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Schlafstörungen

Frauen schlafen anders

10.09.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi, München / Etwa 40 Prozent der Deutschen schlafen schlecht, vor allem Frauen. Stress spielt hier eine Rolle, aber auch die Hormone. Wie es zu den Geschlechterunterschieden kommt, berichteten Experten auf einer Presseveranstaltung der Firma Heel in München.

»Zum Thema Schlaf gibt es viele falsche Vorstellungen«, sagte Professor Dr. Jürgen Zulley von der Universität Regensburg. Eine davon sei, dass Schlaf ein Ruhezustand sei, mit dem man möglichst wenig Zeit vergeuden solle. »Diese Geringschätzung ist nicht gerechtfertigt«, so Zulley. »Schlaf ist ein hochkomplexer Prozess und kein Ruhezustand.« Wie aktiv das Gehirn im Schlaf sei, könne man zum Beispiel an den ständigen Augenbewegungen erkennen. So setze das Gehirn im Schlaf etwa genauso viel Energie um wie im Wachzustand.

 

Dabei folgt der Schlaf bestimmten Mustern mit unterschiedlichen Phasen. Nach dem Einschlafen fällt man relativ schnell in den Tiefschlaf, der aber nur kurz anhält und sich dann im Laufe der Nacht mit Phasen von REM-Schlaf abwechselt. »Tiefschlaf ist der wichtigste Teil des Schlafs«, sagte Zulley. Provokant formuliert schlafe man eigentlich nur, um die Tiefschlafphase zu erreichen.

 

Bei dieser Bedeutung ist schwierig zu verstehen, warum nur so kurze Tiefschlafphasen ausschließlich in der ersten Nachthälfte eingebaut sind. »Der Grund ist, dass man in der Tiefschlafphase quasi nicht weckbar ist«, erklärte der Psychologe. Zu lange Phasen dieses Zustands seien aber zu Zeiten, als Menschen noch Fressfeinde hatten, gefährlich gewesen.

 

»Es ist biologisch angelegt, dass wir im Lauf der Nacht ständig wach werden«, sagte der Schlafforscher. An die 28 Mal wache man im Schnitt pro Nacht auf – vor allem in der zweiten Nachthälfte. In der Regel schlafe man sofort wieder ein und vergesse, dass man überhaupt wach gewesen ist. Die Grenze liege hier bei drei Minuten. »Wer länger wach ist, kann sich am nächsten Tag noch daran erinnern.«

 

Sich schön schlafen

 

Der Schlaf erfüllt wichtige Aufgaben für die psychische und physiologische Regeneration des Menschen. Für die Erholung ist dabei die Qualität, also der Tiefschlafanteil, entscheidender als die Schlafdauer. Nur im Tiefschlaf wird ein Wachstumshormon ausgeschüttet, das die Zellerneuerung anregt. »Dieses ist für die Haut, das Haarwachstum, die Wundheilung, Muskelkraft und das Knochenwachstum von Bedeutung«, so Zulley. Fehlt über längere Zeit der Tiefschlaf, werde die Haut dünner und Falten tiefer. Außerdem steigt über andere Mechanismen das Risiko für Übergewicht. »Der Begriff Schönheitsschlaf ist zwar nicht wissenschaftlich, aber zutreffend.«

 

Da sich das Immunsystem nur im Tiefschlaf regenerieren kann, ist ein erholsamer Schlaf auch für die Gesundheit bedeutend. Durch Schlafmangel wird der Mensch infektanfälliger. Außerdem ist der Schlaf auch für die Psyche essenziell, denn im Schlaf wird alles Erlebte des Tages aufgearbeitet, und neue Informationen werden gefestigt und gespeichert.

 

Auf Dauer kann Schlafmangel zum Beispiel infolge von Schlafstörungen zu ernsten Erkrankungen führen. So erhöht sich das Risiko für Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Welche Schlafdauer angemessen ist, sei individuell unterschiedlich. Der Durchschnittsdeutsche schläft 7 Stunden und 14 Minuten pro Nacht, aber alles zwischen fünf und neun Stunden ist normal.

 

Der Schlaf der Frau

Frauen bräuchten insgesamt etwas mehr Schlaf als Männer, wobei der Grund hierfür unbekannt sei, erklärte der Experte. Es gebe geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So gingen Frauen tendenziell früher schlafen, bräuchten aber länger zum Einschlafen als Männer. Sie schlafen leichter und wachen zudem häufiger auf als Männer. Insgesamt haben Frauen eine schlechtere subjektive Schlafqualität. Auch beim Träumen gibt es Unterschiede, die fast schon klischeehaft anmuten: Während Frauen häufiger von Personen und Kleidung träumen, beschäftigen sich Männer im Traum häufiger mit Arbeit, Sexualität und körperlicher Aggression.

