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Pro-Kopf-Verbrauch von Schmerzmitteln

08.09.2008
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Pro-Kopf-Verbrauch von Schmerzmitteln

Eine Erhebung in neun Ländern über 20 Jahre (1985 bis 2005)

Von Hans-Christoph Diener1, Roland Schneider2 und Bernhard Aicher2

 

Verlässliche Daten zum Verbrauch von Analgetika über lange Zeiträume und über verschiedene Länder liegen bislang nur für die Zeiträume 1970 bis 1986 und 1970 bis 1995 vor. Mit der vorliegenden Untersuchung soll diese Lücke geschlossen werden und für weitergehende Untersuchungen wie epidemiologische Studien beziehungsweise Studien zum Verwendungsverhalten von OTC-Analgetika eine solide Datenbasis gelegt werden.

 

1) Chefarzt der Universitätsklinik für Neurologie und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum Essen, Universitätsklinikum Duisburg-Essen, Essen, 2) Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, Ingelheim.

 

Die Lebenszeitprävalenz für akute Schmerzen, darunter besonders Kopfschmerzen, dürfte bei nahezu 100 Prozent liegen, das heißt, fast jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens in irgendeiner Form (Kopf-) Schmerzen erleiden und in vielen Fällen mit Analgetika behandeln. Die schmerzlindernde Therapie ist im Wesentlichen symptomgeleitet und bedarf bei »banalen« akuten Schmerzen, wie episodischen Spannungskopfschmerzen oder der einfachen Migräne mit und ohne Aura normalerweise keiner ärztlichen Intervention. Dies erklärt, warum Schmerzmittel zu den am häufigsten angewandten Arzneimitteln in der Selbstmedikation gehören. So standen die Schmerzmittel im Jahr 2005 mit 479 Millionen Euro (Endverbraucherpreise) an dritter Stelle der umsatzstärksten Indikationsbereiche der Selbstmedikation in Apotheken, Drogerie- und Verbrauchermärkten (1). Obwohl gerade das gute Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil eines Arzneimittels eine maßgebliche Voraussetzung für seine Entlassung aus der ärztlichen Verschreibungspflicht darstellt (2, 3), können auch bei Medikamenten, die aus der Rezeptpflicht entlassen wurden, unerwünschte Arzneimittelwirkungen nicht völlig ausgeschlossen werden. Da die meisten unerwünschten Arzneimittelwirkungen dosiskorreliert sind, steht der Verbrauch von Medikamenten, und in der Selbstmedikation besonders der von Schmerzmitteln, häufig im Blickfeld des öffentlichen Interesses. Verlässliche Daten zum Verbrauch von Analgetika über lange Zeiträume und über verschiedene Länder liegen bislang nur für die Zeiträume 1970 bis 1986 (4) und 1970 bis 1995 (5) vor. Mit der vorliegenden Untersuchung soll diese Lücke geschlossen werden und für weitergehende Untersuchungen wie epidemiologische Studien beziehungsweise Studien zum Verwendungsverhalten von OTC-Analgetika eine solide Datenbasis gelegt werden.

PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissenschaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

Methodik

 

Datenbasis waren die Apothekeneinkäufe, die den Absatz der Großhändler in die Apotheken mittels einer Vollerhebung erfassten, sowie die Direkteinkäufe der Apotheken bei den pharmazeutischen Unternehmen, die mittels einer Apothekenstichprobe (n = 1000) erfasst wurden (Erhebung durch das Institut für medizinische Statistik, IMS, Frankfurt). Die so erfassten »Verbrauchsdaten« repräsentieren die zum Verkauf in den Apotheken zur Verfügung stehenden Mengen. Sie stellen somit die obere Grenze der eingenommenen Menge an Schmerzmitteln dar, da die tatsächliche Verwendung geringer sein dürfte. Gründe hierfür könnten zum Beispiel das Überschreiten des Verfalldatums der in Haus- und Reiseapotheken vorgehaltenen Schmerzmittel sein, die ohne oder bei unvollständigem Verbrauch trotzdem regelmäßig ersetzt werden.

 

Für folgende Länder sind seit 1986 Daten verfügbar: Deutschland, Schweiz, Österreich, Belgien, Kanada, Australien, Frankreich, Schweden und USA. Für USA lagen uns für das Jahr 1995 keine Daten vor. Die Analyse erfolgt mit Ausnahme des ersten Messpunktes in 1986 in 5-Jahres-Abständen.

