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Gerd Glaeske

Apotheker müssen Stellung beziehen

20.09.2017
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Von Christiane Berg, Hamburg / Professor Gerd Glaeske polarisiert. Die einen betrachten den bekannten Arzneimittel- kritiker als Widersacher der Apotheker, der die Gegebenheiten der Praxis verkennt. Die anderen sehen ihn als bedeutenden Mahner im Pharmasektor, dessen Argumente inspirieren und Gewicht haben. Die PZ sprach mit ihm über evidenzbasierte Pharmazie, Studentenrevolte und die Zukunft des Apothekerberufs.

PZ: Sie wurden 1945 in Stecklenberg geboren. 1968 gingen Sie mit 23 Jahren nach Hamburg, um Pharmazie zu studieren. Was hat Sie erwogen, dieses Fach zu wählen?

Glaeske: Mich hat die Multi- und Interdisziplinarität der Pharmazie fasziniert. Sie deckte einen Großteil meiner Interessen ab und bot zudem eine Vielzahl beruflicher Optionen. Im Laufe des Studiums und der praktischen Tätigkeit in der Apotheke stellte ich fest, dass es die wissenschaftliche Analyse ist, die mir am meisten Freude macht, sodass ich mich letztlich zum Verbleib an der Hochschule und in der Versorgungsforschung entschloss.

 

PZ: Die 68er-Bewegung hat damals für eine Menge Aufruhr gesorgt. Aufbruch, Opposition, Revolution: Die Forderungen der damaligen Studentenbewegung hallen bis heute nach. Sie waren dabei.

 

Glaeske: Und nicht nur das. Die 68er-Bewegung hat mich mehr als alles andere geprägt. Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren: Auch mir ging es wie den Kommilitonen, die sich gemäß dieser Parole engagierten, nicht nur darum, die Schweigemauer des damaligen Establishments nicht zuletzt mit Blick auf den Faschismus zu durchbrechen. Wir wollten die Welt freier, offener und gerechter machen. Politisierung und Opposition gegen alles Festgefahrene, gegen verkrustete Institutionen, gegen bornierte Machtausübung und Betulichkeit waren daher nur konsequent. Provokation, so die Erkenntnis dieser Zeit, muss sein, um diejenigen, die man erreichen möchte, dazu zu zwingen, zu reagieren.

 

PZ: Kommt aus dieser Zeit auch der von Ihnen in der Diskussion mit Apothekern immer wieder laut gewordene Ruf nach Gegenöffentlichkeit?

 

Glaeske: Ja. Der Begriff Gegenöffentlichkeit stammt ursprünglich von Jürgen Habermas, der als Sozialforscher und Philosoph während der 68er-Studentenrevolte eine bedeutende Rolle spielte. Dieser Begriff steht für gesellschaftliche Gegenkräfte, die sich mit der von herrschenden wirtschaftlichen und politischen Institutionen beanspruchten alleinigen Deutungshoheit über Fakten nicht abfinden wollen, deren Behauptungen prüfen und diese –sofern sie nicht stimmen – öffentlichkeitswirksam kritisieren und kommentieren. Die Strategie der Gegenöffentlichkeit schien mir angesichts einer Vielzahl interessengeleiteter Nutzenbehauptungen in der Medizin und geschönter Arzneimittel- und Studiendaten zur Profitmaximierung gerade auf dem Pharmasektor angebracht.

 

PZ: Sie verstehen sich als Pharmazeut und Apotheker. Warum sind Sie nicht in die Berufspolitik gegangen, zumal Sie dort doch der jetzt hoch aktuellen Forderung nach evidenzbasierter Pharmazie schon frühzeitig den Weg hätten ebnen können?

 

Glaeske: Für mich war immer klar, dass ich da tätig sein möchte, wo ich am meisten für den Menschen, also den Patienten und Verbraucher, tun kann. Die Organisationen, die dafür infrage kamen, waren Krankenkassen und Verbraucherorganisationen wie die Stiftung Warentest, da diese entweder über die entsprechenden Arzneimittel-Verordnungsdaten oder aber Erkenntnisse über den Informationsbedarf der Menschen verfügen.

 

PZ: Im Rahmen Ihrer Arbeit haben Sie Einblick in die Köpfe vieler Gesprächs­partner nehmen können. Wie werden die Apotheker von außen gesehen?

 

Glaeske: Sehr unterschiedlich. Was mir stets besonders zu schaffen gemacht hat: In der Politik wird die Apotheke vorrangig als Distributionsort und nicht als Beratungszentrum verstanden. Um hier neue Akzente zu setzen, plädiere ich schon seit Langem für die Einführung innovativer Honorierungsformen mit leistungsgerechten Funktions- und Beratungspauschalen, die die Apotheke zum Referenz- und Exzellenzzentrum für alle Arzneimittelfragen machen.

 

PZ: Was raten Sie den Apothekern zum Erhalt ihrer Zukunftsfähigkeit?

