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Erfahrungsbericht

Der Weg zur Promotion

Apothekerin Antonella Cellini begann direkt nach ihrem Studium das, wovon viele träumen: eine Promotion. Im Interview schildert sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen und ermutigt Apotheker, sich nicht zu verstecken. Leidenschaft, Biss und das richtige Thema sind das A und O!
Anna Carolin Antropov
11.03.2021  18:00 Uhr

PZ: Frau Cellini, wie ging es nach Ihrem Studium weiter?

Cellini: Nach dem 3. Staatsexamen war ich zunächst unschlüssig. Da entschied ich: Wenn ich promoviere, dann nur in einem Bereich, der mich wirklich interessiert – und nicht halbherzig! Mir war ein greifbares Thema wichtig, sodass ich unzählige Stellenanzeigen auf Jobportalen durchforstete. Nach einigen Bewerbungen habe ich schließlich eine Promotionsstelle am Deutsche Zentrum für Herzinsuffizienz bekommen.

PZ: Was hat sie an dieser Stelle überzeugt?

Cellini: Für mich zählte hauptsächlich das Thema. Hätte mir das nicht zu 100 Prozent zugesagt, wollte ich nicht vier Jahre in Forschungsarbeit investieren. In der Stelle lobten sie aus, dass sie Na+/K+-ATPasen genauer erforschen wollen. Eine bestimmte Isoform wirkt protektiv auf die Entstehung einer Herzinsuffizienz. Als Pharmazeut dachte ich direkt an das Target für Digitalisglykoside und konnte mir nicht nur etwas darunter vorstellen, sondern auch erahnen, in welche Richtung es gehen könnte. Literatur wälzen, Vorträge, Kongresse, Experimente und schließlich Dissertation mit Verteidigung ziehen sich nur zäh ohne wirkliches Interesse.

PZ: Ist der gängige Weg zu promovieren nicht normalerweise an der Universität?

Cellini: Ja, der klassische Weg vielleicht. Aber in Kliniken gibt es ebenfalls zahlreiche Forschungsgruppen. Dort gefällt mir persönlich besser, dass wir keine Praktika betreuen und nur forschen. Natürlich beteiligen wir uns auch an Events des Zentrums oder beaufsichtigen gelegentlich medizinische Doktoranden oder Praktikanten. Doch ich mache keine klassische Lehre.

PZ: Wie sieht Ihr typischer Alltag aus?

Cellini: Für gewöhnlich organisierte ich eine Woche im Voraus. Dann führte ich die entsprechenden Versuche durch, wertete sie aus und bestellte unter Umständen benötigte Labormaterialien. Tierexperimentelle Arbeiten erfordern generell eine längere Vorausplanung. Der Endpunkt mancher Untersuchung war beispielsweise erst nach acht Wochen. In dieser Zeit kümmerte ich mich selbstverständlich auch um die Tiere.

Über den aktuellen Stand berichteten wir einmal pro Woche in unserem gruppeninternen Labor-Meeting. Insgesamt schätze ich sehr, dass ich stets eigene Ideen einbringen und umsetzen durfte.

PZ: Wie erging es Ihnen mit Tierversuchen?

Cellini: Ich wusste von Anfang an, dass sie dazugehören. Natürlich habe ich gesagt, dass das kein Problem sein wird – aber innerlich dachte ich: Oh je, das wird sich zeigen! Aber keine Angst. Man gewöhnt sich daran. Tierversuche sind in Deutschland sehr streng geregelt, sodass niemand einem Versuchstier ohne bestimmten Weiterbildungsschein (FELASA B) zu nahe kommt. Der einwöchige Kurs vermittelte morgens Theorie und nachmittags Praxis am Tier. Dort lernte ich, wie ich mit ihnen umgehe und sie beispielsweise vorsichtig fixiere. Es ist sehr wichtig, die Tiere gut zu behandeln und sie nicht unnötig zu stressen.

PZ: Promotionsprogramm, Graduiertenschule, Dr. rer. nat., Ph.D. ... können Sie kurz Licht ins Dunkle bringen?

Cellini: Die Graduiertenschule ist eine zentrale Einrichtung der Universität Würzburg und finanziert unter anderem Doktorandenstellen beispielsweise mit Mitteln der Exzellenzinitiative und Stipendien. Doktoranden sind als Studenten immatrikuliert und wählen dort zwischen Dr. rer. nat.- oder Ph.D.-Programm aus. Ph.D. ist übrigens keine englische Übersetzung für den »Doktor«, sondern ein eigenständiger Titel. Bei beiden ist ein bestimmtes Curriculum zu absolvieren. Es schreibt neben der Erstautorenschaft eine genaue Anzahl an Kongressbeiträgen, Retreats oder Workshops vor. Das Ph.D.-Programm unterscheidet sich bei uns durch ein zusätzliches Pflicht-Modul, das aber allen Interessierten offensteht. Manche dieser Kurse zielen eher auf die Industrie ab, andere zeigen zum Beispiel Techniken, um wissenschaftliche Aufnahmen richtig oder möglichst effizient auszuwerten.