 

Zunächst erfolgt ein Vergleich der verschiedenen Länder über den Zeitraum von 1986 bis 2005. Anschließend wird als Beispiel die Situation in Deutschland seit 1980 analysiert und zwar in Form eines Vergleichs zwischen »Deutschland-West« und »Deutschland-Gesamt« und zwischen rezeptpflichtigen und rezeptfreien Analgetika. Zeittrends werden nur für Deutschland West vorgenommen, da für die neuen Bundesländer keine Langzeitdaten vorliegen.

 

Es wurden nur Analgetika des ATC-Code »N2B« (»allgemeine Schmerzmittel«) erfasst; Analgetika der Bereiche Betäubungsmittel (»N2A«), Migränemittel (»N2C«) und Spasmoanalgetika (»A3D«) wurden nicht berücksichtigt. Die Analgetika der N2B-Gruppe umfassen sowohl rezeptpflichtige als auch rezeptfreie Analgetika. Mittels internationaler Arzneimittelverzeichnisse (zum Beispiel »Rote Liste« für Deutschland, »Physician´s Desk Reference« für die USA) wurde ihre Zusammensetzung identifiziert. In Deutschland zählen zu den Substanzen der rezeptfreien Analgetika der N2B-Gruppe zum Beispiel Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen, entweder als Einzelsubstanz oder in Kombination. Unter den rezeptpflichtigen Analgetika der N2B-Gruppe finden sich zum Beispiel in Deutschland darüber hinaus Substanzen wie Naloxon, Tilidin, Codein, Metamizol oder Tramadol als Einzelsubstanz oder in Kombination.

 

Die Absatzzahlen wurden auf standardisierte Zähleinheiten (standardized units, SU) umgerechnet, da aufgrund der unterschiedlichen Packungsgrößen und Darreichungsformen nur so eine Vergleichbarkeit gewährleistet werden konnte. Je nach galenischer Formulierung (die häufigste Darreichungsform war die Tablette) und Art des Wirkstoffs ergaben sich andere Umrechnungsformeln. In vielen Fällen entspricht eine standardisierte Zähleinheit SU ≅ 1 Tablette ≅ 1 ml Tropfen ≅ 10 ml Saft. Die Umrechnung auf Pro-Kopf-Verbrauch erfolgte durch Division der aufsummierten SU durch die amtlichen Bevölkerungszahlen in den jeweiligen Ländern und Jahren (Daten des Statistischen Bundesamtes, Wiesbaden).

 

Für die detaillierte Analyse wurden verschiedene Kategorisierungen vorgenommen und zwar nach Anzahl der Wirkstoffe: (A) Monoanalgetika (enthalten einen Wirkstoff); (A) Kombinationsanalgetika (enthalten mindestens zwei Wirkstoffe, wie Paracetamol, Acetylsalicylsäure, Codein, Coffein oder Phenazetin). In einer weiteren Analyse wurde die Kategorie B zusätzlich unterteilt in: (B1) Coffeinhaltige Mehrfach-Kombinationsanalgetika mit mindestens zwei analgetischen Substanzen und zusätzlich Coffein und (B2) sonstige Kombinationsanalgetika. Niedrig dosierte ASS-Präparate (≤ 300 mg zur Thrombozytenaggregationshemmung/Herzinfarktprophylaxe) wurden nicht den Analgetika zugerechnet und blieben daher unberücksichtigt. Präparate mit Vitaminen und nur einer analgetischen Substanz wurden als Monopräparate klassifiziert. Produkte mit einer analgetischen Substanz plus Coffein wurden als Kombinationsanalgetika gewertet.

 

Statistisch wurde der Zusammenhang zwischen den quantitativen Merkmalen (zum Beispiel Gesamt-Analgetikaverbrauch und des Verbrauches von Mono-analgetika beziehungsweise Kombinationsanalgetika) mittels linearer Regressionsanalyse untersucht. Dabei erfolgt die Vorhersage von Werten einer abhängigen Variablen aus den Werten einer als unabhängig angesehenen Variablen anhand einer Geradengleichung (6). Das Bestimmtheitsmaß r2 (Korrelationskoeffizient im Quadrat) zeigt die Güte des linearen Zusammenhangs zwischen den zwei Variablen. Ist r2 zum Beispiel 80 Prozent, so werden 80 Prozent der Variation der Werte in der abhängigen Variable durch die Variation in der unabhängigen Variablen erklärt.