 

Glaeske: Ich muss es noch einmal betonen: Ich halte die Apotheke als Beratungszentrum für immer erklärungsbedürftigere Arzneimittel für unverzichtbar. Hier liegt ihre institutionelle Stärke. Hier muss sie sich aber auch in der Realität profilieren. Gerade deshalb ist es aus meiner Sicht dringend notwendig, dass sie insbesondere im Bereich der Selbstmedikation und OTC-Medikamente klar Stellung bezieht. Die Apotheke kann nicht Imagestärke beanspruchen und gleichzeitig Verteilungsstelle für jeden Unsinn der Pharmafirmen sein. Hier wünsche ich mir mehr Souveränität und Professionalität, mehr Kritikfähigkeit und eigenständige Positionen. Es werden zu viele Produkte fernab jeglicher Begründbarkeit im Markt angeboten. Evidenzbasierte Pharmazie bedeutet, dass Apotheker sich mit Blick gerade auf den OTC-Markt quasi als Filter zwischen der Industrie und dem Patienten etablieren. Ohne Apotheke geht es nicht. Sie muss aber die Arzneimittel-Spreu vom -Weizen trennen, dies gilt auch für Medizinprodukte und Nahrungsergänzungsmittel.

 

PZ: Das Verhältnis vieler Kollegen zu Ihnen gilt als gespalten. Warum hat es mit der Beziehung ausgerechnet zum eigenen Berufsstand nicht geklappt?

 

Glaeske: Ich bin Pharmazeut und fühle mich dem Stand noch immer verbunden. Möglicherweise habe ich viele Kollegen in meinem Bemühen, mehr Aufbruchstimmung herbeizuführen, verschreckt oder überfordert. Ich möchte aber feststellen, dass ich nie nur vordergründig kritisiert, sondern stets auch Lösungskonzepte angeboten habe, was im Übrigen auch ein Erbe der 68er ist. Einige haben mich, das weiß ich, verstanden, und meinen Vorschlägen Sympathie entgegengebracht. Andere haben sich in diesem System letztlich gut eingerichtet und scheuen jedwede Veränderung. Das halte ich politisch für problematisch, denn Stillstand ist nun mal immer auch Rückschritt. Im Übrigen haben sich viele Kollegen schon allein durch meine Produktkritik diskreditiert gefühlt. Da sind Missverständnisse natürlich programmiert.

 

PZ: Die Krankenkassen wollen sich in der nächsten Legislaturperiode dafür einsetzen, den Apothekenmarkt zu deregulieren. Langfristig läuft es auf eine weiter wachsende Kommerzialisierung im Gesundheits- und Apothekenwesen zulasten des Patienten hinaus. Ärzte und Apotheker werden im Kampf gegen die patientenfeindlichen Auswüchse des Kapitalismus allein gelassen. Spätestens jetzt wäre es doch Aufgabe der Politik, zum Wohle der Patienten einzugreifen und die Kassen in ihre Schranken zu weisen.

 

Glaeske: Die Deregulierung des Apothekenmarktes ist nicht grundsätzlich eine Strategie gegen die Patienten. Denken Sie daran, dass im Rahmen des sogenannten Apotheken-Urteils eine der wichtigsten Deregulierungsentscheidungen 1958 zur Niederlassungsfreiheit für Apotheker geführt hat. Auch damals wurde seitens der Standesvertretung angenommen, dass es infolge des Urteils zu einem unethischen und unwürdigen Wettbewerb der Apotheken untereinander kommt. Das hat sich als nicht richtig erwiesen. Fest steht: Unser Gesundheitswesen braucht keinen monetär ausgerichteten Wettbewerb, sondern einen, der sich über Qualität, Effektivität und Effizienz definiert. Das System der Selektivverträge muss gestärkt werden, was wiederum bedeutet, dass sich jede Apotheke im arbeitsteiligen Versorgungssystem gemäß ihrer Fähigkeiten ausrichten und ihre Rolle unverwechselbar definieren muss. Nur durch Deregulierung und somit Differenzierung ist die Einführung neuer Honorierungsformen gemäß Pay-for-Performance umsetzbar. Einheitliche und für alle geltende Verträge werden eine solche Entwicklung nicht zulassen. Tatsache ist, dass Kassen und Apotheker mit Blick auf die Arzneimittelversorgung aufeinander angewiesen sind – und das ist doch nicht die schlechteste Voraussetzung für das Finden sinnvoller ­Lösungsstrategie.

 

PZ: Wenn dies nicht ein steter Kampf David gegen Goliath wäre. Sie sind vor zwei Jahren mit 70 aus dem universitären Alltag in der Uni Bremen ausgeschieden, aber im Rahmen einer Professur nach wie vor im Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik tätig. Wie lautet Ihr Resümee 50 Jahre nach den 68ern?

 

Glaeske: Es gibt aufgrund vielerlei ­gesellschaftspolitischer und auch technischer Entwicklungen erneut zu viel Macht, die keine wirkliche Legitimation besitzt und die der Gesellschaft ihre Interessen aufzwingen will – das reicht von Banken über die Energie- und Datenwirtschaft bis hin zu Großkonzernen, auch in der Gesundheitswirtschaft. Meine Aufgabenstellung ist es, zur Gewährleistung von Qualität sowie von Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen beizutragen. Das sind die Themen, für die ich nach wie vor brenne. Die Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit in der Medizin hängt heute immer mehr vom sozialen Status und der Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen ab. Das kann nicht sein. Als Anwälte der Patienten müssen wir Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden und diese lautstark artikulieren. Es geht weiter darum, politisch Haltung zu zeigen und Stellung zu beziehen. /

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