PZ: Wie kamen Sie insbesondere zu Beginn mit dem wissenschaftlichen Arbeiten zurecht?

Cellini: Zu Beginn meiner Arbeit habe ich mich zunächst in mein Thema eingelesen. Anschließend wurden mir die Techniken und Labormethoden gezeigt, die ich noch nicht beherrscht habe. Und auch hier gilt: Keine Angst, man kann sie alle lernen. Na klar genießen Biologen Vorteile, weil sie unzählige Methoden bereits aus Studium, Bachelor- und Masterarbeit kennen. Aber das Grundverständnis, also wie man sauber und wissenschaftlich arbeitet, das nehmen wir Apotheker mit. Wir müssen uns wirklich nicht verstecken. Mir persönlich half das Wissen aus meinem Studium über die Physiologie, Therapie und Signalwege des Herzens sehr. Auch bei neuen Forschungsansätzen konnte ich so häufig auf einer bekannten Grundidee aufbauen.

PZ: Fiel Ihnen das Schreiben schwer?

Cellini: Erstaunlicherweise ging das relativ gut. Eine Doktorarbeit besteht aus einer Einleitung, Methodenteil, Ergebnisteil und Diskussion. Den Ergebnisteil schrieb ich beispielsweise sehr leicht runter. Schließlich kenne ich meine Daten und habe sie schon mehrere Male auf Kongressen präsentiert. Wer clever ist, schreibt den Methodenteil sogar parallel zu den Experimenten. Aber das wusste ich damals nicht (Cellini lacht).

PZ: Welche Eigenschaften sollten Doktoranden mitbringen?

Cellini: Auf jeden Fall eine hohe Frustrationstoleranz, Ausdauer und Geduld. Manch ein Experiment musste ich x-mal durchführen und immer wieder kleine Parameter ändern, ehe es funktionierte. Ich habe zum Beispiel oft mit Zellen gearbeitet und dafür Herzmuskelzellen isoliert. Manchmal verstand ich nicht, wo das Problem lag, aber es klappte einfach nicht. Dann beginnt man von vorne und sucht, woran es hapert. Doch häufig gibt es keine eindeutige Erklärung.

PZ: Hand auf’s Herz: Wollten Sie mal alles hinschmeißen?

Cellini: Ein »nein« wäre gelogen. Ich kenne keinen Doktoranden, der sich nicht irgendwann fragt: »Was mache ich hier eigentlich?« Doch das gehört dazu und es wäre utopisch zu glauben, dass jedes Experiment auf Anhieb gelingt oder alles planmäßig verläuft. Stattdessen steckt sehr viel Arbeit in der Promotion und sie fraß zumindest bei mir einiges an Freizeit. Sie ist kein Zuckerschlecken! Aber mir hat es wahnsinnigen Spaß bereitet ,Ergebnisse zu sehen. Außerdem konnte ich Kollegen stets um Rat fragen und sie halfen mir, wenn ich unsicher über die nächsten Schritte war.

PZ: Was war das Wichtigste, das Sie lernen durften?

Cellini: Auf jeden Fall, dass ich nicht aufgeben darf! Ich habe gelernt, selbst ein Projekt vorwärtszubringen, es zu managen und immer wieder neue Ideen einzubringen. Und auch interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Ich hatte das große Glück, in einem Team aus Ärzten, Physikern und Biomedizinern zu arbeiten. Jeder hat eine völlig unterschiedliche Sicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Aspekt so spannend finde.

PZ: Wie sieht eigentlich die finanzielle Lage als Doktorand aus?

Cellini: Die ist transparent einsehbar, da wir nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) bezahlt werden. Ich hatte eine 65-Prozent-Stelle in E-13, es gibt allerdings auch 50-Prozent-Stellen. Das ist zwar kein riesen Einkommen, aber im Vergleich zum Studium eine Steigerung. Außerdem können wir Apotheker nebenbei gut jobben, um das Gehalt aufzustocken. Ich stand samstags in der Offizin.

PZ: Also Vollzeit-Arbeit in der Forschung für nur 65 Prozent Gehalt?

Cellini (lacht): Ich habe wohl stets ein bisschen mehr als Vollzeit gearbeitet. Manchmal gab es Tage, an denen ich von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts im Labor stand und an meinen Versuchen gearbeitet habe. Aber wenn man für sein Forschungsthema brennt, ist man gerne bereit, mehr Zeit zu investieren.

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