 

Ergebnisse

 

Internationale Analyse

Der internationale Vergleich für 2005 zeigt, dass der höchste Pro-Kopf-Verbrauch mit 147 standardisierten Zähleinheiten (SU) pro Einwohner unter den hier betrachteten Ländern in Schweden beobachtet wird (Abbildung 1; nur in der Druckausgabe). Es folgen Frankreich mit 141 SU, Australien mit 106 SU, Kanada mit 81 SU, Belgien mit 66 SU, die USA mit 61 SU, Deutschland (West) mit 52 SU beziehungsweise Deutschland gesamt mit 51 SU. Mit 46 beziehungsweise 42 SU weisen die Schweiz und Österreich im internationalen Vergleich den geringsten Pro-Kopf-Verbrauch von Schmerzmitteln auf. Der Pro-Kopf-Verbrauch der Länder Österreich, Schweiz und Deutschland beträgt nur die Hälfte bis ein Drittel der anderen Länder. Betrachtet man die Entwicklungen von 1986 bis 2005 kristallisieren sich zwei Gruppen heraus: Eine Gruppe mit den Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz, deren Pro-Kopf-Verbrauch zwischen circa 40 und circa 50 standardisierte Zähleinheiten pro Jahr beträgt und dadurch gekennzeichnet ist, dass er zwischen 1986 und 2005 relativ konstant war. Demgegenüber steht eine Gruppe von Ländern mit Kanada, Australien, Frankreich und Schweden, deren Pro-Kopf-Verbrauch bereits im Jahr 1986 mit 57 (Aus) bis 105 (S) standardisierten Zähleinheiten pro Jahr deutlich (teilweise fast dreifach) so hoch lag wie bei der ersten Gruppe (siehe auch Abbildung 2; nur in der Druckausgabe).

 

Der bis zu dreifach höhere Verbrauch in Schweden und Frankreich ist nicht durch die Verwendung von Präparaten mit grundsätzlich anderen Zusammensetzungen zu erklären,  zum Beispiel durch Mehrverbrauch niedrig dosierter ASS-Präparate. So kann man keine signifikanten Unterschiede in der Verteilung der SU-Werte von ASS-Monoprodukten feststellen zwischen einer ungewichteten und einer mit mg ASS gewichteten Darstellung (Tabelle; nur in der Druckausgabe). Durch die Gewichtung wird die unterschiedliche ASS-Dosis pro SU berücksichtigt, indem präparatespezifisch die jeweiligen Absatzzahlen (SU-Werte) mit dem Gewichtungsfaktor (entsprechende Dosis ASS in mg) multipliziert und durch die Summe der Gewichtungsfaktoren dividiert wurde.

 

Bemerkenswert bei Ländern mit hohem Analgetikaverbrauch wie Schweden und Frankreich ist, dass deren Verbrauch zwischen 1986 und 2005 sich noch einmal auf 141 SU (F) beziehungsweise 147 SU (S) deutlich erhöhte (Abbildung 2a/b; nur in der Druckausgabe). Dieser Zuwachs ist absolut und prozentual betrachtet deutlich höher als in der ersten Gruppe. So stieg der Verbrauch in der ersten Gruppe zum Beispiel in Deutschland (West) von 45 auf 52 (+16 Prozent) und in der Schweiz von 35 auf 46 SU (+31 Prozent), standardisierte Zähleinheiten pro Jahr. In der zweiten Gruppe demgegenüber in Australien von 57 auf 106 SU (+86 Prozent), in Frankreich von 74 auf 141 SU (+91 Prozent) und in Schweden von 105 auf 147 (+40 Prozent) SU pro Jahr.

