Pharmazeutische Zeitung online
Albträume

Horrorfilm im Kopfkino

09.12.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Ulrike Abel-Wanek / Wer mehr als einmal wöchentlich von Albträumen geplagt wird, sollte etwas dagegen tun. Rund 5 Prozent der Bevölkerung hat nachts regelmäßig furchterregende Bilder im Kopf. Die bewusste Auseinandersetzung mit belastenden Träumen ist eine einfache, aber wirksame Therapie.

»Ich laufe auf dem Dach des Hochhauses. Auf einmal bin ich ausgerutscht und einen Meter vor dem Boden aufgewacht.« Träume vom Fallen wie dieser gehören zu den häufigsten Albtraumthemen bei Erwachsenen – gefolgt von Themen wie Verfolgung, Gelähmtsein, Zuspätkommen bei wichtigen Terminen oder dem Tod geliebter Menschen. Allen gemeinsam sind Gefühle der Angst, aber auch von Ekel, Scham oder Trauer.

Schon die altgermanischen Mythen kannten die sogenannten Alben, kleine, bösartige Elfen, die auf der Brust von Schlafenden hockten und für schlechte Träume sorgten. Auch nach mittelalterlicher Vorstellung wurden hässliche Fabelwesen, die auf der Brust des Träumers saßen und die Atmung behinderten, für einen beklemmenden »Albdruck« verantwortlich gemacht. Der Maler Johann Heinrich Füssli hielt den »Nachtmahr« in verschiedenen Versionen seines gleichnamigen berühmten Gemäldes eindrucksvoll fest.

 

Albträume treten fast ausschließlich im REM-Schlaf auf, den Nathaniel Kleitmann und Eugene Aserinsky 1951 entdeckten. Neben Zeiten des ruhigen Tiefschlafs fanden die Forscher aus Chicago im Verlauf einer Nacht bei Schlafenden auch vier bis sechs scharf abgegrenzte Schlafphasen mit schnellen Augenbewegungen (REM: Rapid-Eye-Movement) unter geschlossenen Lidern, jeweils etwa zehn bis fünfzig Minuten lang. Für die dazwischen liegenden Phasen, in denen die Augenlider des Schläfers ruhig blieben, bürgerte sich der Ausdruck Nicht-REM-Schlaf oder NREM-Schlaf ein. Weckt man Menschen in der REM-Phase, berichten sie häufig von besonders bildhaften, emotionalen Träumen, während das Traumerleben in der NREM-Phase weniger bizarr zu sein scheint und eher Gedanken als Bildern gleicht. Aber die Grenzen sind fließend, eine eindeutige Zuordnung von Schlafphasen und Traumtyp gibt es nicht.

 

Schlaflos durch die Nacht

 

Albträume beinhalten starke negative Gefühle und führen immer zum Erwachen. Darin unterscheiden sie sich von den sogenannten Angst- oder schlechten Träumen, von denen man nicht erwacht. Meistens kommt der Alb in der zweiten Nachthälfte, da hier mehr und intensivere REM-Phasen auftreten. Abzugrenzen sind Albträume auch vom Pavor Nocturnus. Dieses nächtliche angsterfüllte Aufschrecken – häufig mit einem lauten Schrei – ist an den Tiefschlaf gekoppelt und tritt meist schon eine Stunde nach dem Einschlafen auf. Besonders häufig leiden Kinder unter Pavor Nocturnus. Während man sich an die eindrucksvollen Bilder und Erlebnisse seiner Albträume in der Regel gut erinnert, ist die Erinnerung an das plötzliche Aufschrecken selten. Manche Schlafforscher bezeichnen den Pavor Nocturnus als Aufwachstörung des Gehirns, eine Art Zwischenzustand zwischen Wachsein und Schlaf. Betroffene sind meist nicht orientiert oder ansprechbar. Zudem neigen sie zum Schlafwandeln (siehe Seite 44).

 

Als weitere Form des nächtlichen, mit Angst verbundenen Erwachens gilt der posttraumatische Albtraum – häufig als Folge einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Er kann im Tief- und REM-Schlaf auftreten. Posttraumatische Alb- oder Wiederholungsträume sind häufig das Kernsymptom eines Traumas, mit denen manche Menschen auf überwältigende Lebensereignisse wie Unfälle, Naturkatastrophen, sexuellen Missbrauch oder Krieg reagieren.

