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Ärztemangel

AOK und Ärzte diskutieren Strategien

02.11.2010
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Von Ines Landschek, Berlin / Der drohende Ärztemangel ist Konsens zwischen Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und AOK. Die Krankenkasse allerdings sieht den Mangel nur im ländlichen Raum und spricht von einem Verteilungsproblem. Die Mediziner befürchten dagegen, dass 52 000 Ärzte bis zum Jahr 2020 ausscheiden und ersetzt werden müssen.

Wenn wir nichts unternehmen, wird der Ärztemangel in Deutschland gravierend werden, mit entsprechenden Folgen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung.« Mit diesem Statement eröffnete KBV-Chef Dr. Andreas Köhler die Veranstaltung »KBV kontrovers«, die unter dem Titel »Deutschland: Wo sind deine Ärzte?« in Berlin stattfand.

Der AOK-Aufsichtsratsvorsitzende Fritz Schösser sagte: »Wir brauchen nicht mehr Ärzte«. Es gebe lediglich ein Verteilungsproblem. Zu viele Ärzte würden sich in lukrativen, städtischen Gebieten niederlassen und zu wenige in ländlichen Regionen wie etwa der Eifel, im Westerwald und in Teilen Bayerns. Die zentrale Frage sei daher, wie man eine Praxis auf dem Land für Ärzte attraktiver machen kann.

 

Das sei nicht nur ein Problem des Gesundheitswe­sens. Die individuelle Entscheidung eines Arztes, sich auf dem Land niederzulassen, hätte auch mit dem örtlichen Ambiente, den Verdienstaussichten, der Infrastruktur und beruflichen Perspektiven des Partners zu tun. Schösser appellierte zudem an die Standesvertretung der Ärzte. Die Kassenärztli­chen Vereinigungen müssten ihre Steuerungsfunk­tion über die Kassenzulassungen wahrnehmen.

 

KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller widersprach Schössers Ansicht: Der Ärztemangel sei längst Realität, selbst die Politik habe das erkannt. Hinzu komme, dass es künftig einen erhöhten Bedarf an Ärzten geben werde. »Heute orientiert sich die Medizin an Leitlinien, das erfordert mehr kollegialen Austausch und mehr Dokumentation«, sagte Müller. Zudem gebe es zunehmend neue Fachrichtungen mit einer entsprechenden Besetzung in den Praxen.

 

Müller verwies auch auf eine Umfrage unter Medizinstudierenden, die zeige, dass der medizinische Nachwuchs nicht mehr zu denselben Konditionen wie seine Väter arbeiten will. »Aus der Arztzahlstudie 2010 von KBV und Ärztekammer wissen wir, dass nur noch 60 Prozent aller, die das Studium abschließen, für die Patientenversorgung bereitstehen.« Die anderen gingen etwa in den öffentlichen Gesundheitsdienst, in die Forschung oder ins Ausland.

 

Die Studierenden sehen der Studie zufolge Hemmnisse für eine eigene Niederlassung in den hohen Kosten für eine Praxis, einer ihrer Ansicht nach unangemessenen Honorierung, der Bürokratie und Regressandrohungen. Wenn sie überhaupt ärztlich tätig werden wollen, dann als angestellter Arzt oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum. Selbst wenn die Studienplatzanzahl erhöht würde, wäre das Problem in den unterversorgten Gebieten daher nicht gelöst.

 

Filialpraxen im ländlichen Raum

 

Müller schlug einen Regionalverbund vor, bestehend aus Kassenärztlicher Vereinigung (KV), Landesärztekammer, Landeskrankenhausgesellschaft und zuständiger Landesbehörde. Das Gremium könne die Situation in den Regionen beurteilen und – unter Wahrung des Sicherstellungsauftrags–Vorgaben für die ambulante und stationäre Versorgung vornehmen. In unterversorgten Regionen sollten die KVen dann Filialpraxen einrichten und Ärzte anstellen können.

 

Angedacht sei außerdem, dass an eine besonders qualifizierte nicht ärztliche Mitarbeiterin Leistungen übertragen werden. Diese könnte eine erste Ansprechpartnerin für die Patienten sein oder Hausbesuche übernehmen. »Es geht uns um ein Konzept für eine sektorenübergreifende, kleinräumige Versorgungsplanung. So etwas kann aber nur kassenübergreifend funktionieren«, fasste Müller den Lösungsvorschlag zusammen.

 

Auch an Ungewohntes müsse man ran, sagte KBV-Chef Köhler: »Wenn sich für eine Praxis kein junger Arzt mehr finde, muss die KBV die Möglichkeit erhalten, Praxen aufzukaufen und stillzulegen«, forderte er.

 

Zudem müssten die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf, etwa über die Möglichkeit kürzere Arbeitszeiten, verbessert werden. »Da führt kein Weg dran vorbei«, so Köhler. / 

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