 

Der hohe Pro-Kopf-Verbrauch in Schweden und Frankreich basiert auf einem starken Anstieg der Monopräparate in den letzten 15 bis 20 Jahren (Abbildung 2a; nur in der Druckausgabe); dies gilt auch für Australien (dritthöchster Analgetika-Verbrauch). Auch in Deutschland und der Schweiz steigt der Verbrauch an Monoanalgetika in den letzten 20 Jahren an - verbunden mit einem (geringen) Anstieg des Gesamt-Analgetikaverbrauchs in den letzten fünf Jahren (Abbildung 2a; nur in der Druckausgabe). In der Vergangenheit führte ein kurzfristiger Anstieg der Monoanalgetika in Österreich im Jahre 1995 zu einem höheren Gesamtverbrauch, der danach wieder, einhergehend mit einem Rückgang der Monoanalgetika, zurückging. Österreich hat heute im internationalen Vergleich den niedrigsten Anteil an Monopräparaten und den insgesamt niedrigsten Gesamtverbrauch aller untersuchten Länder. Auch in den USA geht der Rückgang der Verwendung von Monopräparaten mit einer Abnahme des Gesamtverbrauchs an Schmerzmitteln einher.

 

Coffeinhaltige Mehrfachkombinationen (mindestens zwei analgetische Wirkstoffe plus Coffein) haben in Australien, Frankreich und Schweden keine Marktbedeutung und stellen damit keine ursächliche Erklärung für den stark ansteigenden Gesamtverbrauch in diesen Ländern dar (Abbildung 2b; nur in der Druckausgabe).

 

Die Korrelationsanalyse über die verschiedenen Länder und Zeitpunkte bestätigt den ausgeprägten Zusammenhang (r2= 81,8 Prozent) zwischen dem Verbrauch an Monoanalgetika und dem Gesamt-Analgetikaverbrauch (Abbildung 3a; nur in der Druckausgabe). Dies bedeutet, dass circa 82 Prozent der Variabilität des Gesamt-Analgetikaverbrauchs durch den Verbrauch mit Monoanalgetika erklärt werden kann.

 

Demgegenüber wird zwischen coffeinhaltigen Mehrfach-Kombinationen und dem Gesamtverbrauch eine sehr schwache Korrelation (r2 = 19,7 Prozent) beobachtet, die zudem negativ ist (Abbildung 3b; nur in der Druckausgabe). Dies stützt die Aussage, dass diese Präparategruppe nicht zu einem Mehrverbrauch auf der Bevölkerungsebene beiträgt, im Gegenteil einem höheren Gesamtverbrauch sogar eher entgegenwirkt.

 

Analyse Deutschland

 

Der Pro-Kopf-Verbrauch an Analgetika in Deutschland ist über die letzten 25 Jahre sehr stabil und liegt aktuell mit 52 SU/Kopf/Jahr geringfügig höher als das langfristige Mittel. Ein Unterschied zwischen West- und Deutschland- Gesamt besteht nicht (Abbildung 4; nur in der Druckausgabe).

 

Die meisten Schmerzmittel in dem hier betrachteten N2B-Markt (Markt der allgemeinen Schmerzmittel) sind rezeptfrei in Apotheken erhältlich (Abbildung 5; nur in der Druckausgabe). Zwischen 1986 und 1995 nahm der Anteil der rezeptfreien Analgetika daran von 25,0 auf 42,7 SU pro Kopf und Jahr stark zu und machte 1995 circa 88 Prozent aller verwendeten Analgetika aus, während der Anteil der rezeptpflichtigen Schmerzmittel um circa 71 Prozent zurückging. Seit dem Jahr 1995 verändert sich dieses Bild mit der Verdreifachung des rezeptpflichtigen Pro-Kopf-Verbrauchs auf circa 18 SU pro Jahr, während die rezeptfreien Schmerzmittel um circa 19 Prozent abnahmen. Neben dem bereits beschriebenen Anstieg der Monoanalgetika ist ebenfalls der Anstieg der rezeptpflichtigen Arzneimittel seit 1995 für den leichten Anstieg des Gesamtverbrauchs an Schmerzmitteln verantwortlich. Dieser erreicht heute wieder das Niveau von 1986. Ein Verbrauch Phenazetin-haltiger Analgetika ist in Deutschland bereits seit 1986 nicht mehr zu beobachten.