 

Dünne Grenzen

 

Studien zeigen, dass bestimmte Personen anfälliger für belastende Träume sind als andere. Auch Geschlechtsunterschiede gibt es: Frauen berichten häufiger von Albträumen als Männer. Grundsätzlich gehe man von einem Veranlagungs-Stress-Modell aus, so der Mannheimer Professor Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter Schlafforschung des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim.Zwillingsstudien hätten gezeigt, dass genetische Faktoren bei der Entstehung von Albträumen eine wichtige Rolle spielen. Aber auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. So haben dünnhäutige Menschen, die sich schlecht gegen Stress abgrenzen können, häufiger Albträume als solche mit »dickem Fell«. Das aktuelle Stressniveau und der subjektiv empfundene Stress hätten neueren Studien zufolge großen Einfluss, so Schredl. Ebenso wie traumatische Erlebnisse, die die Verarbeitungskapazität betroffener Menschen übersteigen.

 

Leiden ohne Diagnose

 

Albträume sind vor allem dann belastend, wenn sie öfter auftreten. Als Faustformel gilt: Wer einmal pro Woche oder häufiger betroffen ist, sollte das Problem aktiv angehen, so Schredl. Bisher käme es jedoch nur selten zu einer Diagnose beziehungsweise Therapie durch Experten wie Schlafmediziner oder Verhaltenstherapeuten.

 

Patienten, die ein Schlaflabor aufsuchen, kommen wegen Einschlaf- und Durchschlafstörungen, Restless-Legs oder Atemregulationsstörungen. Die Wenigsten kommen wegen Albträumen. Im Rahmen einer Multi-Center-Studie der AG Traum der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) mit 4001 Patienten aus neun Schlaflaboren berichteten aber 13 Prozent der Patienten, mindestens einmal pro Woche von Albträumen betroffen zu sein. In einer Nachfolgestudie von Schredl und seiner Arbeitsgruppe mit 1125 Patienten zeigten sich 20 Prozent der Befragten darüber hinaus sehr interessiert an einem Beratungsgespräch mit einem Experten zu Ursachen und Therapie von Albträumen. Gleichzeitig kritisierten sie hier ein Versorgungsdefizit. Statt mit Ärzten oder Therapeuten, sprechen Albtraumgeplagte meistens mit Partnern oder Freunden über ihre nächtlichen Dämonen oder suchen nach Informationen in der Fachliteratur. »Ich versuche, die Albträume möglichst schnell zu vergessen« ist Studien zufolge eine weitere, weitverbreitete Strategie, mit belastenden Träumen fertig zu werden.

 

Doch nicht das Vergessen oder die Verdrängung, sondern die Konfrontation mit der Angst verspricht Hilfe. »Albträume sind ein Angstphänomen, und für die Therapie von Ängsten beziehungsweise Angststörungen liegen viele Erfahrungen vor«, sagt Schredl. Für die Behandlung von Albträumen wies die in mehreren kontrollierten Studien geprüfte »Imagery Rehearsal Therapy« die besten Effekte auf. Das Prinzip ist einfach: In Schritt eins, der Konfrontation, wird der Albtraum durch Aufschreiben oder Zeichnen in der Vorstellung erneut durchlebt, im zweiten Schritt geht es um die Entwicklung neuer Bewältigungsstrate­gien. Der Traum wird bewusst so umgestaltet, dass er weniger angst­einflößend ist: Man fliegt beispielsweise einfach weg, bevor der Löwe einen frisst. Die Lösungen dürfen dabei genauso fantasievoll sein wie der Traum selbst.

 

Schritt drei umfasst das tägliche Üben der Bewältigungsstrategien über zwei Wochen, damit sich die neue Denkweise verfestigt und in die nachfolgenden Träume integriert wird. Auch wenn die Themen der – häufig seltener werdenden – Träume bleiben: Der bedrohliche Charakter der Bilder verschwindet und die Träume sind weniger belastend.

 

»Albträume sind ein häufig vorkommendes, aber therapeutisch unterversorgtes Gebiet«, ist Schredl überzeugt. Diese Lücken müssten geschlossen werden. Sein Institut biete seit Kurzem eine Albtraumsprechstunde an. Sie stehe allen offen, die mit Albträumen Probleme haben. /

 

 

Quellen und Informationen:

 

Mehr von Avoxa