prävalenz für Schlafstörungen bei Betroffenen. Die Patienten berichteten über mangelnde Schlafqualität, Tagesmüdigkeit, Probleme beim Einschlafen sowie über morgendliches Früherwachen. Bis zu 75 Prozent der Befragten gaben an, mit einer Migräneattacke aus dem Schlaf erwacht zu sein oder sie frühmorgens zu erleiden. Anders als beim Clusterkopfschmerz konnte bei Migräne allerdings keine Assoziation der Attacken mit einer bestimmten Schlafphase festgestellt werden. Allenfalls eine Tendenz für einen Zusammenhang mit REM-Phasen und mit dem Slow-wave-sleep konnte in Studien beobachtet werden. Polysomnografische Untersuchungen an Migränepatienten weisen auf eine verminderte REM-Schlaf-Dichte, REM-Schlaf-Dauer und eine erhöhte REM-Latenz hin. Außerdem beobachteten die Forscher einen signifikant erniedrigten Arousel-Index (Anzahl der Weckreaktionen pro Stunde). Bei chronischen Schmerzpatienten ist dieser dagegen erhöht.

Deutlich besser sieht die Studiendichte zum Thema Wetter aus, so Professor Dr. Karl Meßlinger, Universität Erlangen-Nürnberg. Fast für jede Wetterlage gebe es eine Studie aus den letzten 40 Jahren, die einen Zusammenhang zu Migräneattacken herstelle – aber jeweils auch eine, die das Gegenteil beweise. Trotzdem: Interessante Hinweise gibt eine kanadische Studie zu fönartigen Winden namens Chinooks. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es zwei Gruppen von Migränepatienten gibt: Eine Gruppe reagierte empfindlich auf den Chinook-Wind, also den Tiefdruck an sich, die zweite bereits auf den Luftdruckabfall einige Tage vor dem Chinook. Ähnliches zeige auch eine japanische Studie aus dem vergangen Jahr: Danach reagierten 64 Prozent aller Probanden mit Kopfschmerzen auf einen Luftdruckabfall von mindestens 5 hPa; Luftdruck-Sensitive reagierten bereits bei geringeren Druckabfällen.

 

Meßlinger stellte eigene Ergebnisse von tierexperimentellen Studien vor, die die neuronalen Grundlagen dieser Reaktionen klären sollten. In einer Druckkammer wurden Tiere künstlich einem Luftdruckabfall ausgesetzt. Dieser wurde von Neuronen in der Nasennebenhöhle wahrgenommen und an die entsprechenden Hirnregionen gemeldet. Auch helles Sonnenlicht komme als Migränetrigger infrage, erläuterte Meßlinger weiter. So habe man im Auge somatosensorische Neurone entdeckt, die Reize nicht über den Nervus opticus weiterleiten, sondern direkt an den spinalen Trigeminuskern der Dura mater, der bei einem Migräneanfall aktiviert wird.

 

Trigger oder Prodrom?

 

Dr. Lars Neeb, Charité Berlin, sieht ein Problem der Identifizierung von Triggerfaktoren auch darin, dass diese sich zuweilen schwer von den Prodromalsymptomen abgrenzen lassen. Dies zeigt die Untersuchung des Einflusses von Gerüchen auf die Auslösung einer Migräneattacke. 36,5 bis 43,7 Prozent der Migräniker berichteten in Studien einen Zusammenhang zwischen bestimmten Gerüchen und Migräneattacken. Experimentelle Ergebnisse wiederum zeigen, dass Patienten mit einer OHS, einer olfaktorischen Hypersensitivität, auf bestimmte Gerüche mit negativem Stress reagieren. Eine OHS (als Prodrom) kam in einer Untersuchung bei 35,2 Prozent der Migräniker vor, aber bei keinem Teilnehmer aus der Kontrollgruppe. Sie lässt Migränepatienten Gerüche wahrnehmen, die sie üblicherweise nicht registrieren würden und die dann einen Anfall begünstigen können.

Auch Nahrungsmittel nennen 12 bis 58 Prozent der Migränepatienten als mögliche Trigger. Studien dazu gibt es seit fast 100 Jahren. Eine dieser älteren Untersuchungen kommt zu dem Ergebnis, dass eine kohlenhydratarme Diät bei einem Teil der Patienten Besserung bringt. Dieser Gedanke wurde vor wenigen Jahren wieder aufgegriffen. Dabei zeigte sich, dass Migräniker bei einem oralen Glucose-Toleranztest mehr Insulin ausschütteten als Kontrollpersonen oder Patienten mit Spannungskopfschmerzen, sodass auch Insulin eine Triggerfunktion zukommen könnte. Was diesen Effekt verursacht, ist ungeklärt. Mögliche Ansatzpunkte könnten Insulinrezeptoren im Hirnstamm und im Hypothalamus darstellen.

 

Coffein steht bei 6,4 bis 14,5 Prozent der Migräniker auf der Liste der Verdächtigen. Prospektive Studien können diese Zahlen nicht bestätigen. Mehr noch: Nicht Coffein, sondern der Entzug führte in 37 von 48 Studien zu Kopfschmerzen, so Neeb. Knapp über die Hälfte der Patienten entwickelten mindestens leichte Kopfschmerzen, wenn ihnen der Muntermacher vorenthalten wurde.

 

Stark unterschätzt haben Migränepatienten hingegen den Einfluss von Flüssigkeitsmangel auf die Attackenhäufigkeit. In retrospektiven Studien nennen ihn 31 bis 54 Prozent der Migräniker als möglichen Auslöser. In prospektiven Studien löste Flüssigkeitsmangel hingegen bei 91,4 Prozent der Teilnehmer eine Attacke aus, erklärte Neeb. Eine klinische Studie habe darüber hinaus gezeigt, dass Dauer und Intensität der Attacken abnahmen, wenn die Teilnehmer vorbeugend die täglich getrunkene Wassermenge erhöhten.

 

Um ihre individuellen Trigger zu identifizieren, sollten Patienten nicht einfach auf ihre Erinnerung vertrauen, sondern zum Beispiel ein Migränetagebuch führen, das ihnen auch später noch zuverlässige Informationen liefert, raten die Mediziner. Dieses kann wertvolle Hinweise zu der Frage liefern, ob es sich nur um ein zufälliges Zusammentreffen zweier unabhängiger Ereignisse handelt oder ob ein Ereignis das darauf folgende tatsächlich angestoßen haben könnte. /

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