 

Im rezeptpflichtigen (Rx-)Bereich der N2B Analgetika, also der allgemeinen Schmerzmittel, haben Kombinationspräparate im Jahr 2005 einen Anteil von circa 33 Prozent am  Gesamtabsatz rezeptpflichtiger Analgetika. Die bedeutendsten Kombinationen sind Naloxon mit Tilidin (14 Prozent) gefolgt von Codein mit Paracetamol (12 Prozent Anteil an allen SU im Rx-Bereich). Unter den Monopräparaten im Rx-Bereich dominieren Metamizol (36 Prozent) und Tramadol (21 Prozent).

 

Diskussion

 

Mit dieser Untersuchung liegen verlässliche, international vergleichbare Analysen zum Analgetikaverbrauch in neun Ländern über einen Zeitraum von zwanzig Jahren vor. Die zugrunde liegenden Daten (DPM) des Institutes für medizinische Statistik gewährleisten eine solide Basis. Die erfassten »Verbrauchsdaten« repräsentieren die zum Verkauf in den Apotheken zur Verfügung stehenden Mengen und stellen eine Näherung der tatsächlich eingenommenen Menge an Schmerzmitteln dar. Die tatsächlich von den Patienten eingenommene Menge an Analgetika ist sehr wahrscheinlich geringer, da rezeptfreie Analgetika typischerweise fester Bestandteil von Haus- und Reiseapotheken sind und aufgrund der begrenzten Haltbarkeit von Zeit zu Zeit ersetzt werden, ohne dass sie tatsächlich (vollständig) eingenommen wurden. Theoretisch könnte dies in den verschiedenen Ländern in unterschiedlichem Ausmaß der Fall sein. Hierzu liegen allerdings keine verlässlichen Daten vor. Es ist unwahrscheinlich, dass mögliche Unterschiede im Gebrauchsverhalten so groß wären, dass sie die beobachteten großen Unterschiede im Pro-Kopf-Verbrauch von Analgetika zwischen den Ländern erklären könnten.

 

Im internationalen Vergleich weisen Österreich, Schweiz und Deutschland den niedrigsten Pro-Kopf-Verbrauch an Analgetika auf. Demgegenüber ist der Verbrauch in Schweden und Frankreich dreimal so hoch, was auf einem starken Anstieg der Monopräparate in den letzten 15 bis 20 Jahren zurückzuführen ist. In der jüngsten Zeit steigt auch Deutschland und der Schweiz der Verbrauch an Monoanalgetika leicht an. Österreich hat heute im internationalen Vergleich den niedrigsten Anteil an Monopräparaten. In den USA geht ein Rückgang der Verwendung von Monopräparaten mit einem Rückgang des Gesamtverbrauchs einher. Die Korrelationsanalyse über die verschiedenen Länder und Zeitpunkte bestätigt den stark positiven Zusammenhang zwischen dem Verbrauch an Monoanalgetika und dem Gesamt-Analgetikaverbrauch.

 

Coffeinhaltige Mehrfachkombinationen, die zwei analgetische Wirkstoffe plus eine weitere Substanz, zum Beispiel Coffein enthalten, können somit nicht ursächlich mit dem stark wachsenden Gesamtverbrauch in einigen Ländern zusammenhängen. Auch die Korrelationsanalyse zeigt, dass diese Präparategruppe nicht zu einem Mehr- oder Vielgebrauch dieser Analgetika auf der Bevölkerungsebene beiträgt, im Gegenteil, sie wirkt diesem eher entgegen.

 

In Deutschland ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Analgetika seit 1980 fast unverändert bei circa 50 SU/Kopf/Jahr. Aktuell liegt er bei 52 SU/Kopf/Jahr und damit geringfügig höher als das langfristige Mittel, ein Unterschied zwischen West- und Gesamt-Deutschland besteht nicht. Diese im internationalen Vergleich sehr stabilen Verwendungswerte waren bereits in den Jahren 1970 bis 1995 zu beobachten (4, 5), mit einer Schwankungsbreite von 47 bis 54 SU/Kopf/Jahr, wobei seit 1979, dem Jahr mit dem höchsten Analgetikaverbrauch, eine kontinuierliche Abnahme in der Schmerzmittelverwendung zu beobachten ist. Zwei Drittel des aktuellen Pro-Kopfverbrauchs in Deutschland sind rezeptfreie Analgetika; der Anstieg in der Verwendung der rezeptpflichtigen Arzneimittel seit 1995 führt zu dem leichten Anstieg im Gesamtverbrauch, der so wieder das Niveau von 1986 erreicht. Phenacetinhaltige Analgetika, die in den 1970er-Jahren noch einen Marktanteil von bis zu 40 Prozent besaßen, sind seit 1986 in Deutschland nicht mehr zugelassen. Bei den coffeinhaltigen Analgetika ist seit 1980 ein stetiger Rückgang (um circa 1 SU per annum) zu beobachten