 

Frauen sind auch deutlich häufiger von Schlafstörungen betroffen als Männer, berichtete der Schlafforscher. Dabei spielen zwei Faktoren eine wichtige Rolle: Hormone und Stress. Für den eher unruhigen Schlaf vor der Menstruation sei das Absinken des Progesteronspiegels verantwortlich. Das Hormon wird vermehrt in der zweiten Zyklushälfte ausgeschüttet, um eine mögliche Schwangerschaft zu schützen, und hat auch einen schlaffördernden Effekt. Sinken die Progesteronspiegel, um die Menstruation einzuleiten, lässt die schlafunterstützende Wirkung merklich nach.

 

Hormonelle Änderungen sind auch in der Schwangerschaft zu verzeichnen: Während im ersten Drittel das Schlafbedürfnis erhöht ist, kommt es im zweiten und dritten Trimenon vermehrt zu Ein- oder Durchschlafstörungen. Von anderer Art sind die Schlafprobleme, die Kleinkinder ihren Müttern bereiten. Diese könnten aber auch in chronische Schlafstörungen münden, so der Experte. Schlafstörungen, die in den Wechseljahren beginnen, sind indirekt hormonell bedingt, und haben ihre Ursache in Hitzewallungen.

 

Die einzige Schlafstörung, die bei Männern häufiger auftritt, ist die REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Normalerweise ist im REM-Schlaf ein Teil der Muskulatur gelähmt. »Das ist ein Trick der Natur, damit wir unsere Träume nicht ausleben«, sagte Zulley. Sonst würde man im Traum weglaufen, kämpfen oder Ähnliches. Bei einigen Menschen funktioniert diese Lähmung nicht. Die Betroffenen träumen lebhaft und sind auch körperlich im REM-Schlaf sehr aktiv, was mitunter zu blauen Augen des Partners führen kann.

 

Hilfe bei Schlafstörungen

 

Über Probleme mit dem Schlaf klagen in Deutschland etwa 35 Millionen Menschen, fast jeder Dritte davon hat eine behandlungsbedürftige Störung. Am häufigsten treten Insomnien auf, also Ein- und Durchschlafstörungen mit verschiedenen Ursachen. Dabei sind Frauen in allen Altersgruppen häufiger betroffen als Männer, betonte auch Dr. Rainer Hübner, Allgemeinmediziner aus Landau. In seiner Hausarztpraxis sind von 100 Patienten mit Schlafstörungen 64 Frauen.

 

Das liegt aber nur zu einem geringen Teil an den Hormonen. Ein wichtigerer Faktor sei Stress, so Hübner, der sich bei Frauen zum einen durch die Doppelbelastung durch Familie und Beruf, aber auch durch das hohe Anspruchsdenken an sich selbst erkläre. Zum Teil sei die Differenz aber auch darauf zurückzuführen, dass Frauen eher über Schlafprobleme sprechen als Männer.

 

Wichtig sei es, die Ursache der Schlafstörung zu identifizieren. Bei zugrunde liegenden Erkrankungen kann es helfen, die Grunderkrankung zu behandeln. Ein ganz wichtiger Faktor hierbei sei auch Schmerz, der Schlafprobleme verursacht, die wiederum die Schmerzempfindlichkeit steigern. »Wird der Schmerz gut behandelt, schlafen die Patienten wieder besser und der Teufelskreis wird durchbrochen«, sagte Hübner.

 

Ein häufig übersehener Auslöser von Ein- und Durchschlafstörungen ist Eisenmangel. Es lohne sich daher immer, einen Bluttest zu machen und den Hb-Wert zu bestimmen. »In der Praxis ist das sehr eindrucksvoll«, berichtete der Allgemeinmediziner. »Wenn der Eisenmangel behoben ist, sind auch die Schlafstörungen weg.«

 

Manchmal kann allein schon eine bessere Schlafhygiene eine Schlafstörung beheben. Hierzu gehört unter anderem, das Schlafzimmer ausreichend zu lüften und nicht zu hoch zu temperieren. Kaffee, Alkohol und spätes schweres Essen sollten vermieden werden. »Außerdem ist es wichtig, den Tag loszulassen«, sagte Hübner. Hilfreich seien zum Beispiel Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen sowie feste Rituale beim Zubettgehen. In schwierigeren Fällen kann auch eine Psychotherapie begonnen werden. Die meisten Schlafmittel seien dagegen wegen ihres Abhängigkeitspotenzials kritisch zu sehen. Allerdings könne man mit pflanzlichen Präparaten arbeiten. /

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