 

Für die rezeptfreien Analgetika (mit Ausnahme der 400-mg-Ibuprofen-Präparate) gilt eine Dosierungsempfehlung von dreimal täglich ein bis zwei Tabletten. Die zwischen 2003 und 2005 durchgeführte epidemiologische Kopfschmerzstudie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, deren erste Ergebnisse auf dem Deutschen Schmerzkongress 2006 vorgestellt wurden, ergab, dass die Einjahresprävalenz für Kopfschmerzen circa 60 Prozent beträgt und circa ein Drittel der erwachsenen deutschen Bevölkerung mehr als einmal monatlich unter Kopfschmerzen leidet. Nimmt man für diese Patienten an, dass sie ihre Migräne oder Kopfschmerzen an zwei bis drei Tagen pro Monat mit der Hälfte der maximal empfohlenen Tagesdosis, nämlich mit 3 x 1 Tabletten pro Tag behandeln, ohne zu berücksichtigen, dass nur circa 90 Prozent Medikamente verwenden oder sich mit einer geringeren Tagesdosis erfolgreich therapieren, ergibt sich rechnerisch für die Gesamtbevölkerung (geschätzte 45 Prozent Betroffene) ein Pro-Kopf-Verbrauch von 40 SU pro Jahr. Allein der bestimmungsgemäße Gebrauch von Analgetika zur Behandlung die Indikation Kopfschmerz und Migräne kann also den Pro-Kopf-Verbrauch von circa 40 SU pro Jahr erklären. Hinzu kommt die Behandlung von Schmerzen anderer Ätiologie (zum Beispiel Zahnschmerzen, menstruationsbedingte Schmerzen, oder erkältungsbedingte Schmerzen) sowie fast der gesamte durch ärztliche Verordnung bewirkte Analgetikaverbrauch, was in der Abschätzung nicht berücksichtigt ist. Die Prävalenz der die Schmerzmitteleinnahme indizierenden Erkrankungen, als der wichtigste Beurteilungsmaßstab für die Analgetikaverwendung, wird sehr häufig unterschätzt. Auf Bevölkerungsebene ist in Deutschland damit eher von einer Unterversorgung der (Kopf-)Schmerzbetroffenen als von einem Übergebrauch auszugehen. Zusammenfassend ist festzustellen, dass aus den Verbrauchszahlen in Deutschland und auch anderen Ländern, die Behauptung eines nicht-bestimmungsgemäß hohen Analgetikaverbrauchs auf Populationsbasis nicht zu belegen ist.

 

Ebenso wenig führt die Verfügbarkeit von coffeinhaltigen Kombinationsanalgetika auf Bevölkerungsebene zur Induktion oder zum Unterhalt eines nicht bestimmungsgemäßen Mehr- oder Vielgebrauchs von Schmerzmitten, wie über eine lange Zeit mit Verweis auf die »psychotropen Effekte« des Coffeins immer wieder behauptet wurde, die Daten zeigen eher das Gegenteil. Die Risiken des Schmerzmittelmissbrauchs allgemein oder beispielsweise des »medication overuse headache« sollen zwar keinesfalls bagatellisiert werden, doch gilt festzuhalten, dass Abschätzungen aus Untersuchungen zur Analgetikaverwendung, wie der vorliegenden, keine adäquate Methode darstellen, zu diesen Fragen wissenschaftlich fundierte Daten beizusteuern.

 

Zusammenfassung

 

Im Pro-Kopf-Verbrauch von Schmerzmitteln zeigen sich zwischen den in die Analyse einbezogenen Ländern Deutschland, Schweiz, Österreich, Belgien, Kanada, Australien, Frankreich, Schweden und USA, erhebliche Unterschiede. Diese Unterschiede sind auf die Verwendung von Monoanalgetika zurückzuführen; so zeigt sich in Ländern mit einer Zunahme in der Verwendung von Monoanalgetika auch ein Anstieg im Gesamtverbrauch von Schmerzmitteln. Demgegenüber besteht zwischen der Verwendung von coffeinhaltigen Kombinationsanalgetika und dem Analgetika-Gesamtverbrauch eine leicht negative Korrelation, die besagt, dass in Ländern mit einem größeren Anteil an coffeinhaltigen Kombinationsanalgetika am Analgetika-Gesamtverbrauch dieser insgesamt vergleichsweise gering ist. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Schmerzmitteln liegt in Deutschland seit 25 Jahren nahezu unverändert bei circa 50 SU/Kopf/Jahr. Zwischen Deutschland West und Deutschland Gesamt besteht kein Unterschied. Berücksichtigt man die Prävalenz der verschiedenen die Analgetikaeinnahme induzierenden Erkrankungen (Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Zahnschmerzen und so weiter), ist auf der Ebene der Gesamtbevölkerung eine bestimmungsgemäße Verwendung der Analgetika zu beobachten, es ist eher von einer Unterversorgung der (Kopf-)Schmerzbetroffenen als von einem Übergebrauch auszugehen.

 

Anmerkung

 

Die Erstveröffentlichung dieser Studie erfolgte Julie 2008 im offiziellen Organ der European Headache Ferderation (EHF) »Journal of Headache and Pain«. Die vorliegende Arbeit stellt eine überarbeitete Fassung dieser Publikation dar.

Abstract

Verlässliche Daten zum Verbrauch von Analgetika über lange Zeiträume und über verschiedene Länder liegen nur für den Zeitraum von 1970 bis 1995 vor. Auf Basis einer Vollerhebung des Absatzes der Großhändler in die Apotheken und einer circa 1000 Apotheken umfassenden Stichprobe der Direkteinkäufe bei den pharmazeutischen Unternehmen erfolgt ein Vergleich des Pro-Kopf-Verbrauchs in neun verschiedenen Ländern im Zeitraum von 1986 bis 2005. Folgende Länder wurden untersucht: Australien, Österreich, Belgien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Schweden, Schweiz und die USA. Im internationalen Vergleich weisen Österreich, Schweiz und Deutschland den niedrigsten Pro-Kopf-Verbrauch an Analgetika (zwischen 40 und 50 SU/Kopf/Jahr) auf, demgegenüber ist er in Schweden und Frankreich dreifach so hoch. Die Korrelationsanalyse über die verschiedenen Länder und Zeitpunkte bestätigt einen ausgeprägten Zusammenhang zwischen dem Verbrauch an Monoanalgetika und dem Gesamt-Analgetikaverbrauch. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Analgetika von 1980 bis 2005 fast unverändert bei circa 50 SU/Kopf/Jahr. Berücksichtigt man die Prävalenz der die Analgetikaeinnahme induzierenden Erkrankungen, ist in Deutschland auf der Ebene der Gesamtbevölkerung eine bestimmungsgemäße Verwendung der Analgetika festzustellen.

Literatur

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Bundesfachverband der Arzneimittel-Hersteller e. V.: Der Arzneimittelmarkt in Deutschland in Zahlen 2000; Verordnungsmarkt und Selbstmedikation; 19.Auflage 2006. BAH Bonn-Bad Godesberg (2006).

Brass, E. P.: Changing the status of drugs from prescription to over-the counter availability. N. Engl. J. Med. 345 (2001) 810-816.

Mahecha, L.M., Rx-to-OTC switches: trends and factors underlying success. Nature Reviews Drug Discovery. AOP, published online 7 April 2006; doi:10.1038/nrd2028.

Meiner, E.: Analgetika-Verbrauch in Deutschland und ausgewählten Ländern. Pharm. Ind 49:1247-1251 (1987)

Schneider, R., Aicher, B., Der Analgetikaverbrauch von 1970 bis 1995 im internationalen Vergleich. Pharm. Ztg. 144 (1999) 2596-2599.

Godfrey, K., Simple linear regression in medical research. In: Bailar III, J.C., Mosteller, F., (eds.). Medical uses of statistics, 2nd edtion. N Engl J Med Books, Boston, (1992) pp. 201-233.

 

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